
Sonnenaufgang am See Gennesareth.
Perspektiven (4)
Morgenglanz der Ewigkeit
Noch ist es morgens lange dunkel. Noch braucht die Morgensonne starke Kraft, um die Dunkelheit der Nacht mit ihren wärmenden Strahlen aufzulösen. Dabei sehnen wir uns gerade morgens nach Helligkeit, die uns den Aufbruch in den neuen Tag erleichtert. Von solcher Sehnsucht zeugen viele geistliche Morgenlieder. So auch der im 17. Jahrhundert verfasste Text Morgenglanz der Ewigkeit des Barockdichters Christian Knorr von Rosenroth.
Die erste Strophe lautet: Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschaffnen Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte, und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.
In eindrucksvoller Weise werden hier zwei Ebenen miteinander verbunden: Zum einen die reale Wirkung der Morgensonne, zum anderen ihre geistliche Bedeutung. Der Dichter spricht die morgendliche Sonne direkt an und nennt sie Morgenglanz der Ewigkeit. Er stellt heraus, dass die uns umgebende Wirklichkeit in einem weit größeren Sinnzusammenhang steht und das Sonnenlicht, das wir wahrnehmen, Hinweis auf göttliche Dimension enthält.
Immer wieder wird in Texten des Alten und Neuen Testaments der Bibel von der Bedeutsamkeit des Lichts berichtet. Davon spricht die Schöpfungsgeschichte. Davon spricht Jesus, der von sich sagt: Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist. Licht und Finsternis. Hell und Dunkel. Tag und Nacht. In diesem Dualismus leben wir. Nicht nur, was den Wechsel der Zeiten angeht, sondern auch in den Wechselweisen unserer Seele.
Gitterköpfe nennt der 1932 in Aachen geborene Maler und Priester Herbert Falken jene Bildwerke, die er in den Jahren 1991-1993 schuf. Auf Papier malte der heute in der Eifel lebende Künstler immer wieder Variationen des einen Themas: Lichtsuche. In großformatigen Kopfgebilden lässt Herbert Falken das Ringen zwischen Hell und Dunkel mit dicken, schwarzen Pinselstrichen, mit Grauzonen, mit leuchtend weißen Feldern stattfinden. Nicht aggressiv und zerstörerisch, sondern mitfühlend, einfühlend.
Es ist, als ob der erfahrene Seelsorger mit seinen Bildern sagen wolle: So ist unser irdisches Sein. So leuchten darin spaltweise Glück auf, spaltweise Hoffnung, spaltweise Gotteserfahrung, doch wie ein Gitter stehen unsere Zweifel, Selbstquälereien und Konventionen dem im Weg. Immer wieder.
Im Entstehungsverlauf der Gemälde nimmt die Helligkeit in den Gitterköpfen zu, schiebt die dunklen Balken ineinander, erkämpft sich Klarheit, Weite und Ruhe. Es scheint, als ob die Kraft des Lichtes unaufhaltsam sei, wenn der Mensch sich dafür öffnet – und sei es nur einen Spalt breit.
In seiner Lichtsuche geht es Herbert Falken um Gottsuche. Er entdeckt Gott mitten in der finsteren Nacht irdischen Seins, sieht darin - wie viele Mystikerinnen und Mystiker - eine wichtige Chance der Gottesbegegnung. Nicht als psychologische Vertröstung, um schwierige Situationen auszuhalten, sondern in gläubigem Vertrauen in den großen Sinnzusammenhang des Lebens, der unseren kleinen Verstand weit übersteigt.
Mit dem Begriff Nacht wendet sich auch der Dichter Knorr von Rosenroth den Dunkelzonen des Alltags zu, bündelt darin Ängste, Schmerz, Enttäuschung, Ausweglosigkeit. Im Gegenbild des Lichts der Morgensonne ermutigt er jedoch, sich nicht den Widrigkeiten des Lebens hoffnungslos ausgeliefert zu fühlen, sondern mit der hilfreichen, Sinn gebenden Gegenwart Gottes rechnen zu lernen.
Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschaffnen Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte, und vertreib mit deiner Macht unsre Nacht.
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Text: Petra Fietzek | Foto: Michael Bönte
07.01.2010
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