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10.12.2016
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Wenn man den Mund nicht zukriegen kann...

Wenn man den Mund nicht zukriegen kann...

Die kleinen Sünden des Alltags

Folge 2: Immer das letzte Wort haben wollen

Bistum. "Herr Doktor, Herr Doktor, mein Mann redet ständig im Schlaf!" – "Kein Wunder, wenn Sie ihn tagsüber nie zu Wort kommen lassen!"

Was in diesem kleinen Witz lustig anmutet, kann uns im Alltag zur Weißglut bringen. Während dem Chef – zumindest redensartlich – kraft seines Amtes das letzte Wort zusteht, gibt es darüber hinaus auch unzählige Kollegen, Nachbarn und Bekannte, die meinen, immer alles besser wissen und alles kommentieren zu müssen: während sie sich selbst nichts sagen lassen. Offensichtlich ist ihnen in diesen Augenblicken egal, dass man sich mit Rechthaberei keine Freunde verschafft; Hauptsache, sie dominieren (und kontrollieren) die Situation.

Manchen Betroffenen ärgert besonders, wenn solche Großmäuler und Sprücheklopfer mit den stets gleichen Phrasen Verständnis für die Argumente ihres Gesprächspartners heucheln, in Wirklichkeit aber nur noch "eins drauf" setzen wollen: "Du hast ja nicht ganz Unrecht, aber ..." oder "Was du sagst, mag ja stimmen. Ich weiß aber auch, dass ..."

Während freundlich gesinnte Menschen sich "nur" an dem scheinbar unbelehrbaren Dickkopf ihres Gegenübers stoßen, spüren andere, dass es um mehr gehen könnte: dass der Gesprächspartner in seiner offenkundig sehr hierarchischen Denkweise aus einem einfachen Dialog einen privaten Machtkampf macht, dass er auf diese Weise persönlich empfundene Minderwertigkeitsgefühle zu überspielen versucht. – Da nimmt sich jemand besonders wichtig oder ist Opfer seiner mangelnden Selbstachtung und -beherrschung.

"Wer nicht zurückschießt, gibt zu, dass er der Schwächere ist", heißt es in manchen Internetforen, die das Thema diskutieren, sehr schlicht: ein Hinweis darauf, welche Bedeutung dem "letzten Wort" im Alltag zugemessen wird. Nicht wenigen Egos scheint es – zumindest unbewusst – ziemlich gut zu tun, einmal das Schlusswort oder das "Wort zum Sonntag" sprechen zu dürfen.

Und natürlich gilt die alte Weisheit "Der Klügere gibt nach" nur bedingt: Wenn der vermeintlich Klügere stets nachgibt und sich zurückhält, wird die Welt irgendwann von dummen Menschen regiert. Andererseits bleibt die Frage, wie weit man für seine guten Argumente geht: Was, wenn der andere sie sowieso nicht versteht oder verstehen will? Am Ende kann es ja nicht das Ziel sein, seinen Worten Taten folgen und die Fäuste sprechen zu lassen.

Dass auch der bloße Kampf ums letzte Wort grundsätzlich im Bereich der (kleinen) Sünden angesiedelt werden kann, wird deutlich, wenn man nach Synonymen für die schlechte Angewohnheit sucht, jemanden nicht ausreden zu lassen, ihm immer Kontra zu geben oder ihn kontinuierlich zu bevormunden. Unsere Sprache ist da sehr verräterisch, wie das Beispiel "jemanden mundtot machen" zeigt. Umso mehr, wenn man weiß, dass die Redensart auf das mittelhochdeutsche Wort "munt" zurückgeht, das für Schutz und Vormundschaft (Sicherheit) stand. Ein "Mundtoter" war in der alten Rechtsprache einer, der entmündigt und damit nicht mehr für sich selbst verantwortlich war. Durch den Gleichklang mit dem Wort Mund entwickelte sich in der Alltagssprache zunehmend das heutige Verständnis: "jemanden zum Schweigen bringen". Dass das zuweilen auf rücksichtslose, illegale Weise geschieht, schwingt im Wort bis heute mit.

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Text: Jan Magunski | Foto: Jan Magunski
27.02.2015

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