
- Feiertage "mit Fras und Füllerey zugebracht"...
Blick in die Bistumsgeschichte:
Als es noch 100 arbeitsfreie Tage gab...
Bistum. Das waren noch Zeiten: Mitte des 14. Jahrhunderts gab es im Bistum Münster 100 arbeitsfreie Tage. Neben den Sonntagen und den noch heute geschützten Feiertagen wie Ostern und Weihnachten gehörten dazu etwa Mariä Lichtmess (2. Februar), das Fest der Geburt des heiligen Johannes des Täufers (24. Juni) sowie das Fest der Apostelfürsten Petrus und Paulus (29. Juni) oder auch das Martinsfest (11. November).
Lang ist's her. Mit den Jahren wurden es weniger - zumal in der Zeit der Aufklärung. Damals wie heute das gleiche Argument: Wirtschaftliche Erwägungen veranlassten den Fürstbischof, Feiertage rigoros zu streichen.
Feiertagsgesetz von Karl dem Großen
Bereits Karl der Große erließ um 813 - kurz nach dem Tod des ersten Bischofs von Münster, des heiligen Liudgers - für sein Reich ein Feiertagsgesetz, wonach bestimmte kirchliche Feste auch staatlich geschützte Feiertage wurden und damit arbeitsfrei waren. Dadurch wurden etwa die Osterwoche und die Woche nach Pfingsten zu freien Festwochen.
Mit den Jahren kamen immer mehr Feiertage hinzu. Gerade der mittelalterliche Heiligenkult beförderte dies. Den Grund für diese Vielzahl der Festtage lag im Glauben der Menschen: Man feierte die Erinnerung an die Taten Gottes und der Heiligen und nahm daran teil.
"Müßiggang und eitele Besuche"
Mit den Jahren jedoch wurde auch immer wieder Kritik an dieser Praxis laut. Die Reformatoren entfernten die Heiligenbilder aus den Kirchen und nahmen Reliquien aus den Altären. Sie vertraten die Auffassung, die Heiligenverehrung führe von Christus, der Glaubensmitte, weg. Damit verschwanden in den protestantisch beherrschten Gebieten demzufolge auch die Heiligenfeiertage.
Ebenso sahen katholische Kirchenfürsten bestimmte Entwicklungen an den Feiertagen mit großer Skepsis. So heißt es in einem 1770 erlassenen Dekret des münsterischen Fürstbischofs: Die Heiligung der Feiertage lasse zu wünschen übrig, da der Gläubige an diesen Tagen glaube, durch die "alleinige Anhörung eines kleinen Messopfers seiner Pflicht gnug gethan zu haben; die übrige Zeit wird meistentheils mit blossem Müßiggange, eitelen Besuchen, Spielen, Tanzen und anderen unnützen Zeit-Vertreiben, ja gar mit Fras und Füllerey zugebracht". Die Konsequenz: 19 Feiertage wurden gestrichen.
Kaufmännische Gesichtpunkte
Profitdenken stand im Vordergrund. Denn durch die profanen Handlungen am Festtag des Heiligen werde "oftmals der Gewinn einer ganzen Woche bey den Ausschweifungen eines einzigen Tages verschlungen". Kaufmännische Gesichtpunkte wurden so höher eingeschätzt als die Gepflogenheiten der Heiligenverehrung. Schon damals tauchte ein Argument auf, dass auch heute benutzt wird: der Blick ins Ausland. Andere Länder mit weniger Feiertagen stünden schließlich wirtschaftlich besser da.
Gar nicht so neu ist auch das, was einst der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl mit seiner Kritik an der deutschen Gesellschaft mit dem Begriff des "kollektiven Freizeitsparks" meinte. Schon im 18. Jahrhundert forderte der münsterische Landesherr eine neue "Arbeitsethik". Müßiggang und Verschwendung sollten die Untertanen durch Fleiß und Engagement ersetzen. Schließlich sei die Arbeit nicht allein Mittel zum Lebensunterhalt, sondern steigere auch den individuellen und nationalen Wohlstand.
Einmal gestrichen - nie zurück
Doch der Erlass des Bischofs traf keineswegs eine positive Resonanz in der Bevölkerung. So weigerten sich beispielsweise die Bürger der Stadt Rheine, die übliche Praxis der Heiligenverehrung aufzugeben. Trotz der Aufhebung des Matthäusfestes gingen die Menschen "nach altem Brauch" in den Gottesdienst. Niemand arbeitete. Die Gläubigen beharrten auf die ihnen liebgewordenen Feiertage, die noch wenig zuvor im Rahmen der Gegenreformation propagiert wurden. Schließlich zwang das Militär die Menschen zur Arbeit.
Im Gegensatz zu ihren damaligen Vorgängern setzten sich heute die Bischöfe für den Erhalt der Feiertage ein. So kritisierte beispielsweise Bischof Reinhard Lettmann seinerzeit die Politiker, die bei der Frage der Abschaffung der Feiertage nicht mit offenen Karten spielten. So argumentierte er anlässlich der Streichung des Buß- und Bettages: Wenn die Arbeitnehmer die Kosten der Pflegeversicherung allein finanzieren sollten, dann solle man dies offen sagen. Dennoch: Der Feiertag musste "dran glauben". Bischof Lettmann machte sich keine Illusionen: "Ein Feiertag, der einmal gestrichen ist, den holt keiner wieder."
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Text: Norbert Göckener | Fotos: Archiv
09.11.2004
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