
"Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser."
Perspektiven (6)
Immerwährende Begleitung
Im Kolumba-Museum, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, wird zur Zeit unter anderem ein Werk des griechischen Künstlers Jan Kounellis gezeigt. Es besteht aus drei Teilen: einer funzeligen Wandlampe, einem altmodischen Garderobenständer, an dem Hut und Jacke hängen, und einer übergroßen Wandfläche mit glänzenden Goldmosaiken. Ein Werk der "Arte Povera", einer Kunstrichtung, in der auf Überflüssiges verzichtet wird. Der Künstler nennt seine Arbeit "Bürgerliche Tragödie", gibt sie für unsere Interpretationen frei.
Ich trete näher, stutze: Wo beginnt das Kunstwerk? Ehe ich mich versehe, fängt es mich ein und spricht mich an: So ist das Leben, sagt es, Tag für Tag steigst du in deine Kleidung und legst sie wieder ab. Ebenso steigst du in deine Pflichten, in Konventionen und Krisen ein und irgendwann daraus wieder aus. Hängst Vergangenes an einen Garderobenständer. Und dann gibt es im Leben diesen Goldgrund, dieses immerwährende Hoffnungszeichen, das nicht an den Wechsel der Zeiten, der Stimmungen gebunden ist. Dieses Symbol für Ewigwährendes. Als Angebot, als Vision. Ich trete zurück. Gehe auf Abstand. Frage mich: Haben die beiden etwas miteinander zu tun? Der Garderobenständer und der Goldgrund?
Der älteste Psalm im Buch der Psalmen des Alten Testaments ist Psalm 23. In diesem Psalm geht es darum, dass ein Mensch sich bei jedem Schritt seines Lebens und im Tod der Gegenwart Gottes sicher ist. Es ist ein Vertrauenspsalm in Gottes immerwährende Begleitung. Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser um seines Namens willen.
Der Name Gottes lautet in der Ursprache der Bibel, im Hebräischen, JHWH. Das heißt sinngemäß: Ich bin für dich da. Vertieft man sich in die Texte des Alten und Neuen Testaments, so wird deutlich, dass dieses Dasein Gottes für uns Menschen nicht an Bedingungen geknüpft ist. Gott fragt nicht nach unseren Leistungen oder wartet auf besonders erhabene Momente, um uns nahe zu sein. Sein Führen, sein Leiten geschieht im Gewöhnlichen, im Banalen, im Unverdienten.
Der Verfasser des 23. Psalms beschreibt sein Leben mit Gott als Einheit. Damit bringt er den Garderobenständer, an den wir unsere Gewohnheiten und Alltäglichkeiten hängen, in Zusammenhang mit der goldenen Wand. Er löst die Beziehungslosigkeit auf und verbindet die beiden miteinander. Es geht ihm nicht darum, nur auf den Garderobenständer zu starren und sich im Irdischen zu verfangen. Genauso wenig richtet er seinen Blick weltfremd und weltvergessen nur auf das abstrakte Jenseits. Nein, der Psalmist weiß einerseits realistisch um unser menschliches Dasein und findet andererseits selbst in größten Nöten Sinn und Überlebenshilfe im lebendigen Gott.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürcht ich kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Solch vertrauensvoller Glaube befreit aus der Lebenshaltung, sich nur auf sich selbst verlassen zu müssen, sich selbst als Maßstab aller Dinge zu setzen. Er ermutigt, sich in den schlimmsten Augenblicken – und gerade dann – auf Gott zu verlassen, der sich uns jederzeit als tragender Hintergrund anbietet.
Das Kölner Museum Kolumban lädt mit jährlich wechselnden Ausstellungen Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich durch ungewöhnlich kombinierte Kunstwerke zu eigenen Lebensfragen herausfordern zu lassen. Gerade auch zu geistlichen Fragen wie dieser, die das Kunstwerk von Jan Kounellis provoziert: Haben der Garderobenständer und der Goldgrund etwas miteinander zu tun? Für mich in meinem schönen, schweren Leben?
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Text: Petra Fietzek | Foto: Michael Bönte
09.01.2010
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