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30.06.2016
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Miniatur aus dem 14. Jahrhundert.

Ver-Führung: Diese in Prag entstandene Miniatur aus dem 14. Jahrhundert zeigt, wie Eva einem als Engel verkleideten Teufel begegnet, der sie verführen will.

Die kleinen Sünden des Alltags

Einleitung: "Das machen doch alle!"

Bistum. Am Ende seines gut 91-jährigen Erdendaseins hatte mein Großvater allen Lebensmut verloren. Nicht nur, dass seine geliebte Anna schon vor Jahren von ihm gegangen war. Am Ende fand er sich in der Welt des 21. Jahrhunderts einfach nicht mehr zurecht: Zu vieles hatte sich innerhalb von kürzester Zeit verändert.

Wenn mein Opa nun über die vielfältigen Klippen des Alltags klagte, dann meinte er gar nicht so sehr den Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn, der für ihn eine echte Herausforderung darstellte: Wie komme ich zum günstigsten Preis an die richtige Fahrkarte? Er meinte vielmehr die ungeahnten Schwierigkeiten, die sich auf dem Weg zum Bahnhof ergeben konnten, ausgelöst von Menschen, die – in allen Lebensaltern – mehr und mehr zu Egoisten mutierten, ohne sich offensichtlich etwas dabei zu denken oder gar ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Schüler, die mit ihren Skateboards den Radweg blockierten, waren genauso schlimm wie der Mercedesfahrer, der sein Auto "nur mal eben" dort abgestellt hatte. Mein Opa, ohnehin wackelig genug auf seinem Velo, hatte Angst, den Radweg zu verlassen und auf die Straße auszuweichen.

Wenn ihm beim Bezahlen des Tickets ein Geldstück auf den Boden rollte, verstanden Umstehende das auch schon mal als Einladung, sich selbst zu bedienen: "Hab ich grad' gefunden!" Und wenn Opa sich über so viel Dreistigkeit beschwerte, hieß es nur: "Ey Alter, bleib ganz ruhig!" – "Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht und zwischen Mein und Dein verschwimmen immer mehr", klagte er darum zunehmend. Und war sich gleichzeitig sicher, dass vieles nicht aus purer Boshaftigkeit, sondern aus Gedankenlosigkeit geschah. Aber war es deswegen weniger schlimm und eher verzeihlich?

"Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort", hatte er von seinen Eltern einmal gelernt und an uns tradiert. Wenn jemand etwas falsch machte, gab es meist irgendeine Quittung dafür. Doch dieses System funktionierte offensichtlich immer weniger, eigentlich klare Vergehen wurden von niemandem geahndet – und schleiften sich darum mehr und mehr in der Gesellschaft ein. Als hätte sich der kleine Teufel in uns als Engel verkleidet, der uns ständig beruhigen will:  "Das machen doch alle!"

Sind auch Sie Opfer dieser Denkweise geworden – und damit im Alltagsleben manchmal selbst "Täter"? In unserer Serie in der Fastenzeit wollen wir unser Verhalten auf den Prüfstand stellen und die vielen kleinen Sünden des Alltags entlarven, die längst niemand mehr beichtet. Und die dennoch, wie wir wieder einsehen sollten, schlichtweg nicht korrekt sind: nicht gut für niemanden.

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