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30.05.2017
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Karnevalsbräuche
Karnevalsbräuche im Westfälischen.

Andachtsübung statt "Ausschweifungen"

"Wüstes und unsittliches Fastnachtstreiben"

Bistum. Beim Blick auf die vielen Uniformen der Karnevalisten könnte man glauben, Fastnacht sei ein preußisches Brauchtum. Doch gerade die Preußen waren es, die im 19. Jahrhundert in Westfalen mit sehr unterschiedlichem Erfolg versuchten, viele karnevalistische Bräuche zu verbieten, schreibt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in einer Pressemitteilung. So wollten die Preußen etwa das "Wurstaufholen" untersagen oder auch ausgelassene Zechereien und Tanzvergnügen bis weit über die Polizeistunde hinaus oder die Beerdigungszeremonie, bei der die Jecken zu Beginn der Fastenzeit die Fastnacht in Gestalt einer Strohpuppe zu Grabe trugen.

"Das lag in erster Linie daran, dass die preußischen Beamten meist protestantisch waren. Denn die evangelische Kirche hat schon kurz nach der Reformation die ihrer Meinung nach unmäßigen und ausufernden Feiern an Karneval recht erfolgreich verboten. Die katholische Kirche wollte nicht so rigoros sein und den Menschen vor der kargen Zeit des Fastens noch etwas Lebensfreude und Genuss gönnen. Deshalb ging sie nur halbherzig gegen die schlimmsten Auswüchse vor", erklärt LWL-Volkskundler Peter Höher.

Gänsereiten und Hahnköppen

Doch mit der Preußen-Herrschaft kamen auch in die katholischen Gegenden Westfalens schärfere Verbote. "So haben die Preußen zum Beispiel jungen Männern das heute noch im Münsterland bekannte Wurstaufholen verboten, bei dem junge, unverheiratete Männer von Haus zu Haus gingen und Würste für eine gemeinsame Feier sammelten. Sie verboten auch das Gänsereiten und Hahnköppen - ein "Turnierspiel" bei dem die Reiter versuchten, einer an den Beinen aufgehängten lebenden Gans (oder einem Hahn) den Kopf abzureißen bzw. abzuschlagen, untersagt wurden auch die ungezügelten, wilden Umritte zu Pferd (vergleichbar mit den verboten Autorennen der Jungendlichen heute).

Ebenfalls wenig Verständnis hatte man für die ausgelassenen Zechereien und Tanzvergnügen, bei denen die Polizeistunde einfach ignoriert wurde und wo sich - zur moralischen Entrüstung der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit - die unverheiratete Jugend ohne jegliche Beaufsichtigung treffen konnte", so Höher.

Kein generelles Fastnacht-Verbot

Dennoch wagte man nicht, ein generelles Fastnacht-Verbot auszusprechen. Der entscheidende Wandel kam dann durch den Einfluss der katholischen Kirche: Über viele Jahrzehnte hatte sie an Einfluss verloren, doch um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich ein Umschwung. Nun wurden die Lehre und die Gebote der katholischen Kirche für einen großen Teil der Bevölkerung gerade in ländlichen Gemeinden wieder zu einem wichtigen Werte- und Orientierungsrahmen. Vor diesem Hintergrund der "Re-Katholisierung" gelang es vor allem im Bistum Münster vielen Pfarrern dem "wüsten, unsittlichen Fastnachtstreiben", wie sie es nannten, ein Ende zu setzen.

Einige Pfarrer hatte nämlich an diesen "tollen Tagen" das so genannte Vierzigstündige Gebet in ihrer Pfarrei eingeführt - eine besondere Form der Andacht, die ohne Unterbrechung 40 Stunden dauerte. Überraschender Weise hörten die Pfarrgemeinden auf ihre Pastöre und machten die Andachtsübung mit; die Fastnachtsausschweifungen gingen stark zurück. Deshalb ermunterte der münstersche Bischof seit den 1850er Jahren alle Pfarrer seiner Diözese, diese Andacht zur Bekämpfung der Fastnacht einzuführen.

Kampf gegen das "Fastnachtsunwesen"

In Gescher (Kreis Borken) findet der Karnevalsumzug daher bis heute weit vor den "tollen Tagen" statt. In den Jahren danach trafen aus vielen Pfarreien Berichte in Münster ein, in denen die Pfarrer sehr emphatisch und häufig auch mit einem gewissen Erstaunen schilderten, wie erfolgreich diese Maßnahme im Kampf gegen das "Fastnachtsunwesen" tatsächlich gewesen war. Offensichtlich hatte man mit stärkerem Widerstand gerechnet.

"Außerdem wurde die Fastnacht nachhaltig gezähmt und verhäuslicht. Auch das ging vielfach von der Kirche aus: Denn der Kirche nahe stehende Vereine wie Jünglings-, Mütter- und Gesellenvereine, Schützenbruderschaften und Gesangvereine veranstalteten ebenso an den Karnevalstagen Bälle und Feste wie auch Krieger- und Turnvereine. Dabei war durch ein Festprogramm und Vorträge, Saalaufsicht und ein festgelegtes Ende der Veranstaltung eine gewisse Aufsicht und Kontrolle gewährleistet", so Höher.

Karnevalsgesellschaften seit 1830er Jahren

Karnevalsgesellschaften, wie sie vom Bürgertum der größeren westfälischen (katholischen) Städte bereits recht früh gegründet worden waren (in Münster und Paderborn in den 1830er Jahren), gab es in ländlichen und kleinstädtischen Gemeinden vor 1890 nur selten, meistens entstanden sie erst im 20. Jahrhundert.

Je mehr Vereine gegründet wurden, desto mehr Karnevalsfeiern und -bälle wurden veranstaltet. Die alten Fastnachtsbräuche dagegen empfand man mehr und mehr als "peinlich", als unmodern und provinziell; so ließ die Beteiligung mit der Zeit immer mehr nach. Schließlich blieb zum Beispiel das "Heischen", also das Einsammeln der Würste und Bonbons, meistens als reiner Kinderbrauch in einigen Teilen Westfalen bis heute erhalten.

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Text: pd | Foto: LWL
24.02.2006

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