
- Hungertuch von Lotte Bach von 1980 in der St.-Bonifatius-Kirche in Nottuln-Schapdetten.
"Schmachtlappen":
Fasten für die Augen...
"Fasten der Augen" - das ist der Leitgedanke der zahlreich in der Fastenzeit gebräuchlichen Hungertücher. Die Gläubigen sollen durch das Verhüllen der prächtigen Hochaltäre zur Anteilnahme am Leiden Christi herangeführt werden. Gerade im Bistum Münster hat sich diese im Mittelalter begründete Tradition gehalten, die in der Fastenzeit wieder auflebt.
Archivarische Untersuchungen, vor allem die Durchsicht von Kirchenrechnungen und Inventaren, lassen den Schluss zu, dass früher wohl jede Pfarrkirche ein Hungertuch besaß. Wertvolle historische Hungertücher sind im Bistum noch heute erhalten: In Telgte gibt es ein Hungertuch aus dem Jahr 1623, in Freckenhorst aus dem Jahr 1628 und in Everswinkel sogar aus dem Jahr 1614.
Vreden besitzt einen 1616 erstellten "Schmachtlappen", wie die Tücher im Plattdeutschen genannt werden. In Warendorf stammen sie aus dem 18. Jahrhundert. Das Hungertuch in Xanten wurde 1948 erstellt. In Schöppingen sind Werke der Nächstenliebe dargestellt; es wurde 1984 gefertigt.
Leidensgeschichte
Die Hungertücher zeigen zumeist Darstellungen aus der Leidensgeschichte Jesu. Sie sind auf Einzelfeldern oder in einer über das gesamte Tuch gehenden Darstellung abgebildet. Gelegentlich - wie in der Gemeinde St. Laurentius in Warendorf - werden auch die Leidenswerkzeuge gezeigt: Hammer und Zange, Geißelsäule, Geißel und Rute, drei Nägel sowie eine Leiter mit Lanze und Schwamm. Die Tücher sollen so die Gläubigen an die Leiden Christi erinnern und damit zur Buße aufrufen. Der "Schmachtlappen" wird somit zu einem Sinnbild für Trauer, Buße und Umkehr.
Die Hungertücher sind oftmals Gemeinschaftsproduktionen von Frauen aus der Gemeinde. Welche Entwürfe dabei die Grundlage für ihre Stickereien waren, ist oft unklar. Das Telgter Hungertuch von 1623, das als volkskundlich bedeutendstes in Westfalen gilt, hat bis ins 19. Jahrhundert hinein viele Nachahmer gefunden.
"Bilderpredigt"
Auf 30 Quadratmetern sind 33 Bildfelder mit Szenen aus der Passionsgeschichte zu sehen, die mit ebenso vielen schlichten Leinenfeldern schachbrettartig kombiniert sind. Als "Bilderpredigt" erläuterte das Tuch den früher Lese-Unkundigen die Ereignisse um den Tod Christi.
An die alte Tradition knüpft die Bischöfliche Aktion "Misereor" an. Das Hilfswerk bietet Hungertücher an, die zumeist von Künstlern aus Entwicklungsländern entworfen wurden. Sie greifen die Situation in der so genannten Dritten Welt auf und ziehen Parallelen zu biblischen Erzählungen.
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Text: Norbert Göckener | Fotos: Michaela Kiepe, Archiv
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