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29.07.2016
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Schockenhoff.

Der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff.

Moraltheologe Schockenhoff empfiehlt ein Umdenken der Kirche

Versöhnende Seelsorge für wiederverheiratete Geschiedene

Rheine. Für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zum Kommunionempfang hat sich der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff ausgesprochen. "Die Sanktion eines dauerhaften Ausschlusses vom Kommunionempfang und den Sakramenten der Buße und Krankensalbung trifft inzwischen eine unübersehbar große Zahl getaufter Katholiken. Wir brauchen einen barmherzigen Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen", sagte Schockenhoff am Mittwoch (07.05.2014) in Rheine.

Schockenhoff äußerte sich bei einer Fortbildung für Priester und pastorale Mitarbeiter im Bildungs- und Exerzitienhaus Gertrudenstift. Er plädierte dafür, rasch Lösungen im Sinn der Betroffenen herbeizuführen: "Bislang hat die Kirche keine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage gegeben, obwohl es längst ein Problem der praktischen Seelsorge ist." Seit Jahrzehnten werde innerhalb der theologischen Disziplinen und in der Kirche über die Zulassung diskutiert, "ohne dass erreichte Ergebnisse zu praktischen Konsequenzen führen".

Schockenhoff für "dreifache Hilfestellung"

Der Moraltheologe äußerte sich aber zuversichtlich, dass die im Oktober in Rom stattfindende Weltbischofssynode das Anliegen der wiederverheirateten Geschiedenen aufgreifen wird und den Gedanken der Versöhnung in den Vordergrund stellt. Papst Franziskus habe Türen geöffnet, die zuvor verschlossen gewesen seien, meinte Schockenhoff über die neue Gesprächskultur im Vatikan. Er sei zuversichtlich, dass Rom bald Lösungen für den "pastoralen Notstand" finde.

Um vom Scheitern ihrer Ehe betroffene oder wiederverheiratete Menschen die Versöhnung mit ihrer Lebensgeschichte zu erleichtern, sollte die Kirche nach Ansicht des Moraltheologen dreifache Hilfestellung anbieten. Erstens solle sie die kirchlichen Ehenichtigkeitsverfahren beschleunigen, zweitens wiederverheiratete Geschiedene unter erreichbaren Bedingungen zu den Sakramenten zulassen und drittens eine zivile Zweitehe als verantwortlichen Ausweg aus der durch den Bruch der ersten Ehe entstandenen lebensgeschichtlichen Sackgasse dulden.

Aus der Fixierung auf die Vergangenheit herauskommen

Auch wenn die erste Ehe und die mögliche Schuld an ihrem Scheitern nicht ausgeklammert werden dürften, sei es doch das vorrangige Ziel seelsorglicher Begleitung, aus der Fixierung auf die Vergangenheit herauszukommen und einen "gangbaren Weg für die Zukunft zu suchen".

Wie Priester und pastorale Mitarbeiter während der Fortbildung bestätigten, habe die volle Teilnahme am eucharistischen Mahl unter Einschluss des Kommunionempfangs für geschiedene und wiederverheiratete Menschen, die in der Kirche beheimatet sind, große Bedeutung. Im Kommunionempfang erleben sie, dass sie mit ihrer möglicherweise schuldbeladenen Geschichte angenommen und der Freundschaft mit Jesus würdig befunden werden.

Dauerhafter Sakramenten-Ausschluss "unangemessen"

Ein dauerhafter Ausschluss vom Kommunionempfang wäre unangemessen, meinte Schockenhoff. Eine derartige Disziplinarmaßnahme widerspreche nicht nur dem Auftrag der Kirche, Versöhnung zu stiften und in ihren Sakramenten Versöhnung zu feiern, sondern auch dem Gebot, unterschiedliche Situationen verschieden zu beurteilen.

Während der ganztägigen Fortbildung stellte Schockenhoff Ergebnisse aus der Bibelauslegung und Forschungen zur kirchlichen Tradition vor, die ebenfalls für ein "Umdenken der Kirche" in der Frage der Zulassung zum Kommunionempfang sprechen würden. "Die biblischen Schriftsteller haben das Wort Jesu von der Unauflöslichkeit der Ehe und seine Forderung nach unbedingter ehelicher Treue als alleingültigen Maßstab für das Leben in der Ehe festgehalten – und doch zugleich anerkannt, dass es Ausnahmesituationen von dieser Norm geben kann, in denen eine Trennung vom Ehepartner auch für Christen legitim ist", fasste Schockenhoff bibeltheologische Studien zusammen.

Auch Ratzinger konnte sich Zulassung vorstellen

Auch die Kirche der ersten Jahrhunderte habe Reflexionen darüber angestellt, warum die Gemeinden sich zur Duldung einer an sich schriftwidrigen Praxis befugt sehen. "Die Abweichung von der Norm des Evangeliums kann aus Nachsicht mit der Schwäche der Menschen erfolgen oder sie wird als das unter den gegebenen Umständen geringere Übel angesehen, das die Kirche toleriert, um Schlimmeres zu vermeiden." Schon die Kirchenväter, wie die Kirchenlehrer der ersten Jahrhunderte benannt werden, hätten versucht, die Lehre Jesu von der Unauflöslichkeit der Ehe in Beziehung zu den Lebensumständen derjenigen getauften Christen zu setzen, deren erste Ehe zerbrochen ist, stellte Schockenhoff fest.

Der Freiburger Professor zitierte den Theologen Joseph Ratzinger aus dem Jahr 1972: "Unterhalb der Schwelle der klassischen Lehre, sozusagen unterhalb oder innerhalb dieser eigentlich die Kirche bestimmenden Hochform, hat es offensichtlich immer wieder in der konkreten Pastoral eine geschmeidigere Praxis gegeben, die zwar nicht als dem wirklichen Glauben der Kirche ganz konform angesehen, aber doch auch nicht schlechthin ausgeschlossen wurde." Damals sei Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., zum Schluss gekommen, dass eine geregelte Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten auf der Linie der kirchlichen Überlieferung läge.

Kirche war immer "Kirche der Sünder"

Schockenhoff hofft auf schnelle Entscheidungen aus Rom, um das "leidige Thema" beenden zu können. "Die Kirche tut sich keinen Gefallen damit, Handlungshilfen zu dieser pastoralen Aufgabe aufzuschieben." Es sei auch nicht gerechtfertigt, den Versöhnungsauftrag der Kirche ausgerechnet gegenüber den wiederverheirateten Geschiedenen auszusetzen. Denn schließlich sei die Kirche Jesu Christi "niemals eine Gemeinschaft der Reinen, Vollkommenen und Sündlosen". Vielmehr existiere sie als die "Kirche der Sünder, die aus Gottes Erbarmen lebt und in ihren Sakramenten Gottes Gegenwart unter den sündigen Menschen feiert."

Zum Abschluss der Tagung dankte Pfarrer Hermann Backhaus, Leiter Fortbildung in der Hauptabteilung Seelsorge-Personal im Bischöflichen Generalvikariat, dem Referenten für die intensive Behandlung des Themas. Die Tagung habe deutlich gemacht, dass in Trennung lebende, geschiedene oder auch wiederverheiratete Menschen in der Kirche "nicht ausgegrenzt sind, sondern zu ihr gehören".

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