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25.05.2012
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Im Glauben gehört beides zusammen: Heimat finden und aufbrechen.

Im Glauben gehört beides zusammen: Heimat finden und aufbrechen.

Impuls von Pfarrer Stefan Jürgens (Stadtlohn):

Glauben: Heimat finden und aufbrechen

"Die Kirche soll vor allem Heimat bieten." So etwas höre ich in meiner Gemeinde oft. Für viele Menschen bewahrt die Kirche das letzte Stück Heimat, das ihnen geblieben ist – in dieser schnellen, bunten Welt. Deshalb wollen sie, dass es dort harmonisch zugeht.

Sie möchten sich wohlfühlen in ihrer Gemeinde und schöne Feste feiern, besonders an den Wendepunkten des Lebens. Sie restaurieren alte Gebäude und feiern Jubiläen. Besonders häufig trifft man sie beim so genannten "gemütlichen Beisammensein", jener meist inhaltsleeren Kaffee-und-Kuchen-Beheimatung mit einem gestressten Pfarrer am Vorstandstisch. Damit sind unsere Kirchengemeinden auch gleichsam Verwaltungseinheiten für schöne Gefühle.

Ich kann das gut verstehen. Auch ich habe zu Hause glauben gelernt. Mit meiner Heimatkirche verbinde ich die frühesten Erfahrungen kindlicher Geborgenheiten. Und meine wichtigsten Glaubenszeugen. Doch wenn ich aus der Enge dieser bürgerlichen Stadtrandgemeinde nicht aufgebrochen wäre – mein Glaube steckte immer noch in den Kinderschuhen. Denn die Herausforderung des Evangeliums heißt nicht Heimat, sondern: aufbrechen in die Nachfolge Jesu!

Glaube bedeutet Aufbruch

Diesen Aufbruch jedoch wagen nicht viele. Für die meisten bedeutet Glauben einfach Heimat. Da sind junge Menschen, die haben das volle kirchliche Programm mitgemacht: Taufe, Erstkommunion, Firmung. Inklusive Jugendarbeit. Wenn sie dann ins Studium gehen, verschwindet mit der Heimat auch die Kirchenbindung.

Die meisten sind dann für immer fort; manche finden wieder zum Glauben, wenn sie eigene Kinder haben; einige knüpfen an die Erfahrung ihrer Jugendzeit an, wenn sie nach der Ausbildung zum Heimatort zurückgekehrt sind. Besonders heimatlich wird es natürlich an Weihnachten: Man ist bei seinen Verwandten zu Besuch. Zusammen mit ihnen feiert man die Gefühle von einst. Und nutzt dafür den Rahmen christlicher Rituale.

Ich finde das gar nicht so schlimm, wie es sich vielleicht anhört. Denn in alledem liegt ja doch eine tiefe Sehnsucht verborgen: die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach jener letzten Heimat, die wir Gott nennen. Deshalb biete ich gerne diesen emotionalen Service. Schließlich geht es sehr engagierten Christen auch nicht viel anders.

Allein wenn ich daran denke, wie sie ihren eigenen Kirchturm verteidigen, wenn eine Gemeindefusion ansteht. So, als wäre das Christentum im Nachbardorf bereits eine fremde Religion. Wie soll man da an "Erlösung für alle" glauben? Oder gar seine Feinde lieben lernen? Der fromme Heimatverein, der sich Pfarrgemeinde nennt, muss deshalb immer wieder aufgerüttelt werden. Damit man vor lauter Geborgenheit den Anspruch Jesu nicht vergisst. Gemütlichkeit jedenfalls war noch nie provozierend.

Gott schenkt Freiheit

Glauben bedeutet Aufbruch. Das erste Wort in der Bibel, das Gott zu einem wirklichen Menschen, nämlich zu Abraham, sagt, ist: "Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde" (Gen 12,1)! Und im Aufbruch ins gelobte Land, dem Exodus, hat Israel seinen Ursprung: Gott schenkt Freiheit, aber dafür muss sich sein Volk auf den Weg machen.

Auch im Neuen Testament geht es um Aufbruch. Jesus selbst war ein Heimatloser; er gründet kein Kloster und keine Kirche. Vielmehr ruft er in die Nachfolge ohne Wenn und Aber. Im Lukasevangelium heißt es: "Ein Mann redete Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. (…) Ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes" (Lk 9,57-58.61-62).

Ein ziemlich rauer Ton, den Jesus hier anschlägt, finden Sie nicht? Ihm geht es um das Wagnis der Nachfolge, nicht um Sicherheit. Seine Jünger sollen sich nicht einrichten, sondern unterwegs bleiben. Für die Verkündigung des Evangeliums, sagt Jesus, brauchen sie nichts außer einem Wanderstab, "kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd" (Mk 6,9). Christsein geht mit wenig Gepäck, aber aus ganzem Herzen!

Herausgefordert

Die frühe Kirche hat das gut verstanden. Im ersten Petrusbrief des Neuen Testaments schreibt der Autor "an die Auserwählten, die als Fremde … in der Zerstreuung leben" (1 Petr 1,1). Die ersten Christen verstanden sich in der Welt als Fremde, deren eigentliche Heimat nur Gott selbst sein konnte. Sie waren die Ekklesia Gottes, das bedeutet "die Herausgerufenen", die "Herausgeforderten". Und sie lebten in der Diaspora, also in der Zerstreuung: unbehaust und fremd.

Christen sind herausgefordert, in der Welt heimatlos zu bleiben, damit sie bereit sind zum Aufbruch. Ausgerechnet das heutige Wort "Pfarrei" atmet noch die Heimatlosigkeit der ersten Christen, denn Pfarrei kommt von griechisch paroikía, was soviel heißt wie "hauslos". Denn wer sich im Glauben und in der Kirche allzu sehr einrichtet, der richtet bald nichts mehr aus.

Ich will die Glaubensheimat so vieler gar nicht schlecht machen. Es ist ein Urbedürfnis, irgendwo zu Hause sein zu wollen, für die Seele ein Dach zu haben. Meine Erfahrung ist jedoch, dass viele Gemeinden sehr wohlgefällig im eigenen Saft schmoren. Und sich dabei noch wundern, dass sie so leblos erscheinen. Und so lieblos. Weil nicht mehr erfahrbar ist, worum es eigentlich geht. Wer sich selbst genügt, den wird wohl niemand mehr nach Jesus fragen.

Sehnsucht nach Gott

Heimat ist in der Bibel kein Bild für die Welt, erst recht nicht für die Kirche, sondern allein für den Himmel, für die Sehnsucht nach Gott also, die jedem Menschen innewohnt. "Unsere Heimat ist im Himmel" (Phil 3,20). Dort (!) hat Jesus eine Wohnung bereitet (vgl. Joh 14,2), so dass Paulus sagen kann: "Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel" (2 Kor 5,1).

Ganz bestimmt gehört im Glauben beides zusammen: Heimat finden und aufbrechen! Man darf weder das eine noch das andere aus dem Blick verlieren. Eine Gemeinde, die um sich selbst kreist, verliert ihre Identität; sie wirkt müde und hat nur wenig Ausstrahlung. Es muss etwas zu spüren sein von der Herausforderung zur Nachfolge; eine "heilige Unruhe" muss zu spüren sein, die hinweist auf eine große Hoffnung.

Geistliches und Weltliches

Genauso müssen Christen mit beiden Beinen auf dem Boden stehen; mitten in der Welt müssen sie ihren Platz einnehmen. Im ersten Timotheusbrief fragt ein Paulusschüler ganz richtig: "Wer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen?" (1 Tim 3,5).

Im besten Fall also kennt man sich mit beidem aus: Mit Spiritualität und Ökonomie, mit Geistlichem und Weltlichem, mit Mystik und Politik. Wer sich nach der Heimat sehnt, die nur Gott bereiten kann, der bleibt zum Aufbruch bereit; wer sich in der Welt noch ein wenig fremd fühlt, wird sensibel für das Heimatrecht, das Gott ihm schenkt. Christen sind in der Welt, aber nicht von der Welt: mit beiden Füßen auf der Erde und mit ganzem Herzen bei Gott.

In den letzten Jahrzehnten funktionierten viele unserer Gemeinden wie religiöse Heimatvereine. Mit ihren Gremien und Vorständen, mit Sitzungen und Satzungen, mit Pfarrfesten und schönen Familienmessen. Und vor allem mit dem liturgischen "Rundum-Wohlfühl-Paket" von der Wiege bis zur Bahre: Kirche als Sahnehäubchen auf dem bürgerlichen Leben.

Kein Wunder, dass viele Pfarrgemeinden fast nur noch diejenigen Milieus ansprechen, die auf solche schönen Heimatgefühle Wert legen. Milieu ohne Profil aber ist langweilig, Tradition ohne Inhalt verkommt zur Folklore. Wo bleibt da das Provozierende des Evangeliums, die Herausforderung Jesu zu einem ganz anderen Leben?

Geistlicher Tiefgang

Fast schon ist es aufgelöst, dieses christliche Milieu. Die Entscheidung für Jesus ist längst wichtiger geworden, als bloß irgendwie "bei Kirchens" mitzumachen. Damit ist eine Situation da, die derjenigen der Urkirche ziemlich ähnlich ist: Kirche in der Zerstreuung, Christsein in der Fremde. Unbehaust werden die Gemeinden sein, sie werden sich behaupten müssen mit Argumenten und persönlicher Glaubwürdigkeit – statt nur mit dem Gefühl von "Lasst uns miteinander" und "Ach, wie nett".

Die Gemeinden müssen geistlicher werden, mehr Tiefgang entfalten, bewusster mit Jesus Christus leben. Sonst bleibt auf oberer Ebene nur ein Sozialkonzern mit ganz dünnen theologischen Beinchen, und auf Gemeindeebene nur eine Kuschelecke für Herz, Schmerz und dies und das. Es geht um Gott!

Die Gottesfrage ist die Frage des modernen Menschen – wenn überhaupt –, und deshalb kann und darf man den Glauben nicht mehr einfach voraussetzen. Die Freiheit zu glauben wächst, und das ist gut fürs Profil. Ein jeder fange bei sich selber an! Ich möchte gerne ein geistlicher Mensch sein, der Ausstrahlung hat. Die bekomme ich, wenn ich eine gesicherte Identität habe als Christ, als Jesusnachfolger. Und das bedeutet für mich eben auch: heimatlos in der Welt, zuhause in Gott!

"Geheimnis" ist dafür ein sprechendes Wort: Nur im Geheimnis Gottes bin ich wirklich daheim! Die Vorsilbe "Ge" weist im Deutschen immer auf ein Gesamt hin. Das Gesamt von "Berge" zum Beispiel ist ein Gebirge, die Gesamtheit von "Bau" ein Gebäude. Geheimnis bedeutet dann die Gesamtheit von Heim, die größtmögliche Fülle von Heimat.

So ist Gott mein Zuhause. Und das Gebet. Da erfahre ich jene Geborgenheit, die ich brauche, um immer wieder aufbrechen zu können. Ähnlich ist es mit dem Gottesdienst. Das "Geheimnis des Glaubens" schafft Identität – und macht Mut für das Tun des Glaubens im Alltag.

Gott ist mein und unser Geheimnis. Wer mit ihm auf dem Weg bleibt, weist damit hin auf ein großes Ziel. Eine Kirche, die aufbricht, die im Namen Jesu für andere da ist – nur eine solche Kirche kann Heimat bieten. Meister Eckart sagt es so: "Gott ist in uns daheim. Wir sind in der Fremde."

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