
Darstellung des heiligen Petrus auf dem Petersplatz in Rom.
Grenzübertritte - Szenen aus der Apostelgeschichte (3)
Petrus tauft den ersten Heiden
Petrus gehört nach Jerusalem. Aber er klebt nicht an der Heiligen Stadt. Die Apostelgeschichte erzählt, wie intensiv er sich der Verbreitung des Evangeliums gewidmet hat. Über die Grenzen der Stadt hinaus ist er nach Judäa aufs Land gezogen; sogar nach Samaria, zu den Erbfeinden, ist er gleich in den ersten Jahren der Kirche vorgedrungen. Er hat sich zu Herzen genommen, was Jesus nach seiner Auferstehung gesagt hat: "Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Welt" (Apg 1,8).
Aber leicht ist es Petrus nicht gefallen, mit dem Evangelium in immer größere Weiten vorzustoßen. Viele Grenzen hat er überschreiten müssen, und immer wieder ist er zurückgeschreckt – bis ihn dann doch der Heilige Geist zum Grenzübertritt bewegt hat.
Die stärkste Grenze verläuft für Petrus zwischen Juden und Heiden; mit Jesus hat er Israel kaum verlassen. Dass eine klare Grenze zwischen dem Volk Gottes und den Heidenvölkern gezogen werden muss – folgt das nicht aus der Heiligen Schrift Israels? Aus dem Bekenntnis zum einen Gott, das sich von der Götterverehrung der Umwelt abhebt? Aus der Treue zum Gesetz, die doch auch Jesus in all seiner Freiheit gehalten hat?
Aber in der Apostelgeschichte wird erzählt, dass ausgerechnet dieser Petrus, der Zauderer, der Fels der Kirche, der so oft wackelt, den ersten Menschen getauft hat, der nicht zum jüdischen Volk gehört oder zuvor zum Judentum übergetreten ist.
Die Geschichte ist dramatisch. Sie spielt in Joppe, heute Jaffa, einem Ortsteil von Tel Aviv: Petrus steigt zur Mittagszeit auf das Flachdach seines Gasthauses und will beten, wird aber hungrig. Da kommt es über ihn: Er hat eine Horrorvision. Vom Himmel wird ein riesiges Segeltuch voller Gammelfleisch herabgelassen und ihm vor die Füße gekippt: lauter unreines Zeug. Doch eine Stimme ertönt: "Steh auf, Petrus, schlachte und iss!" (Apg 10,13).
Petrus wendet sich voll Abscheu und Ekel ab: "Niemals, Herr, noch nie habe ich etwas Verdorbenes und Unreines gegessen!" (Apg 10,.14). Doch er muss sich belehren lassen: "Was Gott gereinigt hat, nenne du nicht schmutzig!" (Apg 10,15).
Was diese Lektion bedeutet, wird ihm bald klar. Er wird nach Caesarea geholt, 50 km weiter nördlich, ins Haus des Hauptmanns Cornelius, eines gottesfürchtigen Heiden, der um die Taufe bittet. Petrus tut sich immer noch schwer, aber er hat etwas gelernt: "Gott hat mir gezeigt, dass man keinen Menschen unrein oder unheilig nennen darf!" (Apg 10,28). Und etwas später konkretisiert er: "Jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person schaut, sondern in jedem Volk willkommen heißt, die ihn fürchten und Gerechtigkeit üben" (Apg 10,35f.).
Das sind große Worte. Sie sind lange vor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und vor der Präambel des Grundgesetzes gefallen. Es sind Worte, an denen die Kirche sich messen lassen muss. Aber es sind Worte, die ihre Gültigkeit behalten, auch wenn sie mit Füßen getreten werden. Petrus hat diese Worte sprechen können, weil er seine eigenen Grenzen überwunden hat. Mit dem Blick auf Gott und auf Jesus von Nazareth erkennt er, was den Menschenrechten vorausliegt: die Würde der Menschen. Sie ist unantastbar, so wie Gott unantastbar ist, werde sein Name auch in den Schmutz gezogen, am meisten von den religiösen Eiferern, die über Leichen gehen.
Petrus hat sich für die Menschenwürde und die Christenrechte der Heiden stark gemacht – aber das hat nicht allen in der Kirche gefallen. Zurück in Jerusalem, wird er von den Rechten angegriffen: "Du bist zu Männern gegangen, die nicht beschnitten sind, und hast mit ihnen gegessen!" (Apg 11,3). Die Beschneidung der Männer und die Einhaltung der Speisevorschriften sind wesentliche Merkmale der Zugehörigkeit zum orthodoxen Judentum, damals wie heute. Von Petrus werden sie nicht schlechtgeredet. Aber sie können – das hat er eingesehen – dem Wirken des Heiligen Geistes keine Grenzen setzen. Um das zu begründen, erzählt er die Geschichte seines eigenen Grenzübertritts – und überzeugt die Skeptiker, dass die Mitgliedschaft in der Kirche Jesu Christi nur vom Glauben und der Taufe abhängt, unabhängig von Nation und Tradition, Geschlecht und Beruf.
Wer heute nach Tel Aviv fährt, nördlich des Gazastreifens und westlich von Jerusalem, kann sich nur wünschen, dass diese urbiblische Idee der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen nicht nur eine Idee bleibt, sondern möglichst viele begeistert, aus allen Religionen dieser Welt.
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Text: Thomas Söding | Foto: Michael Bönte
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