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25.09.2016
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Exquisite musikalische Leistung: Solisten, Chor und Orchester beeindruckten das Publikum.

Exquisite musikalische Leistung: Solisten, Chor und Orchester beeindruckten das Publikum.

Uraufführung des Oratoriums "Mit allen Augen" von Jutta Bitsch

Respektvoller Umgang mit der Schöpfung

Münster. Eindringling in Eure Welt bin ich – ich Oberflächlicher, Tauber, Geschmackloser, Ausrotter." Der Mensch: Krone der Schöpfung? Wer mit geschärften Sinnen die gegenwärtige Welt betrachtet, hat allen Grund, alarmiert zu sein. Es ist wahrlich nicht zum Jubeln, wie der Mensch mit seinen Mitgeschöpfen umgeht. Küken, Ziegen, Schafe und Lämmer: verzweckt, ausgenutzt, mit Füßen getreten. "Was wäre, wenn auch Puten und Schweine würdevolle Geschöpfe sind – und nicht Rohlinge der Fleischindustrie?"

Diese nachdenkenswerte Frage stellt Rainer Hagencord, Leiter des inzwischen fünf Jahre bestehenden Instituts für Theologische Zoologie in Münster. Seine Gedanken wurden Teil des von Jutta Bitsch geschaffenen Schöpfungsoratoriums "Mit allen Augen", das am Sonntagabend (28. September) vor zahlreichen begeisterten Zuhörern uraufgeführt wurde. Ein solches Werk zu komponieren, erfordert Mut. Mut zur schonungslosen Auseinandersetzung mit der Realität, Mut zur drastischen Anklage, Mut aber auch zu Visionen, zum vertrauenden Glauben an den Schöpfergott, den "Liebhaber des Lebens".

Farbenreich, spannungsvoll

Jutta Bitsch, Kirchenmusikerin an Heilig Kreuz Münster und Bezirkskantorin, hat sich in vielen arbeitsreichen Monaten dieser Herausforderung gestellt. Sie schuf ein musikalisch farbenreiches, spannungsvolles Oratorium für Chor, Vokalsolisten und sinfonisches Orchester, dessen Botschaft zum Umdenken das Publikum gleichermaßen provozierte wie berührte.

Bereits nach wenigen Takten spürte man die hohe musikalische Intensität, die diese wie aus dem Nichts beginnende Komposition bis zum kraftvollen Schluss ausstrahlt. Konzentriert war das Publikum dabei, folgte gebannt allen Farben und Stimmungen der lebensvollen Tonsprache, hervorragend umgesetzt durch die Instrumentalisten der Neuen Philharmonie Westfalen.

Hochkarätige Musiker

Bereits der erste Einsatz des unter der souveränen Leitung von Michael Schmutte agierenden Kammerchors "canticum novum" offenbarte die hohe Qualität dieses Ensembles, das  bis zum letzten Takt sängerisch nichts zu wünschen übrig ließ. Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit  und Sauberkeit die Stimmen die tonmalerisch geprägte, nicht einfach zu singende Musik umsetzten! Die ganze Bandbreite der menschlichen Stimme war hier gefragt, vom leisesten Hauch bis zum kraftvollen Aufschrei, von der Klage bis zur Wut, von der zaghaften Frage bis zum vielstimmigen Jubel. Stets blieben  Chor und Orchester hochkonzentriert bei der Sache, ausdrucksstark, klanglich fein aufeinander abgestimmt.

Die Komponistin Jutta Bitsch arbeitet mit unterschiedlichsten musikalischen Mitteln. So klingt der Gottesname "Ich bin der ›Ich bin da‹" in den Röhrenglocken wie ein Leitmotiv durch die Komposition. Der gregorianische Hymnus "Veni creator spiritus" setzt sich an verschiedenen Stellen durch, dann wieder lassen unbequeme Klangreibungen aufhorchen. Entsprechend intensiv graben sich die gesprochenen und gesungenen Texte in das Bewusstsein der Zuhörer. Bibelzitate stehen poetischen Gedanken Rainer Maria Rilkes gegenüber, ein vertrauensvolles Gebet von Nikolaus von Kues trifft auf herausfordernde Impulse von  Rainer Hagencord – eindringlich gesprochen von Gerald A. Manig. Auch im Publikum hebt plötzlich von verschiedenen Stellen ein Sprechen an. Schwindel erregende Zahlen von jährlich geschlachteten Tieren schwirren durch den Kirchenraum – dies geht jeden an!

Mitgeschöpf Mensch

"Du! Du? Ist da Du?" Die Suche nach Gott, Fragen zum Werden und Vergehen seiner Schöpfung, thematisiert von Fridolin Stier, gerieten zu einem der beeindruckenden Höhepunkte des Oratoriums. Hier waren die beiden ausdrucksstarken Solisten in ihrem Element. Andrea Lauren Brown (Sopran) und Georg Gädker (Bariton) überzeugten im gesamten Werk mit einer sängerisch großartigen, hoch engagierten Leistung. Die Wandlungsfähigkeit ihrer Stimmen wurde selbst bei den Sprechpartien zum Erlebnis.

Was bleibt am Schluss? Hoffnung auf die Erkenntnis, dass wir "Mitgeschöpfe sind, nicht Herren über die Schöpfung", wie Rainer Hagencord vor der Aufführung sagte. Gewiss kann dieses bewegende Oratorium mehr bewirken als nüchterne  Nachrichten. In jedem Falle hätte es mehr als nur eine Aufführung verdient.

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Text: Magdalene Saal | Foto: Annette Saal
01.10.2014

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