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25.05.2012
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Königstür einer Ikonostase.

Königstür einer Ikonostase.

Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg zum Advent: Gottesarbeit (3)

Lange genug belagern

"Wenn jemand einen biblischen Text lange genug belagert, auch meditativ, nicht nur wissenschaftlich, dann gibt er oft mehr her, als man denkt." (Kardinal Karl Lehmann).
Eine Festung wird solange belagert, bis ihre Mauern fallen und sie ihr Leben preisgibt.
So auch Gottes Wort, intensiv und lange genug, wissenschaftlich und betend! "Gottesarbeit", wie sie alle engagierten Vermittler kennen. Mühsame Zugänge zum Wort Gottes als "sein Wort" und eigene inständige "Worte ins Schweigen".

Gott öffnet sich uns

Wenn der Bedürftige lange genug anklopft, wird ihm geöffnet und gegeben wie dem bittenden Freund im Gleichnis (Lk 11,5-8). Gott öffnet sich uns, er "öffnet seine milde Hand und erfüllt alles, was da lebt mit Segen" - wie er es will.
Denken wir (noch) so, erwarten wir es ernsthaft, bitten wir inständig, weil wir davon überzeugt sind? Oder ist das "der Gott von gestern"?

Viele gehen ihren Weg und "lassen Gott einfach gehen" und trauen auch seinem Sohn nicht über den Weg. Ihr Abwehrgestus: Alles nur Mythen und Märchen! Keine heiligen Worte! Auch kein ernsthafter Versuch, sich mit der "Wahrheit" der Texte auseinander zu setzen, kein Ringen um die Botschaft der Evangelien, geschweige denn, sie in jener Geisteshaltung zu lesen, in der sie geschrieben sind.
Oder Angst vor dem, was Jesu Botschaft bei ihnen auslösen könnte, denn sie konfrontiert mit der Wirklichkeit Gottes und der Wahrheit des Menschen bzw. unseres Lebens. Ob glaubensfern oder kirchennah, alle stoßen auf sich selbst, wenn sie sich dem Wort öffnen.

Und Jesus? "Die deutlichste Stimme Gottes unter vielen" (Dorothee Sölle). Der Mensch, der die Gesichtszüge Gottes zeigte wie niemand sonst vor und nach ihm? Inwiefern? Der, in dem sich Gott der Welt am meisten öffnete.
Vorwiegend mit uns beschäftigt, kommen wir selten "auf seine Höhe". Noch in der Zuwendung zu anderen bleiben wir im eigenen Drehkreis verfangen.

Auch Gläubige haben Mühe, seine Stimme zu hören und nicht schon als bekannt vorauszusetzen, d.h. abzuwehren. Wenn die Verkündigung seiner Botschaft auf dem Niveau allgemeiner Lebenshilfeappelle oder Achtsamkeitsempfehlungen stehen bleibt, ist der Christusbezug offensichtlich ausgeblendet: "Seid wachsam, damit ihr einmal mit eurem Leben zufrieden sein könnt!" (so in einer Morgenandacht). Hier ist das Evangelium offenbar nicht belagert worden.
Auch kirchliche Bibelkreise sind in der Gefahr, bei spontanen Einfällen, persönlichen Assoziationen und Gedanken zu einem Text stehen zu bleiben - also bei sich selbst, wenn sie sich der textgerechten Erschließung und dem fremden Anspruch nicht stellen.

Es lagert ein Bote von IHM rings um die ihn Fürchtenden und schnürt sie los

Die Perspektive wechselt in Ps 34,8 (übers. M. Buber): Nicht wir umlagern, sondern Boten Gottes, "ein Bote von IHM". In der Einheitsübersetzung: "Der Engel des Herrn umschirmt alle, die ihn fürchten und ehren, und er befreit sie."
Die in ihrer Furcht Eingeschlossenen (Verschnürten) fühlen sich bedroht.
Jahwe selbst ist in der alttestamentlichen Bildsprache ein verlässlicher Schutzgürtel: "Ich selbst werde für die Stadt ringsum eine Mauer aus Feuer sein" (Sach 2,9). In der Savanne galt ein Feuergürtel als Schutz gegen die Löwen.
Die Repräsentanten und Boten Gottes verkörpern seinen göttlichen Schutz und seine begleitende und befreiende Hand.
Engel galten als dienende Wesen, die zwischen den höheren Mächten und den Menschen vermitteln. Sie sind Zeugen seiner Kraft, Größe und Herrlichkeit.
Als Gottes "Stellvertreter" und "Engel des Herrn" schützen sie die Menschen, helfen ihnen und heilen sie.

An Weihnachten denken wir an Maria und die Hirten von Betlehem (Lk 2,8 f.):
"Mit dem Erscheinen des Engels umleuchtet Gottes Herrlichkeit die Hirten ... Als Erscheinungsort der Herrlichkeit Gottes auf Erden gilt sonst der Jerusalemer Tempel" (Wilfried Eckey).
Wo Gott aufleuchtet, reagieren Menschen mit Furcht: Gottesfurcht. Die Aura seiner Boten ist
"Licht von seinem Licht" - "Der Glanz des Herrn umstrahlte sie".
Gottesfürchtige brauchen keine Angst zu haben, wenn sie in den Bannkreis des Heiligen geraten. "Furcht gibt es nicht in der Liebe!" (1 Joh 4,18). - "Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude!" Der Engel des Herrn ist Botschafter der Liebe Gottes. Er nimmt die Ängste - "schnürt sie los". Er befreit "die ihn Fürchtenden".
Er entbindet, was sie niederhält und was die Eingemauerten "umlagert". Er öffnet die "Festung Mensch".
Dann erweist sich das Menschenwort der Heiligen Schrift als "Gotteswort, was es in Wahrheit ist" (1 Thess 2,13).

Ort der Gegenwart Gottes

Für Gläubige sind es keine alten Hirtengeschichten. Je mehr wir "Gottesarbeit" leisten, um so intensiver spüren wir von Zeit zu Zeit, wo und wie er uns umschirmt, losschnürt oder befreit.
In gläubig betender Aufnahmebereitschaft erreicht uns die Stimme Gottes: "So spricht der Herr".
Wir hören, was eigentlich nicht zu hören ist, wenn wir die Evangelientexte nur wahrnehmen wie andere Erzählungen, Lieder oder Gedichte (Schule, Universität).
Gläubige entwickeln einen geistlichen Sinn, den Sinn für das "unterscheidend Göttliche".
Gläubig verwurzelte Lehrer(innen) und Dozenten(innen) leiden darunter, dass sie diesen geistlichen Zugang im Rahmen ihres Auftrags nicht vermitteln können: Das Wort der Schrift als Wort der Gegenwart Gottes, ein Kraftzentrum des Himmels im Menschenwort.

Wir leben im Glaubens- und Überlieferungsstrom derer, die daran festhalten, dass der Gott Israels in seinem Boten aus N. einmalig und unwiderruflich Gestalt angenommen hat, geboren von der Jüdin Miriam.
Sie ist das Urmodell gläubig betender Aufnahmebereitschaft. So hat es die christliche Tradition immer dargestellt. Davon unabhängig die historische Frage, ob die junge Jüdin das alttestamentlich theologisch befrachtete Magnificat gesprochen haben kann. Ob nicht wahrscheinlich palästinensische Kreise der frühen Kirche Maria das Loblied in den Mund gelegt haben, um sie zu ehren. "Wer könnte das Geheimnis und die Bedeutung des Anfangs Jesu gültiger besingen als die Mutter des Herrn" (H. Schürmann)?

Gottes dünne Gegenwart

Seine Botschaft ist nicht von gestern und fällt nicht aus der Zeit. Sie bleibt für uns gültig und gegenwärtig. Wer sich seiner Stimme öffnet und ihn in sein Leben hineinlässt (vgl. Offb. 3,20), wird es merken. Mit ihm steht Gott vor der Tür meines Lebenshauses. Nicht als Hausierer. Kein Klinkenputzer. Keiner, der lautstark und aufdringlich Einlass fordert. Das scheue Klopfen und die meistens leise Stimme von oben können überhört werden, je nachdem, wie laut es in meinem Innern ist.
Gottes dünne Gegenwart! "Draußen vor der Tür!" - Vielleicht wie ein Heimkehrer zu denen, die ehemals zu "den ihn Fürchtenden" gehörten.
Ein Gott, der an und in unserem Lebensraum wartet, anklopft und eintreten möchte.
Bei jedem "zur rechten Zeit" - zu seiner Stunde. Auch "Speise zur rechten Zeit" (s. Ps 104). - Vielleicht nur ein Wort, eine Zusage, die hoffen lässt. Ein Wort, das meinen Lebensboden erreicht und bei mir "Fleisch wird".
Das Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizäa dürfen wir auch persönlich nehmen (Offb 3).

Skeptische Querfragen gab es schon damals:
 - Warum sollte ich ihn einlassen, wenn "mir nichts fehlt" (3,18), wenn sich auch so ganz gut leben lässt?
Aber auch die Selbstbefragung:
- Höre ich seine Stimme nicht, weil ich gar nicht "zuhause" bin? Immer irgendwie außerhalb, nicht ganz bei mir selbst, abgelenkt und beschäftigt, gar aktivistisch auf der Flucht? Zentrifugal zerfasert? Ist mein Inneres zu sehr ausgefüllt mit Vielerlei, sodass kein Platz mehr bleibt - für IHN?
"Nicht alle haben Raum für dieses Wort" (Mt 19,12).
Schafft Weihnachten Leerräume, in denen der letzte und entscheidende Bote Gottes mich
"umlagern" könnte, der anklopft, eintritt und losschnürt?

Wir danken Gott unablässig dafür, dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gotteswort angenommen habt (1 Thess 2,13).

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Text: Öffnet internen Link im aktuellen FensterHermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
11.12.2009

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