
"Das Mysterium findet auf dem Hauptbahnhof statt."
Perspektiven (1)
Aus der Rolle fallen
Wenn unser Hund sich am Morgen von seinem Lager erhebt, reckt und streckt er sich ausgiebig. Es ist ein wohliges Tun, bei dem das Tier seine Muskeln und Sehnen weitet, den im Schlaf träge gewordenen Körper für die Anforderungen des Tages elastisch macht. Eine Art Morgengymnastik.
Heute Morgen möchte ich Ihnen jedoch eine ganz andere Art Gymnastik vorstellen, die weit über diesen Tag hinausreicht. Sie lautet: Du musst mal aus der Rolle fallen, damit du aus der Falle rollst. Diese Übung interessiert unseren Hund in keiner Weise, aber mich. Warum? Warum ist es für mich wichtig, ab und zu aus meinen Rollen zu fallen?
Weil ich mir dann bewusst mache, welche Rollen ich einnehme. Nicht nur in der Familie oder im Beruf, sondern auch in meinem Inneren, in meiner Seele. Es kann sein, dass ich mich immer wieder dabei erwische, den Herausforderungen des Lebens angespannt oder überverantwortlich zu begegnen. Dass ich den Alltag für mich, für andere perfekt planen und im Griff haben möchte. Dass ich mich in Situationen hineinsteigere, die bei Licht gesehen harmlos sind.
Es tut gut, aus solchen Rollen zu fallen, denn solche Rollen sind tückische Fallen, die Lebendigkeit einengen und das Dasein beschweren. Sie verleihen jenen Tunnelblick, der uns nur weit unter unseren Möglichkeiten leben lässt.
Wie können solche Rollen aber verändert werden? Vor allem dadurch, dass wir andere Möglichkeiten in den Blick nehmen, die die festgefahrene Perspektive lösen und uns durch Perspektivwechsel in neue Verhaltens- und Denkweisen einüben.
Das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott. Es ist gleich, ob wir die Frage nach Gott aus unserem Horizont entfernt haben oder ob wir Gott nach unserem Willen funktionieren lassen möchten oder ihn als passive Größe in unerreichbare Himmel versetzt haben.
All diese Rollen des Unglaubens oder Kleinglaubens bringen uns nicht in Beziehung zum lebendigen Gott Jesu Christi. Der christusorientierte Künstler Josef Beuys formulierte provokant: Das Mysterium findet auf dem Hauptbahnhof statt. Dort, mitten im Staub, im Lärm, im Unterwegssein, im Ankommen, im Abschied, im Erwarten lässt sich der geheimnisvolle Gott entdecken.
Wieder und wieder haben Menschen im Alten und Neuen Testament der Bibel die Erfahrung gemacht, dass Gott sich genau in dem zeigt, was ist. Keine hohe Theologie, kein Warten auf besonders glückliche Umstände fördern die Chance, mit Gott in Berührung zu kommen. Es sind unsere Erfahrungen im Gewöhnlichen, im Alltäglichen, im Jetzt und Hier, die uns in einen Gottesbezug hinein verwandeln können. Davon sprechen alle Texte der Bibel in Beispielen von ganz gewöhnlichen Menschen mit ihren verwundeten Lebensgeschichten.
Diese Zusage Gottes, gegenwärtig zu sein und Leben individuell zu begleiten, gilt für jeden Menschen und sei der Mensch noch so verstrickt in Schuldgefühle, Intrigen oder Schmerz. Es liegt an uns, aus der Rolle der eigenmächtigen Selbstüberschätzung zu fallen und uns auf Gottes unablässige Begleitung zu verlassen. Gerade in den Unverständlichkeiten unseres Daseins.
Auf mittelalterlichen Bildern wurden Heilige oft in der damals zeitgenössischen Kleidung dargestellt: Maria trägt das Gewand einer vornehmen Frau des 15. Jahrhunderts, die Heiligen drei Könige erscheinen in der prachtvollen Kleidung höfischer Edelleute. So nah wurden biblische Ereignisse in die damalige Zeit hineingezogen. So selbstverständlich konkret wurde Gottes lebendiges Wirken als gegenwärtig erlebt.
Und heute? Kirchenräume leeren sich. Gemeinden werden kleiner. Doch sollte die wichtigere Sorge sein, dass unsere Vorstellungen von Gott nicht leer und kleinlich werden. Vielmehr sollten wir den Mut haben, in unserem persönlichen Glauben aus allzu engen Rollen zu fallen und den Gott Jesu Christi immer wieder neu als überraschend und weitend zu entdecken. Hier und heute.
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Text: Petra Fietzek | Foto: Michael Bönte
04.01.2010
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