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10.12.2018
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Pater Nikodemus Schnabel.

Pater Nikodemus Schnabel, Sprecher der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

Pater Nikodemus von der Dormitio-Abtei analysiert die Lage

Heiliges Land: Die Benediktiner zwischen allen Stühlen

Jerusalem. Es ist die Stadt, die "4.000 Jahre Geschichte atmet". Ein Brennpunkt des Nahostkonflikts und der Ort, an dem nationalistische Juden vor und hinter ihm verächtlich ausspucken, weil er Ordenshabit trägt, erzählt der Benediktinerpater Nikodemus Schnabel. Dennoch will er nirgendwo anders leben: "Jerusalem ist meine geliebte Diva."

Ein kompliziertes Liebesverhältnis. Erst Mitte Januar schmierten Radikale hebräische Parolen wie  "Christen zur Hölle" und "Tod den Christen" auf die Wände der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg, deren Sprecher Pater Nikodemus ist.

"Sehr unzufrieden" sind die Mönche mit der Polizei. Unmittelbar nach dem Papstbesuch 2014 steckten Radikale ein Stuhl-Lager in der Dormitio-Kirche in Brand, ein Großfeuer konnte mit Glück verhindert werden. "Israelische Sicherheitskräfte hatten uns Überwachungskameras versprochen." Die jüngsten Schmierereien trafen aber die einzige Wand, an der noch immer keine Kameras angebracht wurden.

"Israel leugnet Extremismus-Problem"

"Israel leugnet das Problem eines jüdischen Rechtsradikalismus", sagt der Benediktiner. Das rasche Verhaften von Verdächtigen nach den Graffitis im Januar wundert ihn nicht: "Die Polizei kennt die Leute seit langem." Sie soll "ihre Arbeit tun. Mehr verlangen wir nicht."

In den Tätern sieht Pater Nikodemus "Hooligans der Religion", ein Begriff aus seinem Buch "Zuhause im Niemandsland" (siehe Tipp). Es seien "junge Bildungsverlierer ohne Perspektive", denen religiöse Demagogen eine Identität aus "billigen Antworten" zusammenzimmern würden. Religion sei aber eine Gottsuche und "kein billiges Antwortgeben".

"Katastrophale Lage" in Tabgha

"Katastrophal" sei die Lage in Tabgha, einem Priorat der Dormitio am See Gennesaret. Dort hatten radikale Brandstifter im Juni 1,6 Millionen Euro Schaden angerichtet, zudem wurden zwei Menschen verletzt.

Nach der Attacke habe der Staat zugesagt: "Wir zahlen den Schaden, weil es ein Terroranschlag war", berichtet Pater Nikodemus. Zwischenzeitlich habe sich ein Ministerium gemeldet. Es sei ja doch eher "eine religiös motivierte Gewalttat" gewesen: "Dafür sind wir nicht zuständig." Bisher sei kein Cent geflossen, hinter den Kulissen werde gefeilscht.

"Wir haben aufgeräumt, aber noch nicht wieder aufgebaut." Der Abteiladen sei nach wie vor in einem Container untergebracht, Scheiben seien geborsten, der Brandgeruch noch immer wahrnehmbar, berichtet der Abteisprecher. "Für die dort lebenden Mönche ist der Brand jeden Tag präsent."

Pilgerzahlen eingebrochen

Über selbst gesammelte Spenden und über Gelder des Deutschen Vereins vom Heiligen Land sei ein kleiner Teil der Schadenssumme zusammengekommen. Auch Rabbiner hätten privat gespendet, freut sich Pater Nikodemus: "Vielleicht fangen wir einfach mit dem Wiederaufbau an, um den Druck auf Israel zu erhöhen."

Die Gesamtlage schreckt viele Heilig-Land-Besucher ab. Wegen des Gaza-Kriegs seien die Pilgerzahlen 2014 eingebrochen, 2015 nochmals gesunken. Dennoch sagt Pater Nikodemus: "Ich bitte Sie aus tiefstem Herzen: Kommen Sie zu uns. Lösen Sie sich von den Fernseh-Bildern." Im Nahostkonflikt sei noch nie ein Pilger zu Schaden gekommen. Pilger seien beiden Seiten "heilig", weil sie von ihrem Kommen wirtschaftlich profitieren.

Experte sieht keine Gefahr für Pilger

Der Einbruch der Pilgerzahlen gefährde die Präsenz der Christen, die im Heiligen Land ohnehin nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. "Viele Christen arbeiten als Fremdenführer oder in Pilgerherbergen. Sie sind davon abhängig, dass Touristen kommen."

Pater Nikodemus räumt zwar ein, dass "beinahe jede Woche" eine christliche Stätte in Israel Ziel einer Attacke sei: "Graffitis, Vandalismus, das Umstürzen von Friedhofskreuzen." Aber all das geschehe nachts, Pilger seien nie in Gefahr.

Bei aller Kritik an Israels Polizei und an den Taten von Radikalen: Partei im Nahostkonflikt ergreifen die Mönche der Dormitio nicht. "Wir haben eine klare Position zwischen den Stühlen und bekommen dafür von allen Seiten Prügel", sagt Pater Nikodemus, der auch Seelsorger für die Deutsch sprechenden Katholiken in Israel, Palästina und auch Gaza ist.

Nicht auf eine Seite schlagen

Sich im Konflikt auf eine Seite zu schlagen, sei bequem, aber falsch. Beide Seiten sähen sich als Opfer. "Wir werben dafür, die Beteiligten der anderen Seite nicht als Monster oder Gesindel zu sehen, sondern als Menschen." Es gehe um Selbstkritik statt Selbstmitleid, denn: "Die andere Seite erfährt auch Leid – und zwar durch das Handeln der einen Konfliktpartei."

Die Dormitio sei "ein Ort der offenen Herzen", der Transparenz, nicht der Mauern. Als Reaktion auf den Brandanschlag 2014 hätten die Mönche einen "Tag der offenen Tür" angeboten, auch die Klausur geöffnet.

Pater Nikodemus berichtet auch von Solidarität mit den Christen. Der Unterstützerkreis wachse, die Zahl der Menschen, "denen wir einfach egal sind", werde kleiner. Er zitiert einen Rabbiner: "Ein Jerusalem ohne Mönche – das wäre nicht mehr unser Jerusalem."

Buchtipp

P. Nikodemus Schnabel
"Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina"
176 Seiten, 20 €, Verlag Herbig, ISBN 978-3-7766-2744-2

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Text: Jens Joest | Foto: Claudia Schwarz in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
06.02.2016

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