
Zuflucht (Kunst aus Venezuela, 2005).
Fremdes Land
Wie Schiffbrüchige auf See
Wie Schiffbrüchige auf See manchmal an einer fremden Küste landen. Ist das die Art, wie einzelne in unserer Gesellschaft heute mit Kirche, Glaube und Religion in Berührung kommen? In Zeiten der Not dort vor Anker gehen, wo ein sichernder Hafen vermutet wird? Wie nehmen die Bewohner des Landes sie auf?
Eine Gruppe Gottbezogener
Eine Gruppe gottbezogener Menschen, Gläubige, also außerhalb ihrer selbst Verankerte. Sie haben ihr Leben und Sterben einem unsichtbaren Steuermann anvertraut und stellen sich seinen Weisungen. Ihr Dasein soll "des Herrn würdig sein".
Der Herr ist ein Mann aus N. mit himmlischem Anspruch. Er ist jedoch aus irdischer Perspektive mit seiner Sendung kläglich gescheitert.
Er hatte viel zu sagen, weil er beides kannte - den "göttlichen Bereich" und die letzten Winkel menschlichen Leidens.
Er blieb nicht nur eine lokale Berühmtheit, gefürchtet und geachtet. Er war in vieler Hinsicht anders als wir, seiner Zeit voraus, einzigartig und den meisten fremd. Er fühlte, dachte und wirkte nicht "nach Art der Menschen". In seiner Nähe fühlten sich Zeitgenossen wunderbar aufgehoben. Ihre Zeugnisse bleiben wegweisend über die Jahrhunderte. Für viele - ein rettendes Ufer bis heute.
Die von außen kommen und bei uns landen wollen, fordern uns anders als bisher, über das Eigene nachzudenken und eine andere Sprache für das Alte zu finden, das kulturell Fremdartige des Glaubensgutes und der Sache Jesu Christi.
Einzelne kommen zu uns: "Ich bin hier neu. Erklärt mir eure Welt!" Und wir merken dabei: Nichts an Christus ist selbstverständlich oder einleuchtend! Wir haben uns nur daran gewöhnt, meistens von Kindesbeinen an und relativ gedankenlos. - Schöne Geschichten -.
Schöne Geschichten
"So ist Jesus: Ein netter Mensch, ein guter Mitmensch, solidarisch mit den Kleinen, Kleingemachten und an den Rand Gedrängten - der größte Gutmensch aller Zeiten". Viele Christen denken so. So ist es zu hören und zu lesen. - Schöne Geschichten - wie etwa mit dem Zöllner Zachäus. Die "Religiösen" seiner Zeit verachten ihn und stoßen ihn aus der Gemeinde, Jesus aber beachtet ihn, schaut ihn an, schaut hinauf zu dem kleinen Mann auf dem Baum und setzt sich sogar an seinen Tisch.-
Zu viel des Guten für die Frommen: "Er isst und trinkt mit Sündern!" Kinder mögen die Szene. Kleine und Verstoßene finden sich hier wieder. "Lasst die Kleinen zu mir kommen!" So ist Jesus - wie der Vater zu seinem verlorenen Sohn. - Schöne Geschichten -
Wir können sie historisch einordnen. Wer aber könnte sich heute noch über das Verhalten Jesu aufregen? Er wird längst für jede Art von Solidarität in Anspruch genommen. Wir verstehen nicht mehr die ungeheure Provokation, das Ärgerliche und Anstößige seines Handelns, wenn er sich "um die Verlorenen des Hauses Israel" kümmert - die Gesetzlosen, die sittlich oder / und kultisch Unreinen.
Zachäus ist aus der Sicht der Gesetzeshüter vor allem deshalb ein "Unberührbarer", weil er mit Ungläubigen Kontakt hat, den heidnischen Römern, die den wahren Glauben gefährden, nicht so sehr wegen seiner Betrügereien als Zöllner.
Wir fühlen uns nicht als "Verlorene" und brauchen - wie wir meinen - nicht mehr "gesucht und gerettet zu werden", solange unser Leben keinen Schiffbruch erleidet oder in Todesnot gerät.
Fremde Geschichten
Auch die Geschichte vom "Verlorenen Sohn" bleibt uns in dem Maße fremd, wie wir uns selbst von Gott entfernt haben und nicht mehr an "das Haus des Vaters denken".
Verloren, verirrt oder verstoßen sein - ist heute rein gesellschaftlich bestimmt, nicht theologisch. Mit wachsender Distanz zum Himmel und Vater Jesu Christi verschwindet auch unser Gefühl für Schuld, Sünde und Vergebung, soweit nichts strafrechtlich Relevantes vorliegt.
Kein: "Vater, ich habe gesündigt". - Der Trend ist anders: Ein: "Kann passieren! Bin ausgerastet! Opfer, nicht Täter! Die anderen haben mich dazu gemacht oder gebracht!"
Kein: "Ich bekenne mich schuldig! Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen! Ich stehe ein für die Folgen! Ich habe das alles selbst zu verantworten!" Die Sozialpsychologie bietet viele Entlastungsargumente.
Wo Gott aus dem Blick gerät, arbeiten wir weiter an unserem illusionären Selbstbild. Und wo Gott wie mit Jesus ins Spiel kommt, fehlen uns heute oft die passenden Worte.
Zachäus ist kein Außenseiter wie viele andere. Er ist eine exemplarische Figur der anbrechenden neuen Heilszeit. An ihm wird die neue Praxis des Himmels sichtbar. Damals galt er als fundamental Verlorener wie der Sohn, der in "ein fremdes Land zog", - ein klassischer Sünder.
Wenn sich Jesus ihm im Namen Gottes zuwendet, ist das mehr als nur eine soziale Tat gegenüber einem aus der Gesellschaft und dem Kult Ausgestoßenen. Er handelt nicht nur solidarisch, sondern ist es. Er wird praktisch einer von ihnen. "Das Wort Solidarität ist zu blass für das, was Jesus durchlitten hat, wenn er - zur Sünde - wurde oder ins Totenreich stieg" (Urs von Balthasar).
Der Heilige Gottes wurde selbst zu einer Randexistenz "außerhalb der Mauern", ein Sünder unter Sündern bis in die extreme Gottesferne eines Gekreuzigten - nach jüdischer Auffassung. Das Wort Solidarität ist zu blass für diese Art von Gottes Mitsein. "Dieser dein Sohn war tot!"
Das Ausmaß der Liebe des Vaters zu seinem Sohn entspricht dem Ausmaß seiner Verlorenheit in der Fremde. Wir können heute das Ungeheure und Anstößige der Geschichten nicht mehr verstehen.
Jesus ist mehr als ein Therapeut oder Sozialhelfer, der in die psychische oder soziale Hölle eines Menschen hinabsteigt. Als Verlorener ist er, der Bevollmächtigte Gottes, ein im jüdischen Sinne von Gott Verstoßener. - Das Schlimmste, was damals von einem Menschen gesagt werden konnte. -
Das Kreuz ist für Christen längst wohnzimmergerecht geworden und wohlvertraut. Auch für uns verliert sich unser "Sündersein" im Nebel entlastender Erklärungen. Wir alle sind ja auch "irgendwie" Opfer.- Ein bohrender Rest bleibt.
Jeder kennt Ketten und falsches Leben, auch Böses im Herzen und unrechtes Tun, aber auch den Rausch von Freiheit und den Zauber wohligen Einsseins. Das Wort Sünde taucht in unserer Lebenswelt kaum noch auf (Verkehrssünder, Steuersünder), ernsthaft nur noch dort, wo Gott ernstgenommen wird.
Die "Verlorenen" in Krankenhäusern und Anstalten, in Heimen, Gefängnissen und auf den Straßen sind nicht mehr "die Verlorenen des Hauses Israel". Vieles ist für uns selbst "fremdes Land" geworden, wenn wir näher hinschauen.
Es bleibt aber die große Gebärde des Auferstandenen:"Kommt alle zu mir" – ihr "Einheimischen" und Zugewanderten, ihr Fremdlinge von innen und die von außen. "Ich bin bei euch in eurem Glück und in eurem Elend!"
Man muss die Zweifel seiner Zeit begriffen haben, man muss ihre Grundleidenschaften und Versuchungen kennen,
man muss den Glanz des Irdischen und seine Kostbarkeit empfunden haben,
wenn man lebendig Zeugnis geben will.
(Otto Kuss, 1947, Bibelwissenschaftler)
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