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25.05.2012
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Lettmann
Zeit zum Lesen, Zeit zur Muße: Bischof em. Reinhard Lettmann in seinem neuen Zuhause an der Überwasserkiche in Münster.

Bischof em. Reinhard Lettmanns Leben im "Ruhestand"

Jetzt hat er Zeit - und doch nicht

Bistum. Am 09.03.2008 wurde Bischof Reinhard Lettmann 75 Jahre alt. Mit einem zweitägigen Fest feierte das Bistum dieses Ereignis, sagte "danke" für 28 Regierungsjahre und verabschiedete damit auch den Diözesanbischof, dessen Rücktritt drei Wochen später offiziell wurde. Seither ist er "Bischof emeritus". "kirchensite.de" wollte den Ruheständler Lettmann besuchen und traf einen typischen "Rentner" ...

"Jetzt habe ich Zeit" - knapp ein halbes Jahr nach seinem Abschied aus der Bistumsleitung genießt Bischof Reinhard Lettmann das "Rentnerleben". Souverän wie er immer auftrat, hat er dennoch eine neue Souveränität gewonnen: die Hoheit über seine Termine. Denn während es in den vorangegangenen Jahrzehnten als Bischof, Weihbischof und Generalvikar vor allem die unzähligen Pflichttermine waren, die seinen Terminkalender füllten, kann er nun wirklich auswählen.

Tiefe Einblicke ins Heilige Land

Und doch geht es ihm, wie man es von den meisten Rentnern kennt: Sie haben wenig Zeit. So auch bei Reinhard Lettmann: von "Ruhestand" keine Spur. Er ist viel unterwegs: mit Freunden und zu Freunden. Und vor allem ins Heilige Land, was ja schon seit einigen Jahren so etwas wie seine zweite Heimat geworden ist. Bereits viermal war er in diesem Jahr dort - und die nächsten Reisen dahin sind bereits fest geplant.

Viele Menschen kennt er dort: Christen, Juden und Muslime. Er hat tiefe Einblicke in dieses zerrissene Land und die verbissenen Auseinandersetzungen gewonnen. Und er hilft, wo er kann, wenn die abstrusen Gesetze und die verworrene politische Lage humanitäre Katastrophen provozieren. Doch von dieser Hilfe macht er nicht großes Aufheben.

Internet kennen lernen

Wie einst Goethe "das Land der Griechen mit der Seele suchte", ist Lettmanns Seele fündig geworden im Land Jesu. In dem Landstrich zwischen Mittelmeer und Jordan entdeckt er das "fünfte Evangelium" - und er führt bei Pilgerreisen Interessierte in dessen Geheimnisse und Eigenarten ein. Als junger Theologe wollte Reinhard Lettmann eigentlich das Alte Testament studieren, doch Bischof Michael Keller entschied, dass er das Kirchenrecht erlernen sollte. Lang ist das her.

Jetzt kann sich der emeritierte Bischof mehr Zeit nehmen für das Studium der Heiligen Schrift als das während seiner "Regierungszeit" möglich war. Und auch Zeitungen kann er jetzt mit einiger Ruhe lesen. Mehr noch: Nun will er sich auch in die "Geheimnisse" des Internets einweisen lassen - jetzt hat er Zeit dafür.

Der Alltag ist gleich - und doch anders

Lettmann
Das Mehr an Zeit nutzt Bischof Lettmann für ausgiebige Lektüre von Zeitungen und Büchern.

Obgleich sich sein Tagesablauf nicht gravierend verändert hat, so ist es das Wie, das ihm neue Möglichkeiten schenkt. Noch vor sechs Uhr morgens beginnt sein Tag, um 7 Uhr feiert er mit seiner Haushälterin Christel Großehambrinker die heilige Messe. Am Schreibtisch sitzt er weiterhin regelmäßig, aber Dienstliches findet sich dort nicht mehr: Keine heiklen Personalangelegenheiten, keine Streitereien bei Gemeindefusionen, keine Anfragen aus Rom.

Dafür aber etwa zahlreiche Einladungen - etwa zu Vorträgen. "Doch leider muss ich die meisten absagen - wegen Zeitmangels", sagt Bischof Reinhard und lächelt dabei. Souverän eben. Zugesagt hat er stattdessen die Leitung von Exerzitien in Kevelaer und eines Kurses - natürlich - im Heiligen Land.

Krankenbesuche bei Mitbrüdern

Zeit kann er sich für Radtouren nehmen. "Trotz Helm werde ich erkannt." Mehr Zeit auch für Krankenbesuche bei Mitbrüdern, die er in Münster jetzt zu Fuß unternimmt. Früher sei das nur mit dem Auto möglich gewesen, um schnell zum Krankenhaus zu kommen und unterwegs keine Zeit zu verlieren, erzählt er. Jetzt verbindet er dies mit einem Spaziergang - und wird allenthalben angesprochen und gegrüßt, denn beliebt war und ist er. Und weil er kommunikativ ist, bleibt er stehen und spricht mit den Menschen.

Amtliche Verpflichtungen hat er heute nur noch gelegentlich: Nach der Seligsprechung von Mutter Hendrina Stenmanns Ende Juni etwa feierte er mit der Heimatgemeinde in Issum das Dankamt - "ein sehr schönes Fest", sagt er. Bei der Verteilung von Firmterminen der nächsten Monate lässt er sich ebenfalls in die Pflicht nehmen. Und in der nächsten Zeit wird er auch dann und wann wieder im Paulusdom Gottesdienste feiern.

Zäsur deutlich machen

Seit seiner offiziellen Verabschiedung aus dem Amt des Diözesanbischofs hat er dies nicht mehr getan - ganz bewusst. "Es muss auch deutlich werden, dass es eine Zäsur gibt", erklärt Lettmann. Darum hat er sich in Münster und vor allem im Dom rar gemacht. Eine neue Zeit war nach seinem Ausscheiden Ende April angebrochen: Die Zeit der Vakanz, des leeren Bischofsstuhls.

Die Amtsgeschäfte führen seither andere: Diözesan-Administrator Weihbischof Franz-Josef Overbeck und sein Stellvertreter Prälat Norbert Kleyboldt, der schon Lettmanns Generalvikar war. Die Last des Amtes ist damit von Lettmanns Schultern genommen. "Erleichtert" sei er. Das Tagesgeschäft und all die Schwierigkeiten müssen nun andere schultern.

Wie ein Pfarrer die Gemeinde gewechselt...

Bischof Lettmann beim Gebet in seiner Hauskapelle.

Der Beginn des so genannten Ruhestands des emeritierten Bischofs im Frühjahr war ausgesprochen unruhig. Umzug war angesagt, er musste seine Dienstwohnung räumen. "Wie wir es allen Pfarrern immer empfohlen haben, so habe auch ich die Gemeinde verlassen", sagt Lettmann mit einem Augenzwinckern. Von der Domgemeinde zog er 50 Meter weiter über die Aa in die Gemeinde Liebfrauen-Überwasser. Dort wohnt er jetzt mit seiner Haushälterin.

100 Kisten mit Büchern hat er gepackt und der Diözesanbibliothek gegeben. Kein Platz mehr im neuen Domizil. Denn während er am Domplatz 27 repräsentativ wohnte, bestand die Wohnung doch vor allem aus vielen Fluren, und die Wände waren voller Bücher. Nun hat er es anders getroffen.

Harry-Potter-Bände

Im Keller hat sich Lettmann eine kleine Bibliothek eingerichtet – mit einem besonderen Möbelstück: einem von seinem Vater geschreinerten Bücherschrank. Darin stehen auch sämtliche Harry-Potter-Bände. Auf Deutsch? "Nein, auf Englisch, sonst hört man ja gar nicht wieder auf zu lesen." - So viel Zeit ist nun doch nicht ...

Und wie geht es im Bistum weiter? "Wenn alle ihre Hausaufgaben zeitig machen, kann es schnell gehen", weiß Lettmann aus Erfahrung. Doch mehr kann auch er nicht zu dieser Frage sagen. Wer es wird, weiß derzeit kein Sterblicher. Aber der neue Bischof bekommt einen netten Gartennachbarn: Reinhard Lettmann.

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Text: Norbert Göckener / Foto: Michael Bönte
24.10.2008

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