
Die Figur des Apostels Paulus vor der Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom.
Grenzübertritte - Szenen aus der Apostelgeschichte (5)
Paulus erleidet Schiffbruch
"An den Kaiser hast du appelliert, und zum Kaiser sollst du gehen", sagt der römische Statthalter Festus zu Paulus, dem Angeklagten (Apg 25,12). Das Wort ist pure Heuchelei. Paulus ist nur noch in Haft, weil er sich weigert, die Richter zu bestechen. Der Statthalter will den unbequemen Apostel loswerden. Paulus hingegen will nach Rom, und er nutzt die juristischen Möglichkeiten, die sich ihm bieten, um sein Ziel zu erreichen, wenn auch auf ungewöhnliche Weise. Er wird einem Gefangenentransport zugeteilt; auf einem Handelsschiff soll er, bewacht von einem kleinen Kommando, nach Rom überführt werden.
Doch der Plan geht schief. Widriges Wetter behindert die Fahrt. Warnungen des Apostels, der etwas vom Segeln verstand, werden in den Wind geschlagen, ein Sturm bricht los, und das Schiff treibt, ohne manövriert werden zu können, zwei Wochen auf dem Mittelmeer. Der Kapitän und die Matrosen tun alles, was in ihrer Macht steht (Apg 27,16-19): Sie raffen die Segel, sichern das Beiboot, vertäuen das Schiff, setzen einen Treibanker aus, werfen Ballast ab: Es nützt alles nichts. Sie werden Schiffbruch erleiden.
Die Situation spitzt sich zu, als nach Tagen, da weder Sonne noch Sterne zu sehen waren, Land in Sicht ist. Erst wollen die Matrosen sich mit dem Beiboot absetzen, was Paulus bemerkt und die Soldaten verhindern (Apg 27,30ff.). Dann muss die Getreideladung über Bord, damit das Schiff nicht zu tief im Wasser liegt (Apg 27,38). Schließlich werden die Treibanker gekappt, die Vorsegel gehisst und die Haltetaue des Steuerruders gelöst, damit das Boot in einer flachen Bucht auf den Strand laufen kann (Apg 27,39f.). Doch der Bug bohrt sich in eine Sandbank, und das Heck wird von den Brandungswellen zerschlagen. Die Soldaten wollen die Gefangenen töten, damit sie nicht fliehen; doch der Hauptmann verhindert es. (Apg 27,42f.). Alle Mann müssen über Bord – und alle erreichen das rettende Ufer, teils schwimmend, teils festgeklammert an Bootsplanken und Schiffstrümmern (Apg 27,43f.). 276 Menschenleben werden gerettet.
Glück im Unglück. Ohne den römischen Kommandanten wäre die Sache für Paulus nicht so glimpflich ausgegangen; aber ohne Paulus wären alle umgekommen: Er behält einen kühlen Kopf; er macht den Menschen an Bord Mut, weil er von einer göttlichen Vision zu berichten weiß, dass er in Rom vor einen kaiserlichen Richter treten werde; er sagt den Schiffbruch voraus, aber auch die Rettung aller Menschenleben; er gibt praktische Tipps zum Überleben der Katastrophe; er geht, bevor alle ins kalte Wasser springen, mit gutem Beispiel voran, indem er Brot nimmt, Gott dankt und sich vor aller Augen stärkt: Das Leben geht weiter.
Paulus hat dem Tod oft ins Auge geschaut. Er hat auch hier die Grenze zum Leben überschritten und viele Menschen mit sich genommen. In Rom wird er Jahre später als Märtyrer sterben. Aber mit dem Schiffbruch beginnt eine neue, die letzte Phase seines Lebens. Die Rettung vor Malta wird zum Zeichen der Hoffnung, dass auch das Leben des Paulus und aller anderen Menschen gerettet werden wird, mögen sie auch noch so oft Schiffbruch im Leben erleiden.
In Malta zeichnet sich ab, welche Bedeutung Paulus noch erlangen wird. Paulus wird von einer Schlange gebissen, erleidet aber keinen Schaden. Auf der Insel, auf der sie überwintern, knüpft er Kontakte zum obersten Verwaltungsbeamten, Publius mit Namen. Die Apostelgeschichte rühmt seine Gastfreundschaft; Paulus heilt seinen kranken Vater – und gibt dadurch etwas vom Evangelium zu erkennen: Der Apostel hat keinerlei Berührungsängste; er geht auf die Menschen zu; er hat keine Scheu, ein Wohltat anzunehmen. Er muss nicht um jeden Preis missionieren – denn er ist seines Gottes gewiss, dass er die Toten lebendig macht.
Wer in Malta Ferien macht und die Insel per Schiff oder Flugzeug erreicht, betritt ein immer noch sehr katholisches Land zwischen Europa und Afrika. Lange Zeit ein militärischer Stützpunkt, heute ein gefährliches Ziel von Flüchtlingsbooten, kann man nur hoffen, dass sich hier, an der Grenze der EU, der paulinische Geist des Frieden verbreitet.
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Übersicht: Thomas Söding
Text: Thomas Söding | Foto: Markus Nolte
30.10.2009
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