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27.05.2017
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Genn
Bischof Genn: "Es wäre gut, wenn wir uns nicht scheuen würden, in unseren Gemeinden Gebetsschulen zu gründen."

Interview mit Bischof Felix Genn:

"Frömmigkeit ist nüchterner Realismus"

Bistum. "Mitläufertum ist nicht die erste Form, heute Christ zu sein." Glauben kostet Lernbereitschaft, gebietet sozialen Einsatz und ethische Parteinahme in der Gesellschaft. Bischof Felix Genn im Gespräch.

Kirche+Leben: Herr Bischof, das Konzil beschreibt Bischöfe als "Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen" (Lumen Gentium 25). Kommen Sie als Missionar ins Bistum Münster?

Bischof Felix Genn: Ein Christ ist eigentlich immer ein Missionar. Nun komme ich als Nachfolger des heiligen Ludgerus, dessen Grab ich in Essen-Werden mit den Verantwortlichen dort hüten durfte. Ich würde gern in dieser Spur des Glaubens bleiben und Menschen motivieren, ansteckend zu sein und andere für Christus zu gewinnen. Wenn Sie das als "Missionar" bezeichnen, dann komme ich auch als Missionar. Aber ich komme nicht als Missionar in dem Sinne, als müsse das Bistum Münster jetzt endlich einmal missioniert werden. Dort ist so viel Glaubenssubstanz, so viel kirchliches Leben, dass nicht jemand von außen kommen muss, der sozusagen neu anfängt. Sondern – ich fange für mich neu an.

Kirche+Leben: Kaum ein pastorales Konzept, das nicht mehr Anstrengungen bei der Glaubensweitergabe anmahnt. Wäre es nicht an der Zeit, deutlich auszusprechen, dass der Begriff "Glaubensweitergabe" unrichtig ist? Wäre es nicht für manche ­enttäuschte Christen entlastender zu ­sagen, dass Menschen den Glauben nicht weitergeben können, weil dies allein im Ermessen Gottes steht, dass Glaube ­Geschenk Gottes ist?

Genn: Das ist genau meine Aussage. Ich spreche nicht gern von Glaubensweitergabe. Eher spreche ich davon, dass ein Mensch einem anderen den Glauben bezeugt. Dann aber wird die Annahme des Glaubens durch den anderen erforderlich. Wenn dieser den Glauben annimmt, dann darf er sagen: Der andere hat mir seinen Glauben geschenkt, ich bin davon angesteckt worden. Aber man kann den Glauben nicht weitergeben, wie man eine Sache, ein Geschenk weitergibt. Er fordert immer die Annahme durch den anderen.

Die Menschen ermutigen

Kirche+Leben: Was sagen Sie Christinnen und Christen, die darunter leiden, wenn ihr Angebot des Glaubens an Mitmenschen – an die Kinder, an Ehepartner, an beste Freunde – ohne positive Wirkung bleibt?

Genn: Ich versuche diese Menschen immer zu ermutigen, und zwar mit gutem Grund. Ich glaube nämlich, dass diese Menschen trotzdem etwas Fruchtbares getan haben. Wenn jemand Kindern - sei es als Vater oder Mutter, als Lehrerin oder Lehrer - Gutes weitergibt, dann wird das seine Frucht bringen, auch wenn man das nicht sofort sieht. Ebenso wichtig ist zu bedenken: Der Glaube erfordert die freie Annahme; ich kann niemandem den Glauben aufzwingen. Allerdings sind derjenige Vater und diejenige Mutter, die erleben, dass ihre Kinder sich nicht entscheiden können, zum Glauben ja zu sagen, umso mehr herausgefordert, nicht mit ihrer Liebe nachzulassen und dieses Nein ihres Kindes mit ihrer Liebe zu unterfangen. Sonst werden sie sich nämlich des Christennamens als nicht ­würdig erweisen.

"Wenn jemand Kindern - sei es als Vater oder Mutter, als Lehrerin oder Lehrer - Gutes weitergibt, dann wird das seine Frucht bringen, auch wenn man das nicht sofort sieht."

Kirche+Leben: Menschen unterstützen, ihren Weg mit Gott zu finden – ist das für Sie eine Aufgabe, die vorwiegend kirchliche Amts­träger und Hauptamtliche angeht oder der sich ebenso intensiv jede und jeder Getaufte stellen muss?

Genn: Der Bischof empfängt bei seiner Weihe das Evangelienbuch, und zwar wird es ihm über den Kopf gehalten. Das ist ein Zeichen: Er steht unter dem Wort Gottes, und zugleich beschützt das Wort Gottes ihn. Und das alles deshalb, weil er dieses Wort Gottes weitergeben soll. Aber er gibt es weiter, damit auch wieder andere dieses Wort Gottes annehmen, aufnehmen, an andere weiterreichen. Das ist also ein Unternehmen, das die ganze ­Kirche umfasst. Und deshalb ist mir daran gelegen, dass unsere Priester, die ­Diakone, die Pastoralreferentinnen und -referenten und auch alle, die ehrenamtlich tätig sind, so innerlich brennen, dass andere spüren: Es lohnt sich, das Christentum weiterzugeben, die Botschaft des Evangeliums anzusagen, auch dorthinein, wo dieses Weitergegebene keine Annahme findet.

Kirche+Leben: Leistung und Erfolg sind keine Maßstäbe bei der Verbreitung des Glaubens. Welche Maßstäbe gelten stattdessen?

Genn: Die Fruchtbarkeit. Die Bereitschaft, da­rauf zu setzen, dass das Gute seine Frucht in sich trägt – selbst wenn ich das nicht sehe. Ich kann nicht sehen, was ich hier im Bistum Essen gesät habe. Ich hoffe, dass es nicht nutzloser Same war und dass er eines Tages aufgehen wird. Aber es steht nicht in meiner Macht, überhaupt darauf zu warten, dass er aufgehen wird – Hauptsache, dieses Samenkorn ist durchdrungen von der Kraft des Evangeliums. Deshalb sind Leistung und Erfolg nicht das entscheidend Christ­li­che, sondern die Fruchtbarkeit. Denn "getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen und bringt keine Frucht" (vgl. Joh 15,5).

Sensibilität für die Not des anderen

Kirche+Leben: Nichts überzeugt besser als persönliche Vorbilder. Was vor allem sind christliche Handlungsweisen, die andere aufmerksam machen?

Genn: Das Wesentliche ist natürlich die Liebe. Und die fängt bei der Sensibilität für die Not des anderen an. Ob jemand wirklich von der Liebe durchdrungen ist, erweist sich dort, wo er in der Begegnung mit einem anderen – vor allem, wenn dieser in Not ist – nicht zuerst von sich spricht, sondern wahrzunehmen sucht, was den anderen wohl bewegen mag. Das entscheidende Zeugnis der Christen durch alle Jahrhunderte war die Liebe.

Kirche+Leben: Wer war Ihnen Vorbild im Glauben, wer ist es heute noch?

Genn: Vorbilder im Glauben habe ich viele gehabt, das waren vor allen Dingen meine Eltern, das war auch das katholisch-christliche Umfeld meiner Heimatgemeinde, das waren sehr gute Religionslehrer, das waren akademische Lehrer. Ich bin dankbar, in meinem Studium dem Professor Joseph Ratzinger begegnet zu sein. Das sage ich nicht, um mich zu schmücken, nein – durch seine Vorlesungen wurden mir viele Fragen und Zweifel genommen, obwohl ich persönlich mit ihm nie darüber gesprochen habe. Und dann war es sicherlich die Begegnung mit Hans Urs von Balthasar. Heute sehe ich an vielen, manchmal ganz einfachen und nicht selten jungen Menschen: Es lohnt sich weiterhin, der Botschaft des Auferstandenen zu trauen.

Kirche+Leben: Jesus hat einen Blinden, der zu ihm kam, zuerst gefragt: "Was soll ich dir tun?" ­(Lk 18,41) Wieweit misslingen unsere Glaubensangebote auch deshalb, weil wir ­vorschnell zu wissen meinen, was suchenden Menschen fehlt?

Genn: Deswegen gehört zunächst ein sehr offenes, sensibles, wachsames Ohr dazu, ­damit ich die Botschaft auch in diese ­Situation hineingeben kann. Ich soll durchaus konfrontieren; es gibt Situa­tionen, in denen der Christ widersprechen muss. Aber zunächst gilt: Sowohl für die persönliche Begegnung mit dem Einzelnen als auch für die Begegnung mit einer Gemeinde oder für mich jetzt für die Begegnung mit einer Diözese gilt, die Ohren aufzumachen und festzustellen: Was ist denn jetzt sozusagen der Boden, der auf die Aufnahme des Wortes Gottes wartet?

"Ich möchte den Menschen das Leben verkünden, das nicht nur von elf Uhr bis Mittag hält, sondern das von Dauer ist."

Kirche+Leben: Entscheidend bestimmt die Heilige Schrift unseren Glauben. Welchen Stellenwert verdient die Bibelarbeit in den Angeboten der Pfarreien?

Genn: Wir müssen die Strukturen jetzt wieder mit Leben füllen. Eine meiner wichtigsten Handlungsoptionen sowohl als Weihbischof wie danach als Bischof von Essen ist immer gewesen, dass Glaubende sich zusammenschließen und ihre Lebenssituation bedenken, sie ins Gespräch bringen mit dem Wort Gottes. Deswegen würde ich mich freuen, wenn immer mehr Menschen in Glaubensgesprächskreisen zusammenfinden – das muss ja nicht den ganzen Abend fromm zugehen, das kann auch anschließend noch gut mit Essen und Trinken verbunden sein – das ist doch wunderbar katholisch. Da würden sich die Gemeinden von unten und von innen her wieder erneuern.

Leben verkünden

Kirche+Leben: Welche Bibelstelle ist Ihnen besonders wertvoll und warum?

Genn: Als ich 1976 zum Priester geweiht wurde, habe ich mir die ersten vier Verse des ­ersten Johannes-Briefes ausgewählt. Und daraus habe ich dann auch das Leitwort für meinen Dienst als Bischof genommen, weil diese Worte von einer zentralen Erfahrung sprechen, die ein Mensch mit Jesus gemacht hat, und zwar sehr leibhaft: mit den Augen gesehen, mit den Ohren gehört. Das meint jetzt nicht eine direkte körperliche Nähe, aber eine wirkliche, innere Erfahrung – entdecken zu dürfen: Das ist ein Wort des Lebens. Ich möchte den Menschen das Leben verkünden, das nicht nur von elf Uhr bis Mittag hält, sondern das von Dauer ist. Und das dem irdischen Dasein, das unweigerlich auf den Tod zugeht, eine Ewigkeits-Garantie schenkt, die nur in der Hoffnung des Glaubens zu begründen ist.

Kirche+Leben: Unsere Zeit ist weniger durch aktiven Atheismus geprägt als vielmehr durch eine verschwommene Religiosität als wohlige Seelen-Massage. Welchen Anteil an dieser Entwicklung hat der Umstand, dass das Glaubenswissen der Christen abnimmt?

Genn: Das halte ich für ein wahres Defizit un­serer kirchlichen Situation, gerade auch bei uns in Deutschland. Auf der einen Seite leben wir in einer Informations­gesellschaft, auf der anderen Seite ist das kirchlich-religiöse Grundwissen mi­nimal. Da muss etwas dran getan werden, das geht nur über Katechese.

Kirche+Leben: Eine dreifache Krise hat der Basler Bischof Kurt Koch vor zehn Jahren benannt: eine Gotteskrise nach dem Motto "Re­ligion ja – ein persönlicher Gott nein", eine Kirchenkrise "Jesus ja, Kirche nein" und eine Christuskrise "Jesus ja, Christus als Sohn Gottes nein". Was von seiner Analyse trifft heute noch zu?

Genn: Der entscheidende Punkt ist die Chris­tus-Frage. Zu glauben, dass wir als Christen nicht einfach von Gott reden, sondern von dem Gott, wie er sich in Jesus Christus gezeigt hat. Das ist natürlich eine ­Herausforderung, dass der Unfassbare fassbar wird in dieser Person und der ­Gestalt des Kindes in der Krippe, des Mannes aus Galiäa und des Gekreuzigten auf Golgota – dass da Gott greifbar ist, in einem Menschen! Und wenn dieser noch als Gekreuzigter stirbt und sich den Seinen als Auferstandener zeigt, dann ist das zunächst einmal für den mensch­lichen Verstand und die menschliche Seele anstrengend, dem zu glauben. Aber wenn man das Herz geöffnet hat, dann wird das ganz leicht.

Kirche+Leben: Im Schrumpfen der Christen zur Min­derheit sehen manche Seelsorger die Chance, damit wachse die Wahrnehmung des Glaubens als Alternative zu den "Man"-Zwängen der Gesellschaft. Wie ist Ihre Einschätzung?

Genn: Da ist etwas dran. Ich würde allerdings nicht sagen, es muss zwangsläufig so sein. Nur – es ist eine Chance. In der ­Vielfalt der Sinnangebote sind wird he­rausgefordert, unserem christlichen Glauben wirklich ein Profil zu geben. Was macht es denn aus, Christ zu sein, heute? Und das geht nicht mehr ohne Bekenntnis. Mitläufertum ist nicht die erste Form, heute Christ zu sein.

Sich der eigenen Sehnsucht stellen

Kirche+Leben: Umfragen zufolge glauben immer we­niger Christen an Auferstehung und ­ewiges Leben. Selbst bei Beerdigungen hört man viel über die Lebensgeschichte eines Verstorbenen, aber wenig über christliche Hoffnung auf das Weiterleben über unsere irdische Existenz hinaus. Welche Möglichkeiten bieten sich zur ­Bekräftigung des Osterglaubens?

Genn: Es wäre eine Chance, von der Sehnsucht des menschlichen Herzens ganz offen zu sprechen. Wenn ein Mensch sich wirklich ehrlich seiner eigenen Sehnsucht stellt, dann wird es die tiefe Sehnsucht sein, doch ewig leben zu können und nicht das grauenhafte Schicksal des Todes erleiden zu müssen. Wenn ich dort hineinspreche und die Gestalt Jesu zeige, der sagt, er sei die Auferstehung und das ­Leben, dann ist das zumindest ein Angebot, das ich nicht einfach vom Tisch wischen kann.

"Jesus war ein absolut nüchterner Realist, als er sagte: 'Freut euch, wenn ihr um meines Willen verfolgt werdet' (vgl. Mt 5,11)."

Kirche+Leben: Zeugnis zu geben, von seinen tiefsten Überzeugungen zu sprechen, das er­fordert die ganze Persönlichkeit. Ist wirkliche Zeugenschaft nur um den Preis möglich, auch angefeindet und lächerlich gemacht zu werden?

Genn: Das machte offensichtlich das Christentum von Anfang an aus. Jesus war ein absolut nüchterner Realist, als er sagte: "Freut euch, wenn ihr um meines Willen verfolgt werdet" (vgl. Mt 5,11). Er hat das ganz klar gesehen, bis hinein in den Kreis der eigenen Familie. Vielleicht haben wir uns in unseren katholischen Gemeinden auch zu wohl gefühlt und haben das ­Anstößige des Christentums etwas glatt gebügelt. Aber heute in Fragen der Globalisierung, in Fragen der Bioethik, in Fragen des Lebensanfangs und Lebensendes kommen wir nicht umhin zu sagen: Was ist hier christliche Sache?

Kirche+Leben: Im Gleichnis vom Sämann beschreibt Jesus, wie unterschiedlich der Same gedeiht (Lk 8,4-8) je nachdem, auf welchen Boden er trifft. Was lässt sich aus dieser Bildrede für unser Bemühen ableiten, Menschen Jesu Botschaft anzubieten?

Genn: Da lassen sich zwei sehr ermutigende Dimensionen betonen. Die eine ist, dass Jesus darum wusste, dass der Same auch auf etwas vergeblich fallen kann – und er hat trotzdem nicht aufgegeben. Jesus hat darauf gesetzt – und das ist das Zweite – dass der Same in sich gut ist. Deshalb ist es zwar schade, wenn ihn ein Boden nicht aufnimmt; aber der Same ist gut, das ist der entscheidende Punkt.

Kirche+Leben: Um im Bild vom Sämann zu bleiben: Ein bewährtes Wachstumsmittel für den Glauben ist eine regelmäßige Gebets­praxis. Was empfehlen Sie, um das ­Gespräch mit Gott zu stärken?

Genn: Für einen Christen ist es sehr hilfreich, wenn er Sonntag für Sonntag bei der ­Verkündigung des Wortes durch den ­Prediger eine Hilfe bekommt, mit welchem Wort er durch die Woche gehen kann. Das muss nicht so sein, dass der Prediger ein bestimmtes Wort empfiehlt. Vielleicht nimmt sich der eine dieses und der andere jenes Wort. Aber wichtig ist, dass er im Lauf der Zeit lernt, das Wort Gottes immer wieder zu kauen, wie die Kirchenväter einmal gesagt haben, um die Substanz herauszunehmen – wie ein gutes Stück Schwarzbrot nicht einfach heruntergeschlungen werden kann, das braucht ein Durchsäuern mit der Kraft des Speichels. Schlicht und praktisch: Es wäre gut, wenn wir uns nicht scheuen würden, in unseren Gemeinden Gebetsschulen zu gründen. Das heißt, wir sollten Kreise bilden, in denen man das Beten lernt. Wie betet ein Journalist? Wie betet ein Schreiner? Die beten anders als ein Priester. Wie betet eine Frau auf dem Markt, die morgens in aller Frühe schon da stehen muss? Wie betet derjenige, der unter Tage malocht? Man schämt sich von Beten zu sprechen, weil man nicht so fromm sein will. Dabei ist Frömmigkeit nüchterner Realismus.

Eltern den Rücken stärken

Kirche+Leben: Kinder erweisen sich als sehr empfänglich, wenn ihre Eltern sie mit dem Glauben bekannt machen. Wie können Sie Eltern dabei den Rücken stärken?

Genn: Zunächst dadurch, dass wir vom Tag der Taufe an ihnen Möglichkeiten anbieten, sich Elternkreisen anzuschließen, wo man auch über die religiöse Erziehung der Kinder spricht. Und indem wir die ­Erzieherinnen in unseren Kindertagesstätten ermutigen, durchaus das Gebet zum Thema zu machen – ganz praktisch. Schon bei der Anmeldung zur Taufe könnte man den Eltern ein Faltblatt in die Hand geben, auf dem die Grund­gebete des Christentums abgedruckt sind. Denn viele Eltern haben diese Gebete ja auch verlernt.

Kirche+Leben: In unterschiedlichen Lebensphasen, nicht selten an "Lebenswenden", interessieren sich heutige Menschen für Antworten des Glaubens auf ihre Sinnfragen. Welche Rolle spielen für Sie die "Citypas­toral" und die "Jugendkirchen" als Anlaufstellen dieser Menschen?

Genn: Im Bistum Essen gibt es beide Projekte. Das ist eine Möglichkeit, um bestimmte Menschen anzusprechen und ihre Lebenssituation noch mehr in das Licht zu heben. Allerdings gibt es durchaus die Gefahr, dass eine solche Gruppe unter sich bleibt und nicht mehr neue Menschen hinzugewinnt. Ebenso darf man nicht romantisch werden, so als könne man mit allen möglichen Angeboten an allen möglichen Stellen Menschen er­reichen, das braucht auch eine gewisse Nüchternheit.

Kirche+Leben: So wenig wir die Glaubensweitergabe nur aus eigener Kraft leisten können, so wenig ist der Glaube fester und dauerhafter Besitz eines Getauften. Wie können wir Mitchristen beistehen, die Wüstenphasen durchleiden?

Genn: Da fällt mir unsere Jugendkirche in Oberhausen ein. Dort wurde einmal im Rahmen eines Adventsgottesdienstes ge­nau diese Wüstenerfahrung aufgegriffen. Die Kirche war wie eine Sandwüste gestaltet, allerdings ganz dem sakralen Raum angemessen. Dort konnten Menschen ihre Wüstenerfahrung durchaus benennen. Will sagen – man kann durch Formen des Bildes, der Musik, der Literatur Menschen dahin führen, überhaupt einmal bei sich wahrzunehmen: Ich bin in einer Wüste. So schnell sagt das keiner. Doch es kann sein, dass er es auf diese Weise erst ­entdeckt.

"Für einen Christen ist es sehr hilfreich, wenn er Sonntag für Sonntag bei der ­Verkündigung des Wortes durch den ­Prediger eine Hilfe bekommt, mit welchem Wort er durch die Woche gehen kann."

Kirche+Leben: Alter macht fromm. Wer mit Älteren spricht, hört nicht selten Gegenteiliges: Lebenslang Unerschütterliches wird ­brüchig, fraglich. Wie muss die kirchliche Seniorenbetreuung heute gestaltet sein, damit sie mehr ist als bloße Beschäf­tigung und Bespaßung?

Genn: Da haben Sie ein richtiges Wort gesagt! Manche Seniorenbetreuung nimmt die Leute nicht ganz ernst. Da ist zwar viel Liebe drin, und das muss man auch ­würdigen. Denn es gibt viel Einsamkeit, und manche Menschen suchen einfach die Geselligkeit bei Kaffee, Kuchen und einem guten Glas Wein, oder im Müns­terland bei einem Schinkenbrot mit Bier. Aber es darf nicht so sein, dass ich die Leute bloß beschäftige. Ich muss ihnen auch Angebote machen, dass sie in ihrer Lebensphase – und das macht ja das Schöne des Glaubens aus – noch in Bewegung bleiben können, dass sie mit neuen Fragen nach den Antworten des Glaubens suchen können, weil die in sich wahren Katechismuswahrheiten in jeder Situation existenziell umgesetzt werden müssen. Und da brauchen auch Senioren – und die Zahl dieser Frauen und Männer wächst – eine wirkliche Hilfe.

Kirche+Leben: Wir begehen das Paulus-Jahr, gedenken des 2000. Geburtstags des Völkerapostels. Was können wir von ihm lernen?

Genn: So mit Jesus verbunden zu bleiben, dass wir nicht ausgebrannte Personen sind, sondern "burning persons" – also Menschen, die Feuer und Flamme sind für die Frohe Botschaft.

Kirche+Leben: Was fasziniert Sie an Paulus?

Genn: Die tiefe Verbindung mit dem Auferstandenen. Für mich drückt sie sich am treffendsten im Galaterbrief aus: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Und was ich jetzt noch zu leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hin­gegeben hat" (2,20). Wenn ich das doch auch sagen könnte – ein Leben lang!

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Text: Hans-Josef Joest | Foto: Michael Bönte
01.01.2009

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