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27.05.2016
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Regel

"Höre, mein Sohn, auf die Worte des Meisters": So beginnt die Regel des heiligen Benedikt, vollendet wohl im Kloster Montecassino in Italien.

Die Aktualität der 1.200 Jahre alten Benedikts-Regel

Der Weg zum Leben

Ohne ihn, seine Regel und seine Klöster ist die Entwicklung Europas zum "christlichen Abendland" wohl nicht zu denken: Benedikt von Nursia. Seine "Regel" ist die älteste, noch lebendige Grundlage für Ordensgemeinschaften der westlichen Kirche. Doch nicht nur Nonnen und Mönchen gibt sie Orientierung für ein erfülltes Leben aus dem Glauben. Benedikts Regel ist eine echte Lebens-Weisung. Sie zeigt, wie das geht: Mensch zu sein. Oder besser: Mensch zu werden.

Benedikt von Nursia ist nicht der Gründer der Benediktiner. Er wollte nicht einmal einen Orden gründen. Dieser Mann, der ungefähr zwischen 480 und 547 im heutigen Italien lebte, hat schlicht und ergreifend eine Klosterregel geschrieben. Orden nach unserem heutigen Verständnis, also eine Vielzahl von Klöstern, die in derselben Spiritualität leben und auch kirchenrechtlich zusammengehören, gab es zu Benedikts Zeiten noch gar nicht. Bis heute sind alle Abteien, geleitet von einem Abt oder einer Äbtissin, völlig selbstständig – nicht einmal ein Bischof kann in das Leben einer solchen Gemeinschaft "hineinregieren". Und: Benediktinische Mönche und Nonnen bleiben für gewöhnlich ein Leben lang in dem Kloster, in das sie eingetreten sind.

Seine Regel und das so genannte "Zweite Buch der Dialoge" von Papst Gregor dem Großen (540-604) sind die bedeutsamsten Quellen über das Leben Benedikt von Nursias. Man geht davon aus, dass er im heutigen Norcia, einem Städtchen bei Perugia im italienischen Umbrien, geboren wurde. Seine Eltern waren vermutlich recht betuchte Leute, die es sich leisten konnten, ihren Sohn zum Studium nach Rom zu schicken.

Am Anfang nur ein Wort: "Höre!"

Es wird berichtet, dass ihm die Oberflächlichkeit des Lebens in einer von Dekadenz, Völkerwanderung und Orientierungslosigkeit geprägten Stadt (das römische Reich ging seinem Ende zu) zutiefst widerstrebten. Benedikt zog als junger Mann nach Subiaco, rund 80 Kilometer östlich von Rom, wo er als Einsiedler in einer Höhle lebte. Es folgten wechselhafte Zeiten als Leiter von Gemeinschaften und erneut als Mensch in der Einsamkeit, bis er schließlich – wie der Kirchenhistoriker Abt em. Pius Engelbert schreibt – "nach zweifelhafter Tradition im Jahr 529 auf dem Montecassino endgültig sein monastisches Ideal verwirklichte".

Seine Regel schrieb er vermutlich nicht in einem Guss, sondern eher Stück für Stück aufgrund neuer Erfahrungen, die er in seiner Gemeinschaft machte. Gleichwohl treten einige Kapitel besonders hervor. Der Prolog etwa, ein Meisterstück spiritueller Literatur, beginnt bezeichnenderweise mit dem Wort "Höre": "Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters und neige das Ohr deines Herzens." Es geht um eine tiefe Wachsamkeit für Gott und für sich selber. Als Motivation für ein Leben als Mönch fragt er nach einer ziemlich überraschenden Grundhaltung: "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?"

Einer von rund 25.000 Benediktinern weltweit: Bruder Walter aus der italienischen Abtei Praglia bei Padua.

Alles mit Maß!

Den Weg zum Leben – darum geht es Benedikt. Er weiß um die festlichen Versprechen und um die Schwachheit, sie zu halten. Darum ist eine der wichtigsten Fähigkeiten des Mönchs die zur "Unterscheidung der Geister" oder anders gesagt: zur Kunst des Maßhaltens. Gehorsam ist für Benedikt nicht Kadavergehorsam, sondern waches Hören auf das, was dran ist. Demut ist nicht selbstverächtliches Buckeln, sondern ein Weg der Selbsterkenntnis: erkennen, wer und was ich bin – von Gott geschaffener, gutgeheißener, geliebter Mensch. Nicht mehr und nicht weniger. Schweigsamkeit heißt nicht Nicht-Reden, sondern innerlich still zu werden, auf meine Worte zu achten, mich aufs Wesentliche zu beschränken, mich  mit nicht mehr als dem Wesentlichen zu begnügen.

Benedikt ist ein Menschenkenner par excellence, das gilt auch für Menschen in Führungspositionen. Dem Abt, der sich für seine Leitung dereinst gar vor Gott verantworten muss, rät er, "bald den Ernst des Meisters, bald die Güte des Vaters" zu zeigen. Er soll im Kloster niemanden bevorzugen, den Eigenarten der vielen dienen und sich auch durch ein "vielleicht geringes Klostervermögen nicht beunruhigen lassen". Er soll immer wieder den Rat der Brüder anhören, und – das erwähnt Benedikt besonders – dabei zählen nicht allein die Weisheit und Erfahrung der Älteren, denn "oft offenbart der Herr einem Jüngeren, was das Bessere ist".

Der Menschenkenner

Den Stellvertreter des Abtes, den Prior, sieht Benedikt mit großer Skepsis. Er weiß um den Reiz der Macht, um Karrierestreben, und so schreibt er in seiner Regel über den Prior: "Vom bösen Geist des Stolzes aufgebläht, bilden sich manche ein, 'zweite Äbte' zu sein: sie reißen die Herrschaft über andere an sich, schüren Ärger und Streit und stiften Zwietracht in ihren Gemeinschaften." Von daher legt Benedikt die Auswahl des Priors allein in die Hände des Abtes – wenn auch nach Beratung "mit gottesfürchtigen Brüdern".

Was den Cellerar angeht, gewissermaßen den Wirtschafts- und Finanzminister eines Klosters, erwartet Benedikt, dass er "weise ist, reifen Charakters und nüchtern, nicht maßlos im Essen, nicht überheblich, nicht stürmisch, nicht verletzend, nicht umständlich und nicht verschwenderisch, sondern vielmehr gottesfürchtig". Er soll "die Brüder nicht traurig machen", und selbst, wenn er nichts hat, "was er einem geben könnte, schenke er ihm wenigstens ein freundliches Wort." Auch in konfliktträchtigen Situationen soll er sich bewähren – was menschliche und soziale Kompetenz voraussetzt: "Falls ein Bruder unvernünftig etwas fordert, kränke er ihn nicht durch Verachtung, sondern schlage ihm die unangemessene Bitte vernünftig und mit Demut ab."

Das dürfte auch heute das ideale Profil für jeden sein, der in einem Unternehmen Verantwortung für die wirtschaftlichen und personellen Ressourcen hat. Und Benedikts Grundsatz, den er in den letzten zwei Versen seines 31. Regelkapitels über den Cellerar schreibt, könnte jede Unternehmenskultur bereichern: Die wirtschaftlich Verantwortlichen sollen arbeiten können, "ohne den Frieden der Seele zu verlieren", und die Mitarbeiter sollen so behandelt werden, dass "niemand verwirrt oder traurig wird".

Statue des heiligen Benedikt von Nursia in der von ihm gegründeten Abtei Montecassino. Dort befindet sich auch sein Grab.

Der Pragmatiker

Einen besonderen Hinweis über die wirtschaftlichen Grundsätze des Klosters gibt das 57. Regelkapitel über die "Mönche als Handwerker". Dort warnt Benedikt bei der Festlegung der Preise vor Habgier: "Man verkaufe sogar immer etwas billiger, als es sonst außerhalb des Klosters möglich ist, damit in allem Gott verherrlicht werde."

Was die Auswahl von Novizen angeht, soll man es ihnen so schwer wie möglich machen, sich für ein Leben im Kloster zu entscheiden. Dann aber zählt einzig und allein eine Grundfrage: ob der Novize wirklich Gott sucht. Gottsucher – das sind Mönche. Und manche Weise sagen, Mönch wird man ein Leben lang.

Benedikt regelt viele scheinbare Kleinigkeiten: die Auswahl der Psalmen, die Gottesdienstzeiten, die Kleidung der Mönche ("man nehme das, was in der Gegend zu finden oder was billiger zu beschaffen ist"), das Maß des Essens und des Trinkens (das allerdings "mit einer gewissen Ängstlichkeit", denn: "Jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so"), den Umgang mit jenen, die sich etwas zuschulden kommen lassen, die Rangordnung im Kloster (die ungeachtet der Herkunft oder des Alters bis heute durch den Zeitpunkt des Eintritts festgelegt ist).

"Ora et labora"?

Benedikt ordnet die Arbeit in gewisser Weise dem Gebet unter (wenngleich die Kurzformel "Ora et labora" an keiner Stelle der Regel zu finden, sondern erst im 19. Jahrhundert entstanden ist), verlangt aber gleichwohl, dass jeder arbeiten soll – was zu seiner Zeit eher Aufgabe von Sklaven war. Für Benedikt ist klar: "Müßiggang ist der Feind der Seele." Anders gesagt: Ein rein geistliches Leben in Meditation und Chorgebet ist seine Sache nicht; er glaubt daran, dass körperliche Arbeit zum Geistlichen hinzukommen muss. 1.500 Jahre später nennt man das "Ganzheitlichkeit".

Neben den Alten und Kranken verdienen die Gäste in seiner Regel besondere Aufmerksamkeit. Im 53. Kapitel stellt er bereits im ersten Vers fest: "Alle, die zum Kloster kommen, empfange man wie Christus, weil er selber sagen wird: Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen." Benedikt spricht hier im Lateinischen von den "supervenientes hospites"; das sind jene, die mehr oder weniger zufällig, ungeplant anklopfen. Jedem gilt es, mit Ehre zu begegnen. Was sollte das anderes sein als die Achtung der Menschenwürde jedes Einzelnen?

Roter Teppich für jeden Gast

Benedikt legt weiter fest, dass jeder Gast liebevoll begrüßt werden soll: Zuerst soll gemeinsam gebetet, dann der "Friedenskuss" ausgetauscht werden. Dem Gast soll zur Erbauung vorgelesen werden, der Obere soll sogar das Fasten für ihn brechen, der Abt soll ihm Wasser zum Reinigen der Hände reichen und ihm selber die Füße waschen – eine Geste, die Jesus beim Abschiedsmahl in Jerusalem seinen Jüngern erwiesen hat.

Die Gäste sollen eine eigene Küche haben, auch einen eigenen Schlafraum, und grundsätzlich sollen alle, die sich um die Gäste kümmern, "ihren Dienst leisten ohne zu murren". Wenn aber einer der Brüder mit diesen Aufgaben überlastet ist, dann gebe man ihm – wie in jeder vergleichbaren Situation – einen anderen Bruder zur Hilfe an die Seite. Denn: "Das Haus Gottes soll von Weisen und weise verwaltet werden."

Eine Regel für Anfänger

enedikt schreibt seine Regel "für Anfänger". Im Abschluss des Prologs heißt es, er wolle "eine Schule für den Dienst des Herrn" gründen. Dabei möchte er "nichts Hartes, nichts Schweres anordnen": "Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes."

Buch zum Thema

Dieser Text ist dem Buch "Sommerklöster" entnommen, erschienen im Dialogverlag. Markus Nolte, stv. Chefredakteur von kirchensite.de und Kirche+Leben, stellt darin Reportagen aus 24 benediktinischen Klöstern in zwölf Ländern Europas vor. Mit wertvollen Tipps für einen Aufenthalt als Gast im Kloster, einem Kloster-Glossar – und einem Vorwort vom Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterÜbersicht: Orden

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem FensterDas Buch "Sommerklöster" bestellen...

Text: Markus Nolte in: Öffnet externen Link in neuem Fenster"Sommerklöster" | Fotos: Markus Nolte
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