
Grab des heiligen Barnabas in Salamis auf Zypern.
Grenzübertritte - Szenen aus der Apostelgeschichte (2)
Barnabas öffnet Paulus die Tür
Wie weit kann Versöhnung gehen? Verdient ein Verbrecher eine zweite Chance? Ohne Reue, Geständnis und Buße, ohne den ernsthaften Willen zur Besserung und Wiedergutmachung wird es mit einem neuen Anfang schwer werden. Aber selbst dann: Wer hat die Kraft, die Hand auszustrecken? Wer hilft bei der Bewältigung der Vergangenheit? Wer findet einen gemeinsamen Weg in die Zukunft? Ängstliche Typen können das nicht, Draufgänger auch nicht. Realisten sind gefragt, deren Horizont weit genug ist. Wer Frieden stiften will, muss die Grenze zwischen Liebe und Hass überwinden. Wer ist dazu in der Lage?
Das Neue Testament kann viele Namen nennen. Einer von ihnen ist hierzulande wenig bekannt: Barnabas. Dabei kann man viel von ihm lesen: dass er ein Levit ist und aus Zypern stammt und als frommer Jude in Jerusalem lebt und dort ein Grundstück besitzt, das er verkauft, um das Geld der Urgemeinde für karitative Zwecke zu spenden (Apg 4,36f.).
Nomen est omen: "Barnabas" heißt "Sohn des Trostes". Wie sehr dieser Name sprechend ist, zeigt sich an der Begegnung mit einem der Großen des Neuen Testaments, der aber ganz klein angefangen hat: Paulus.
Paulus ist das Musterbeispiel eines Menschen, den seine religiöse Leidenschaft zum Terroristen gemacht hat. Aber die Vision vor Damaskus, die er eine Offenbarung nennt, die Begegnung mit Jesus, den er verfolgt, den Gott aber von den Toten auferweckt hat – diese Erfahrung hat ihn den Fehler seines Lebens erkennen lassen: Er wird ein neuer Mensch mit einer neuen Aufgabe, der Verkündigung des Evangeliums unter den Völkern.
Aber unter den Christengemeinden hat er Angst und Schrecken verbreitet. Wer will noch etwas mit ihm zu tun haben? Paulus selbst erinnert in einem seiner Briefe an die Vorbehalte, auf die er gestoßen ist; und in der Apostelgeschichte heißt es: "Er versuchte sich der Urgemeinde in Jerusalem anzuschließen; aber alle fürchteten sich vor ihm und konnten nicht glauben, dass er ein Jünger geworden war" (Apg 9,26).
Da schlägt die Stunde des Barnabas. Er lässt sich nicht entmutigen. Er streckt die Hand aus, um sie Paulus zur Versöhnung zu reichen. In der Bibel heißt es: "Barnabas aber nahm sich seiner an und führte ihn zu den Aposteln und erzählte ihnen, wie Paulus auf dem Weg den Herrn gesehen habe und wie der mit ihm gesprochen habe und wie Paulus in Damaskus frei und offen im Namen Jesu aufgetreten sei" (Apg 9,27).
Danach ist das Eis gebrochen. Barnabas ist ein glaubwürdiger Zeuge. Deshalb kann er Vertrauen zu Paulus wecken. Für die Geschichte des Christentums ist Paulus dann noch wichtiger als Barnabas geworden. Ohne den Apostel der Völker, den großen Kommunikator des Evangeliums, gäbe es keine Weltkirche. Aber was wäre gewesen, wenn es Barnabas nicht gegeben hätte, den Türöffner? Man mag kaum daran denken – und darf dankbar sein, dass Barnabas über seinen Schatten gesprungen ist und Paulus über die Grenze in die Urgemeinde geschleust hat.
Freilich: Die Geschichte zwischen Paulus und Barnabas ist damit noch nicht zu Ende. Ganz konfliktfrei ist sie nicht. Zuerst wiederholt Barnabas seine Aktion. Ein zweites Mal ergreift er die Initiative und holt Paulus, der sich in seine Heimat Tarsus zurückgezogen hatte, nach Antiochien in Syrien, wo damals Revolutionäres passierte: Auch Heiden sollten in die Kirche kommen – direkt, ohne Umweg, nur aufgrund des Glaubens. Ohne Paulus war das ehrgeizige Projekt kaum zu verwirklichen. Barnabas holt ihn herein – und muss dann erkennen, dass ihm der kleine Paulus bald über den Kopf wächst. Auch Streit wird es zwischen beiden geben: über Personalfragen und Pastoralkonzepte. Aber sie bleiben in der Kirche Jesu Christi zusammen; Gott sei Dank.
Wer nach Zypern fliegt, kann sich heute noch ein Bild machen: Barnabas lebt. Auch heute noch öffnet er Türen: in die Kirchen und die Herzen der Menschen. Nur die neuen Grenzen auf der Insel, die müssen noch überwunden werden.
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Text: Thomas Söding | Foto: Dieter Schütz,
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