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25.05.2012
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Frank Wietharn
Beruf und Berufung: Wietharn empfindet seinen Doppelten Einsatz als Diakon und Polizist nicht als "Sprung zwischen zwei Welten".

Internetseelsorger Frank Wietharn

Doppelter Einsatz, doppelte Tiefe

Kleve. Eine spannende Konstellation: Frank Wietharn ist Polizeihauptkommissar in der Einsatzleitstelle für den Kreis Kleve. Er trägt eine Waffe und ist berechtigt, im Dienst Gewalt anzuwenden, wenn es erforderlich ist. Das ist sein Beruf. Frank Wietharn ist aber auch Diakon mit Zivilberuf, hält Gottesdienste in der Dreifaltigkeits-Gemeinde in Kleve-Kellen, -Griethausen und -Warbeyen, bereitet dort inhaltliche Angebote vor und ist Polizeiseelsorger. Das ist seine Berufung. Verträgt sich das? "Wenn ich das Diakonat so verstehe, dass ich menschlich handeln und helfen will, dann passt das sehr gut zusammen."

Gewöhnlich sei diese Konstellation aber nicht, gibt er zu. In ganz Deutschland gebe es etwa 25, die als Diakone auch im Polizeieinsatz seien. Im Bistum Münster seien es fünf und damit schon eine markante Häufung. "Trotzdem ist das exotisch", sagt der 44-Jährige. Weil diese Verbindung nicht nur oberflächlich einige Fragen mit sich bringe. "Auch weil es durchaus tief gehende Fragen gibt, die beantwortet werden müssen."

Er empfinde sich eben oft genug als Grenzgänger, sagt er: "Es gibt viele Punkte, an denen ich ins Grübeln komme." Dort, wo das Gesetz "A" sage, sein Glaube aber "B". Wietharn muss nicht lange überlegen, um ein plakatives Beispiel zu finden: Beim Jugendlichen etwa, der ein paar Gramm Rauschgift mit sich führe, empfindet er manchmal einen Erziehungsauftrag als viel wichtiger als die eindimensionale Bestrafung. "Damit hast du zwar den Fall vom Tisch, nicht aber den Menschen." Diesen mit seinem persönlichen Hintergrund in den Blick zu nehmen, sei als Polizist kaum möglich. Als Diakon sei dies aber "dringender Wunsch": "Manchmal öffnet sich für den Seelsorger ein weites Feld und ich muss doch weiter als Polizist handeln."

Umfassendes Bild

Ein "doppelter Druck" sei das. Wie kommt er daraus? "Die Entscheidung muss rechtlich in Ordnung sein – trotzdem muss sie menschlich bleiben." Denn letztendlich bleibe es eine persönliche Entscheidung. "Ein umfassendes Bild der Situation ist mir wichtig, dann kann ich rechtlich sauber handeln und weiterdenken." Bei dem Jugendlichen mit dem Rauschgift hieße das, dass er nicht nur drei Sätze in den Polizeibericht schreibe, sondern die Umstände so herausarbeite, dass der Staatsanwalt "die richtige Entscheidung" treffen könne.

Kein Doppelleben. Keine zwei Welten, die er scharf voneinander trennen will. Kein "Jetzt bin ich Diakon" und "Jetzt bin ich Polizist". "Ich kann nicht sagen, ob ich mehr Diakon oder mehr Polizist bin...", sagt er. Denn die Chance, im Polizeidienst diakonisch zu handeln, sei enorm. Er sieht eine "große Kontaktfläche des Polizisten" zu den Problemen der Menschen: "Ich kann ihnen dabei auch als Seelsorger etwas Gutes tun, ohne dass sie merken, dass ich Diakon bin."

Denn der Polizist habe oft genug mit Menschen zu tun, die in ihrer Hilflosigkeit und Ratlosigkeit auch zu einem Diakon kommen könnten. Die Gespräche, die sie dann suchten, seien dabei nah dran am Seelsorgegespräch. Viele Probleme, die früher in der Familie oder in anderen gesellschaftlichen Gruppen geklärt worden seien, fänden durch die Vereinsamung kaum noch ein Ventil, hat Wietharn beobachtet. "Wenn wir als Polizisten dort vermitteln, steckt da häufig viel Tiefe drin."

Nicht wenige seiner Kollegen würden dabei in ihrem Handeln "sehr viel Diakonisches" besitzen. "Sie haben ein gutes Händchen, wenn sie auf die Menschen zugehen, und helfen vor einem christlichen Hintergrund." Für ihn als Diakon könne der Kontakt aber manchmal ein ganzes Stück tiefer gehen. Gerade dort, wo das Einlassen auf die Situation des Gegenübers eine besondere Kraft einfordern würde. "Manche Krisensituationen sind nur mit dem Halt im Glauben zu meistern."

Ans "Eingemachte"

Die Notwendigkeit, "hineinzugleiten" in existenzielle Frage, vorzudringen bis zum "Eingemachten" läge oft genug auf der Hand. "Ich weiß dann, dass ich eigentlich als Seelsorger gefragt bin, nicht nur als Polizist." Hört er etwa in der Leitstelle über Funk die tränenerdrückte Stimme des Kollegen, der vom Unfalltod eines Kindes berichtet, weiß er, dass er sich eigentlich ins Auto setzen müsste, um vor Ort zu helfen. Hier muss er aber trennen und darf seine Berufung nicht über die aktuellen Anforderungen des Berufes stellen.

Es gibt einen Bereich, in dem das nicht kollidiert. Als Polizeiseelsorger ist er auch im Dienst in Glaubens- und Lebensfragen gefragt. Von seinen Kollegen: "'Zu meinen Zeiten im Streifendienst habe ich ganze Nächte darüber Gespräche geführt." Und auch heute merke er immer wieder, dass durchaus wahrgenommen werde, dass sein Handeln über eine humanistische Motivation hinausgehe. Was angefragt und diskutiert werde. Und gezielt gesucht: "Meine Kollegen fragen mich bewusst als Seelsorger an, weil sie wissen, dass ich auch als Polizist ihre Lebenswirklichkeit kenne."

Nutzt er die Situation zur Verkündigung. "Keine Mission, kein ständiges Vorbeten oder Predigen – aber ein Vorleben." Er sei sich bewusst, dass seine Kollegen beobachteten, wie er handele und entscheide, auch als Vorgesetzter. "Ich will dann nicht sagen, wir machen das so, weil ich Diakon bin, sondern einfach Menschlichkeit vorleben." Alles umkehren werde er damit nicht können, aber "zumindest eine Klimaveränderung bewirken".

Es bleibt der doppelte Druck, die doppelte Belastung. Auch weil Schichtdienst und Engagement in der Gemeinde allzu oft kollidieren. Wietharn gibt zu, dass er sich häufig an seiner Leistungsgrenze sieht. "Ich muss wach bleiben und jemanden haben, der auf mich aufpasst." Seine Frau und seine zwei Kinder täten dies. Und auch die vielen schönen Momente in der Gemeindearbeit gäben ihm viel Kraft. Kraft für die "besondere Chance", die er immer wieder in der Verbindung von Beruf und Berufung sehe: "Menschen menschlich zu helfen, als Diakon und als Polizist."

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