
- Wer sich vom Wort Gottes hörend und schweigend ansprechen lässt, ist fromm.
Gesamthaltung des gläubigen Menschen vor Gott
Frömmigkeit
Fromm ist, wer viel betet! Das ist das oft anzutreffende Verständnis von Frömmigkeit bei vielen Menschen. Grundsätzlich ist das ja auch nicht falsch. Aber da bleiben doch einige Fragen: Ist Beten denn messbar? Was heißt denn "viel beten"? Wann betet einer viel, wann wenig?
Es könnte auch der Eindruck entstehen, etwa Ordensleute seien "frommer" als Laien, weil sie allein schon ein größeres Pensum an täglichem Gebet zu leisten haben. Außerdem zählt ja in der Sichtweise Jesu, wie es in der Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums steht, nicht die messbare Menge des Gebetes, sondern die Innerlichkeit des Betens.
Und was ist dann eigentlich das Gegenteil von fromm? In einem Kirchenlied werden die "Sünder und die Frommen" gegenübergestellt, aber ist denn, wer nicht fromm ist, schon ein Sünder? Sind die Frommen keine Sünder und die Sünder, zu denen wir ja alle gehören, unfromm?
Das Frömmigkeitsverständnis im nur religiösen Sinn ist eigentlich erst im 19. Jahrhundert, also in der Zeit des Pietismus und der Romantik, entstanden. Bis dahin war "fromm" ein eher profaner Begriff im Sinn von "tüchtig, nützlich, anständig". Der alte Ausdruck "zu Nutz und Frommen" erinnert noch daran. Das lateinische Wort "pius", das wir heute gern mit "fromm" im religiösen verstehen, hatte ursprünglich eher die Bedeutung "tüchtig, tapfer, rechtschaffen" und vor allem "gerecht".
Im biblischen Verständnis, das wir heute zu recht wieder stärker ins Bewusstsein bringen, geht es um die Gesamthaltung des gläubigen Menschen vor Gott, also um die Grundeinstellung des Menschen, der sich verantwortlich weiß dem großen Gott gegenüber. Diese Grundhaltung des Glaubenden wird nun auf verschiedene Weise konkret: im Hören, im Sprechen, im Tun.
Wer sich vom Wort Gottes hörend – und schweigend! – ansprechen lässt, ist fromm. Wer dem Göttlichen in Gebet – formuliert oder "im Herzen" –, Gesang, Erzählung und Gespräch antwortet, ist fromm. Wer sich dem Nächsten zuwendet, wer Barmherzigkeit übt und Gutes tut, ist fromm. Frömmigkeit artikuliert sich nach biblischem Verständnis nicht nur in Gebet und Gottesdienst, sondern auch im Fasten, im Almosengeben, in Wohltätigkeit und im Teilen, aber auch in sichtbaren Zeichen, wie im Tragen von Gebetsriemen oder bestimmter liturgischer Kleidung, wie dem jüdischen Gebetsschal.
Hier setzt allerdings die Kritik Jesu ein, mit der er in guter Tradition prophetischer Kultkritik des Alten Testamentes steht: Frömmigkeit darf nicht zur Veräußerlichung führen! Die innere gläubige Grundhaltung muss mit der sichtbaren Gestalt der Frömmigkeit übereinstimmen. Im fünften bis siebten Kapitel des Matthäus-Evangeliums wird die Gefahr isolierter, veräußerlichter Frömmigkeit warnend dem Frommen vor Augen gestellt.
Wir sprechen, weil der Begriff Frömmigkeit heute manchen Missverständnissen ausgesetzt ist, gern von "christlicher Spiritualität": Damit ist im umfassenden Sinn alles gemeint, was das Denken, Reden und Tun des gläubigen Christen ausmacht und sein Engagement in der konkreten Lebenswirklichkeit prägt. Diese Spiritualität ist seit Jesus Christus immer österlich geprägt. Sie bezieht ihre Kraft aus der todüberwindenden Auferstehung Jesu und aus der Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung.
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Medientipp:
Ulrich Zurkuhlen
Glaube im Wandel; 60 Schlüsselbegriffe erklärt
Kevelaer, Butzon und Bercker; Münster, Dialogverlag 1999
ISBN 3-933144-20-5
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Text:
Urlich Zurkuhlen in "Glaube im Wandel" | Foto: Michael Bönte
Februar 2009
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