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25.05.2012
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Statue über dem Sarkophag des Apostels Matthias in Trier.

Statue über dem Sarkophag des Apostels Matthias in Trier.

Grenzübertritte - Szenen aus der Apostelgeschichte (1)

Matthias wird einer der zwölf Apostel

Meistens wird er vergessen: Matthias. Er ist zwar einer der Zwölf Apostel (Apg 1,15-26). Aber kaum jemand denkt an ihn. Ein Nachrücker ist er, ein Lückenbüßer. Ein einziges Mal wird er in der Bibel erwähnt – an einer Stelle, die schnell überlesen ist. Aber es ist eine Schnittstelle, sie bildet einen Übergang: Still und heimlich wird eine Grenze überschritten.

Jesus ist in den Himmel aufgefahren. Die Jünger bleiben zurück – und sie können nichts tun. Denn noch ist nicht der Heilige Geist mit pfingstlichem Brausen in sie gefahren, auf dass sie die Kraft und den Mut gewinnen, das Evangelium zu verkünden. Noch ist alles ganz ruhig und still.

Aber es ist lange nicht alles in Ordnung. Etwas Schreckliches ist passiert, ein Alptraum ist wahr geworden. Einer aus dem engsten Freundeskreis hat sich als Verräter erwiesen: Judas, einer der Zwölf, hat Jesus, den Herrn und Meister, ans Messer geliefert. Wann und wo und wie und weshalb – danach fragen die anderen Jünger kaum. Das Ergebnis, denken sie, spricht für sich. Wie soll es weitergehen?

Jesus selbst hat nach Ostern den Vorfall mit keiner Silbe erwähnt. Aber Petrus ergreift die Initiative. Er ist sicher, im Sinne Jesu und im Namen Gottes zu sprechen, wenn er fordert, dass der Kreis der Zwölf wieder geschlossen werden muss.

Tatsächlich greift Petrus mit seinem Vorstoß eine zentrale Idee Jesu auf: Zwölf Jünger hat Jesus berufen, um allen Menschen in Israel und darüber hinaus zu zeigen, dass er allen die Tür zum Reich Gottes aufschließt. Ganz Israel soll gerettet werden, mögen sich auch noch so viele gegen Jesus und seine Botschaft, gegen das Gesetz und gegen die anderen Menschen stellen.

Petrus hat verstanden: Diese Idee Jesu, Heil für alle, ist nicht tot, nur weil Jesus am Kreuz gestorben ist. Die Verheißung Jesu lebt, wie Jesus selbst wieder lebendig geworden ist. Dafür stehen die Zwölf Apostel. Sie überwinden die Grenze zwischen der Zeit Jesu und der Zeit der Kirche. Sie treten persönlich für die Erfüllung der Verheißungen Israels ein und für die lebendige Erinnerung an das, was Jesus gesagt und getan und gelitten hat. Dazu müssen die Zwölf vollzählig sein. Doch nur wer Jesus sehr gut gekannt hat, kann zum Kreis der Zwölf hinzustoßen.

Matthias erfüllt dieses Kriterium – nicht als einziger. Aber das Los fällt auf ihn. Für einen kurzen Moment steht er im Zentrum der Heilsgeschichte. Er schließt die Lücke im Kreis der Zwölf; er macht das Zeichen der Hoffnung für Israel und alle Welt wieder sichtbar.

Matthias kann diese Rolle nur spielen, weil er ein Grenzgänger ist: Die Grenze zwischen Verrat und Treue, zwischen Nein und Ja, zwischen Tod und Leben hat er überschritten – weil er mit Jesus gegangen ist. Deshalb wird er den Zwölf Aposteln hinzugezählt, ohne die es die Kirche nicht gäbe und keine Erinnerung mehr an Jesus von Nazareth.

Wer Matthias heißt, darf stolz auf seinen Namen sein. Wer einen Matthias kennt, kann nur hoffen, dass das Vorbild abfärbt. Der Außenseiter unter den Zwölf Aposteln, dieser Nachrücker und Lückenbüßer, er ist einer, der voll und ganz zählt. Er ist nicht persönlich von Jesus berufen worden und steht doch ganz auf seiner Seite. Er muss den Platz des Judas einnehmen und kann den Blick ganz in die Zukunft richten: das ist die Berufung des Matthias.

Die Aufgabe der Zwölf Apostel ist kurz nach Ostern erledigt; sie haben das Fundament der Kirche gelegt, auf dem weitergebaut werden muss. Aber die Aufgabe, ein Mensch wie Matthias zu sein, bleibt: einzuspringen, wenn Not am Mann ist; nicht beleidigt zu sein, wenn man übergangen worden ist; eine Chance, die sich bietet, am Schopf zu ergreifen – und vor allem: Gott die Ehre zu geben.

In Trier wird Matthias besonders verehrt. Ein Apostel vor der Haustür: Grund genug, sich auf den Weg zu machen und den eigenen Weg des Glaubens zu suchen.

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Text: Thomas Söding | Foto: Archiv
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