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07.12.2016
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Die Soutane.

Sichtbare Größe: Die Soutane spiegelt die Körperlänge des Kardinals von etwa zwei Metern wider.

70 Jahre nach der Kardinals-Ernennung von Galens

Großer Kardinal, großes Gewand

Bistum. Seine Größe wird greifbar, seine Ausstrahlung begreifbar: Das Gewand aus rotem Seidenmoiré überragt den großen Arbeitstisch im Atelier an allen Seiten. Obwohl dieser bereits mit Brettern verlängert wurde. Für die Ausmaße der Chor-Soutane aber reicht das immer noch nicht. Es wird deutlich: Ein ganz Großer hat sie getragen – in der Körperlänge sowieso. Aber auch in seinen Taten.

Kardinal von Galen war fast zweit Meter groß. Zu seinen Lebzeiten war das die absolute Ausnahme. Auf den historischen Fotos, auf denen er die Umstehenden oft mehr als einen Kopf überragt, ist das zu erahnen. Aber auch heute, als sein Kleidungsstück vor den Restauratorinnen liegt, wird das fassbar. Im Kontakt mit seinem Gewand wird spürbar, welche Ausstrahlung dieser Mann gehabt haben muss.

"Ich habe die Soutane schon als Kind in der Ausstellung gesehen und war von der Größe tief beeindruckt", erinnert sich Sabine Heitmeyer-Löns. Im Heimathaus Münsterland in Telgte waren damals auch die Schuhe des Kardinals ausgestellt. "Die waren riesig – Größe 52", sagt die Restauratorin in ihrer Werkstatt bei Havixbeck. Als dann vor einigen Wochen der Auftrag kam, zum 70-jährigen Kardinals-Jubiläum das textile Ausstellungsstück aus Telgte zu restaurieren, war das auch eine kleine Reise in die eigene Kindheit für sie. "Ich habe mich über diesen Auftrag ungemein gefreut."

Heiße Nadel

Wenn die 60-Jährige und ihre Kolleginnen sich jetzt ihrem Arbeits-Objekt widmen, dann erzählt es aber viel mehr als bei einer bloßen Betrachtung im Museum. Sie nähern sich nicht nur  dem textilen Stoff, sie rücken heran an die Geschichte dieses Mannes, an seine Lebensumstände, an seinen Charakter. "Es waren Zeiten, in denen man sich offenbar selbst als Kardinal seine Robe nicht maßschneidern lassen konnte", sagt sie. "Es ist deutlich zu sehen, dass sie aus mehreren Gewändern zusammengefügt wurde."

Das muss kurz vor seiner Ernennung am 18. Februar 1946 in Rom gewesen sein, sagt sie. "Mit heißer Nadel.« Die verschiedenen Seiden-Stückchen, die zur Verlängerung eingenäht worden seien, zeigten das. "Eine andere Soutane muss dafür zerschnitten worden sein." 21 Zentimeter wurden am unteren Rand eingesetzt, etwa 15 Zentimeter an den Ärmeln. Von der Stange gab es für diese Körpergröße damals ohnehin nichts. Es war die Nachkriegszeit, und man musste improvisieren. Ob auch das Grundgewand bereits ein getragenes war, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. "Wer würde heute noch mit einem so zusammengestopften Gewand einen solchen Anlass feiern?"

Ob der Kardinal es bereits in Rom trug, ist ungewiss. Fotos belegen aber, dass er es am Tag seines Einzugs als Kardinal ins Bistum Münster angezogen hatte. Sowohl am Morgen, als er noch den Wallfahrtsort Telgte besuchte, als auch am Nachmittag in der Bischofsstadt. Diese historischen Hintergründe sind im Kopf, wenn sich die Restauratoren über die wertvolle Textilie beugen, um sich mit einer Vergrößerungs-Brille und unter besonderem Licht den mittlerweile schadhaften Stellen zu nähern. Der Stoff ist ausgeblichen, gerade die Einsätze zeigen deutliche Spuren von Ablösungen der einzelnen Fäden.

Dünner als ein Haar

Exakt nähern sich die feinen Nadeln der Restauratorinnen diesen Stellen. Noch dünner als ein Haar, haben die Fäden dafür zuvor die passende Farbe und den richtigen Glanz erhalten. "Wir sichern die Substanz, wo sie zu verfallen droht oder schon Schaden genommen hat", erklärt Heitmeyer-Löns. "Schadhafte Stellen unterlegen", heißt das in der Fachsprache. Die losen Fäden werden durch neue fixiert, Stück für Stück, eine filigrane Fleißarbeit. Am Ende wird die Soutane zwar nicht so aussehen wie damals. Einmal eingetretene Schäden können nicht wieder beseitigt werden. "Wir können aber sicherstellen, dass sie sich nicht durch mechanische Beanspruchung wie Zug oder Reibung ausweiten."

Licht und Luft werden dem Gewand auch künftig zusetzen. Weil es nicht in einem Magazin verschwinden wird, wie es für seinen Erhalt sicher vorteilhafter wäre. Sie wird in die Ausstellungsräume des Museums Relígio in Telgte zurückkehren. Dort hat man während des Umbaus viel dafür getan, dass künftige Schäden vermieden werden. Zudem werden eine neue Glasvitrine und eine neue Figurine, ein das Kleid tragender Unterbau, die Soutane in Szene setzen.

Bis dahin werden es etwas 150 Arbeitsstunden sein, die dem Objekt im Atelier bei Havixbeck gewidmet werden. Und seiner Geschichte. "Auch wenn wir mit Konzentration Quadratzentimeter für Quadratzentimeter vorgehen müssen – das große Ganze bleibt präsent", sagt Heitmeyer-Löns. "Er ist eine absolute Größe für mich", fasst sie ihre bisherigen Gedanken an diesem Restaurations-Tisch zusammen. "Wer steht denn heute noch mit einem so geraden Rücken für seine Überzeugung ein?« Aufrichtigkeit sei eine oft verloren gegangene Tugend. »Da können wir heute viel von ihm lernen."

Es ist dieser Teil ihrer Arbeit, der ihr den Beruf als Restauratorin besonders ans Herz wachsen ließ. Immer dann, wenn sie nicht nur ein Stück Stoff in den Händen hält, sondern die Ausstrahlung und den zeitgeschichtlichen Hintergrund einer Persönlichkeit ahnt. Das war so bei den Handschuhen von Marlene Dietrich. Und das war so bei den Paramenten des seligen Karl Leisners. "Der Blick auf die Person verändert sich, sie wird greifbar." Auch weil Zeit dafür ist. Bei aufwändigen Arbeiten kann manchmal an einem Tag nur ein Stück in Handflächen-Größe wiederhergestellt werden. Eine lange Zeitspanne für die intensive Kontaktaufnahme.

Atelier-Atmosphäre

"Dabei kommen automatisch Emotionen ins Spiel", sagt Heitmeyer-Löns. "Bei dem einen Stück mehr, bei dem anderen weniger." Kleidungstücke von Seligen oder Heiligen hätten da sicher eine besondere Ausstrahlung. Sie erinnert sich etwa an die Textilien der seligen Anna-Katharina Emmerick. "Die haben eindeutig etwas mit der Atmosphäre in unserem Atelier gemacht – irgendwie schwang da das Thema Leiden aus ihren Visionen mit."

Für solche Erfahrungen ist sie dankbar. Diese seien nur möglich, weil Textilien zu früheren Zeiten einen viel höheren Stellenwert gehabt hätten als heute. "Es sind zum Teil Kleidungsstücke, die über mehrere Jahre entstanden, an denen viele Schneider und Künstler mitwirkten, in denen wertvolle Stoffe zu einzigartigen Werken verarbeitet wurden." Ein Chormantel aus dem 15. Jahrhundert liegt derzeit nicht weit entfernt von der Soutane von Galens auf einem Ateliertisch. "Damals wanderte ganz bestimmt nichts in die Altkleidersammlung."

Einen solchen kunsthistorischen Wert hat das Gewand des Kardinals nicht. Trotzdem fällt es in der Ausstrahlung gegenüber den barocken Wandteppichen oder anderen Textilien im Atelier nicht ab. Allein die Größe bewirkt Aufmerksamkeit. Und von den Ausmaßen des Stoffes bis zum Gefühl für die menschliche Größe von Galens ist es nicht weit.

Der "Löwe von Münster"

Am 18. Februar jährt sich die Kardinalsernennung Clemens August Graf von Galens zum 70. Mal. Damals bekam er in Rom von Papst Pius XII. das purpurne Birett überreicht. Die folgende Rückkehr nach Münster glich einem Triumphzug: Auf den Trümmern des total zerstörten Doms feierte er mit tausenden Begeisterten seine erste heilige Messe als Kardinal.

Schon im Oktober 1956 lief das Seligsprechungsverfahren für den am 16. März 1878 auf Burg Dinklage im Landkreis Vechta geborenen von Galen an. Hintergrund dafür war vor allem sein vehementer Widerstand gegen die propagierte Rassenlehre während der Herrschaft der Nationalsozialisten. 1933 zum Bischof von Münster geweiht, wandte er sich öffentlich gegen die so genannte Euthanasie in den Heilanstalten für Geisteskranke. Insbesondere seine drei Predigten, die er im Juli und August 1941 in der münsterschen Lambertikirche hielt, machten ihn zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Westfalen und verschafften ihm den Beinamen "Löwe von Münster".

Nur wenige Tage nach seiner Kardinals-Erhebung erkrankte von Galen schwer. In Folge eines Blinddarmdurchbruchs starb er am 22. März 1946. Im Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. in Rom selig gesprochen. Sein Grab befindet sich in der Ludgerus-Kapelle des St.-Paulus-Doms in Münster.

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  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Seliger Clemens August Graf von Galen

Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte
18.02.2016

    1. Dossier: Seliger Kardinal Clemens August von Galen

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