
Eine Jordanquelle.
Geistliche Impulse von Dr. Hermann-Josef Silberberg zum Advent: Gottesarbeit (1)
Wie ein Ertrinkender nach Luft schnappt
Tiziano Terzani, Journalist und Kulturphilosoph, überliefert eine Schüler-Meisterszene aus Fernost (in: Fliegen ohne Flügel): Ein junger Mann behauptet, auf der Suche nach der "Wahrheit" zu sein. Sein Meister führt ihn zum nahen Bach, drückt seinen Kopf unter Wasser, bis er fast erstickt, zieht ihn hoch und fragt: "Nun, was wolltest du mehr als alles andere auf der Welt, als dein Kopf unter Wasser war?" – "Luft", hauchte der Schüler. "Nun denn, wenn du so sehr nach der Wahrheit verlangst, wie gerade eben nach Luft, dann erst bist du bereit" (662).
Als wir noch gläubig vernetzt waren
Der Kontrast zu meinem katholischen Herkunftsmilieu könnte nicht größer sein. Gott-Suche war kein Thema. Die Gotteswahrheit stand fest. Wer nicht glaubte, galt als dumm oder böswillig. Der Weg zu Gott war rituell vorgegeben. Wer ihn im Strom der Gläubigen mitging, war fast immun gegen Infragestellungen. Gott war ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens und Sterbens. Nur in äußerster Not ging der Atem, der nach Gott verlangte, etwas schneller.
Der Kontrast zu den jetzt Heranwachsenden könnte wiederum nicht größer sein. Denn für die meisten ist Gott kein Thema. Man kennt zwar noch das Wort vom Hörensagen und aus den Medien. Aber Gott ist jenseits ihres Denkens und Fühlens, irgendwie ausgelagert aus dem seelischen Haushalt: Kein Herzensanliegen, nichts Ernsthaftes, weder Notschrei noch Sehnsuchts- oder Glückspol. Kein Rettungsanker, höchstens ein Kulturgut aus dem Unterricht. Kein Wort mehr, das persönlich der Rede wert wäre. Nichts, was einen aufregen oder beunruhigen könnte.
Natürlich - durchaus manchmal quasi-religiöse Gefühlswallungen oder Umfassungsgefühle bei ekstatischen Events. Kommende Generationen scheinen auf bisher nicht gekannte Weise gegen den Anspruch und die Botschaft der Kirchen immunisiert zu sein.
Der Realismus solcher Feststellungen schmerzt. Es gibt auch dann nichts schön zu färben, wenn hier und da einzelne Jugendliche oder kleine Gruppen aus diesem Rahmen fallen. Zu fragen ist eher: Wann und wodurch werden auch sie gott-los werden?
"Bei der Weitergabe des Glaubens scheinen die natürlichen Familienbande eher zu versagen. Hier gilt, dass Kinder religiös kaum interessierter Eltern sich im Allgemeinen religiös noch stärker distanzieren und dass selbst bei einem gut christlichen Vater und einer gut christlichen Mutter die Nachkommen abdriften" (Christ in der Gegenwart, 47/08). Wo soll eine neue Gottes-Nachdenklichkeit oder Gottesahnung entstehen?
Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit
Das liegt uns schon näher. Gerechtigkeit in unserer Welt und unseren Verhältnissen, nicht erst jenseits unseres Lebens? Seit biblischen Zeiten war diese Sehnsucht mit Gott verbunden, dem Gott der Offenbarung. Er hatte sich an eine kleine religiös und politisch unbedeutende Gruppe gebunden. Diese Leute waren ursprünglich keineswegs "Gottsucher". Das änderte sich erst, nachdem Gott sich ihnen mitgeteilt hatte. Aber auch dann noch flüchteten sie immer wieder vor ihm und waren vom "Götzendienst" ihrer Umwelt angetan. Tora und Sabbat wurden schließlich zum Angel- und Eckpunkt jüdischer Gottverbundenheit und jüdischen Lebens.
Orthodoxe Lehrer dieses Glaubens sorgten dafür, dass er bewahrt, gepflegt und vor allem von Kindsbeinen an gelernt wurde. Noch heute werden sie dafür vom Staat Israel bezahlt, dass sie "Gottesarbeit" leisten, denn so nannte ein jüdischer Reiseleiter das Beten und das Studium der Heiligen Schriften, die Feier der Gottesdienste und die Unterweisung der Schüler im Glauben. Sie sollen den Hunger nach Jahwe und seiner Gerechtigkeit lernen und vor allem die Ehrfurcht vor dem unbegreiflichen Geheimnis des Allerhöchsten, damit sie "die Wahrheit tun."
Glaube ist schwer erziehbar
Statt Gottesarbeit sprechen wir speziell von Gottesdienst. Eine gewisse Engführung! Denn überall, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, ist er unter ihnen (s. Mt 18, 20).
Nach der Auflösung der Kleinfamilie scheint diese immer weniger der Ort zu sein, wo man sich in seinem Namen versammelt. Auch viele Eltern werden sich fragen: "Wer sind wir, dass wir von Gott sprechen? Er ist ja auch für die meisten von uns eine Figur im Nebel, die wir nur noch von früher her, d.h. vom Hörensagen her kennen. Auch wir haben nicht mehr das Gefühl, dass wir "in dem sein müssen, was seines (Jesu!) Vaters ist." - Gottesdienst?
Warum sollten unsere Kinder noch einen "Gott gebrauchen"? Gott als "Quelle des Lebens"?
Wir stellen fest: Der Nährboden des christlichen Glaubens - die Familie - fällt weitgehend aus. Andere Einflussbereiche sind zudem viel stärker. Aber welche Kleinstrukturen können die Weitergabe des Glaubens tragen?
Offene Zellen, alternative "Glaubensnetzwerke", neue Gemeinschaften "in seinem Namen" - und nicht in ihrem eigenen. Ihre Art zu leben weist auf den, der sie zusammenführt. Sie wollen "seine Zeugen sein". Außenstehende werden aufmerksam: "Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört: Gott ist mit euch" (Sach 8,23).
Kleine Gruppen beginnen die Neuformung der Kirche. Sie wissen wie Paulus damals, dass sie "ihren Schatz in zerbrechlichen Gefäßen tragen"; und für Nachwachsende, die ernsthaft zu fragen beginnen und sich auf die Suche nach glaubwürdigen Zeugen machen, wird auch deutlich, "dass das Übermaß an Kraft von Gott und nicht von uns kommt" (2 Kor 4,7).
Ob Gottesferne, Gottesfinsternis oder Gottverlassenheit, wo aufrichtige Gottsuche beginnt, erreicht uns auch heute die alte Weisung:
Dort - in der Verbannung - werdet ihr den Herrn, deinen Gott, wieder suchen.
Du wirst ihn auch finden, wenn du dich mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele um ihn bemühst (Dtn 4, 29).
Spruch des Herrn: Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden (Jer 29,14).
Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist (Jes 55,6).
Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele Gott nach dir (Ps 42,2).
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Text:
Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
27.11.2009
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Die Übersicht über Gebete und Bibelstellen lädt ein, die Seele atmen zu lassen.
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Marienmonat
Als schönster Monat des Jahres soll der Mai der "schönsten aller Frauen" geweiht sein. Maialtäre und Maiandachten entstammen einer barocken Frömmigkeitstradition.
Neues Seelsorgekonzept
Im Bistum Münster wird derzeit ein neuer Diözesanpastoralplan erstellt. Er soll Schwerpunkte der Seelsorge benennen. Ein erster Entwurf steht zum Herunterladen bereit.
Landvolkshochschule
Mit einem Festakt wurde der langjährige Direktor der Landvolkshochschule "Schorlemer Alst", Johannes K. Rücker, in den Ruhestand verabschiedet.
Dossier: Maria
Maria ist die Mutter Jesu Christi - und hat daher eine besondere Stellung im christlichen Glauben.
Heilige und Selige
Das Bistum Münster kann auf viele Frauen und Männer zurückblicken, die ein herausragendes Zeugnis für den christlichen Glauben abgelegt haben.
Kommunionempfang
Erzbischof Robert Zollitsch setzt sich weiterhin dafür ein, dass Katholiken auch nach Scheidung und Wiederheirat die Kommunion empfangen können.
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