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24.05.2012
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Gabriele Ikinger lacht, wenn es im Leben schwer wird.

"Lachen als Spiegelbild Gottes": Gabriele Ikinger lacht, wenn es im Leben schwer wird.

Gabriele Ikinger bietet Lach-Yoga an

Heiter Zähne zeigen

Herten. Spaß beiseite: Es ist eine ernste Angelegenheit. Die Erfahrung machte sie selbst. Denn gerade in einer Phase ihres Lebens, in der ihr nicht danach zumute war, fing sie an zu lachen. Genauer: In einer Krise entdeckte sie das Lach-Yoga für sich. Nicht grinsen oder peinlich kichern. Sie lacht seither richtig, jeden Tag. Und sie ist von der Wirkung immer wieder beseelt.

Was kein Selbstläufer war. Denn bis ein solches Lachen zum automatischen Begleiter durch den Alltag wurde, musste Gabriele Ikinger üben. "Man lacht nicht über einen Witz oder eine lustige Begebenheit", erklärt sie. "Sondern man lacht des Lachens wegen." Als sie darin ihre erste Übungsstunde erlebte, sei alles so befremdlich gewesen, dass sie sich noch sicher gewesen sei, "dass ich mein Geld zum Fenster hinausgeschmissen habe". Ein Gefühl, welches sich schnell legen sollte. Denn die Wirkung ihrer anfänglichen Übungen aus Körperhaltung, Gestik, Mimik und bewusstem Lachen hätten sofort Wirkung gezeigt: "Plötzlich war da Abstand zu den Dingen, ein gutes Gefühl, Ruhe und Gelassenheit."

Das ist mehr als zehn Jahre her. Damals war die heute 56-Jährige noch Kinderkranken- und OP-Schwester. Allein vor diesem Hintergrund faszinierte sie die heilende Kraft des Lachens, für die es durchaus medizinische Erklärungen gibt. "Lachen ist  mehr als nur Ausdruck von Freude, es ist Bewegung, Atemübung und Selbstreinigung." Glückshormone werden freigesetzt, Stresshormone abgebaut, bis zu 300 Muskeln kommen zum Einsatz. "Wir atmen ab, lassen schlechte Luft raus und holen uns frische rein." Zudem sei bewiesen, dass durch das Lachen Stoffe ausgeschüttet würden, die Schmerzen lindern und Heilungsprozesse beschleunigen könnten.

Doch es war vor allem die seelische Wirkung, die sie dazu veranlasste, sich selbst zur Lach-Yoga- und Humortherapeutin ausbilden zu lassen. "Es geschieht so unglaublich viel, wenn man es schafft, im Lachen den Schritt zur Seite zu machen und auf die eigene Situation zu schauen." Ein klassisches Ziel einer jeden therapeutischen Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensfragen beschreibt sie darin: "Du nimmst Abstand von den Dingen und kommst dadurch näher an dich selbst heran – du lernst, gnädig mit dir und deinem Handeln zu sein."

Das bringe vor allem Gelassenheit: "Es passt etwas nicht, und du ärgerst dich nicht, sondern lächelst." Was auch hilfreich in den sozialen Beziehungen sei, sagt sie: "Weil man handlungsfähig bleibt und sich von einzelnen Situationen nicht überrollen lässt." Darin liege die Kraft, auch das Zwischenmenschliche mit Respekt und Demut zu meistern. "Sie glauben nicht, wie achtsam die Menschen nach einem gemeinsamen Lachen miteinander umgehen – es ist wie ein Befreiungsschlag."

Und das alles nur, weil man lacht? "Ein bisschen Übung gehört schon dazu", sagt Inkinger. Denn das richtige Lachen will gelernt sein. "Wir haben das ja weitgehend verlernt." Die Gesellschaft sei zwar zu einer Spaß-Gesellschaft geworden, richtig gelacht werde aber kaum noch. Man definiere sich nicht mehr über gute Laune, sondern über Leistung. "Wenn ich sage, ich bin fröhlich, ist das längst nicht so angesehen, wie wenn ich sage, ich habe einen Mords-Stress."

Für sie ist das Ausdruck einer Flucht vor der Ruhe, mit der man sich von den entscheidenden Lebensfragen ablenke. Die Menschen seien lieber gehetzt als nachdenklich. "Sonst müssten sie sich auf einmal Gedanken etwa über Endlichkeit, Gebrechlichkeit oder Begrenztheit machen." Sie kennt wissenschaftliche Zahlen für dieses fortschreitende Phänomen: "Vor gut 50 Jahren lachten die Menschen durchschnittlich noch 16 Minuten am Tag – heute sind es nur noch  fünf." Fröhlich genießend ist out – hektisch betriebsam ist in. "Am Ende brennen wir aus, haben keine Möglichkeit mehr, uns über unsere Fröhlichkeit Stärkung für den Alltag zu holen."

Deshalb bringt sie den Menschen das Lachen wieder bei. "Eine von vielen Möglichkeiten, dem allgemeinen Trend entgegenzutreten", sagt sie. "Beim Joggen kann etwas Ähnliches passieren, beim Meditieren, in der Musik oder in vielen anderen Bereichen auch." Aber sie habe noch keinen Ansatz erlebt, der so schnell wirke. "Du spürst die Wirkung sofort." Die Kunst sei es dann, den Umgang mit dem eigenen Lachen so zu automatisieren, dass es im Alltag ohne großen Aufwand abgerufen werden könne.

Wenn sie sich mit ihren Klienten zusammensetzt, gehören deshalb viele Elemente zu den Übungen. Sie lernen die Körperfunktionen des Lachens genauso kennen wie einzelne Lachformen. Laut- und Atemübungen haben Platz, Meditationen und Haltungsübungen sind eingebunden. Und natürlich gehören Witze dazu. "Um erst einmal lachen zu können." Aber das sei nur der Einstieg, denn letztlich müsse beim Lach-Yoga "das grundlose Lachen" eingeübt werden. Im Alltag könne man sich selbst ja auch keine Witze erzählen, die man noch nicht kennt. Ziel bleibt es, herzhaft lachen zu können, ohne dass gerade etwas Lustiges geschieht.

Wie sehr eine solche Fähigkeit dann als "individuelles und soziales Schmiermittel" wirke, habe sich mittlerweile herumgesprochen. "Der Bedarf an Lach-Yoga ist groß." Als Personalentwicklerin und Gesundheitstrainerin wird Ikinger von Unternehmen, Verbänden und Behörden gebucht. "Allen geht es darum, die Mitglieder und Mitarbeiter gesund und erfolgreich zu halten."

In Indien gebe es Firmen, deren Angestellte vor Dienstbeginn zehn Minuten miteinander lachten. Und in einigen europäischen Ländern sei das Lach-Yoga bereits auf Krankenschein zu haben. In Deutschland zwar noch nicht, aber auch hierzulande sei das Interesse bereits groß. Im vergangenen Jahr stellte sie ihr Angebot mit großer Resonanz auf dem Diözesantag der Katholischen Frauen Deutschlands im Bistum Münster vor.

Der Erfolg liege sicher auch darin begründet, dass diese Form des Yogas trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse immer noch eine unerklärbare Seite habe. "Es ist manchmal schon unheimlich, wie schnell sich die verspannten und gestressten Gesichter in meinen Kursen in strahlende mit leuchtenden Augen verändern." Ikinger ist sich sicher, dass sich in solch ehrlichen und offenen Momenten des Lachens Gott widerspiegelt. "Das mag jeder für sich deuten, aber für mich als Christin zeigt sich darin unser Schöpfer." Denn wenn der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen sei, dann lache auch Gott. Und sie ist überzeugt: "Auch wenn im Neuen Testament kein einziges Mal darüber geschrieben wird – auch Jesus wird gelacht haben."

Leider sei in der heutigen Zeit wenig von dieser Gott gewollten Fröhlichkeit übrig geblieben, sagt Ikinger. "Wie vieles, was körperlich spürbar glücklich macht, ist es gerade in der kirchlichen Geschichte immer mehr zum Verbotenen geworden." Dabei sei das Lachen in der Kirche durchaus einmal hoffähig gewesen. Etwa beim so genannten Osterlachen: "Das waren einmal wahre Lachorgien, mit denen der Seligkeit des Siegs über den Tod Ausdruck verliehen wurde." Auch Predigten seien einmal dazu da gewesen, Menschen nicht nur von der froh machenden Botschaft zu erzählen, sondern sie auch spüren zu lassen. "Es durfte gescherzt und gelacht werden."

In den Augen von Ikinger schauen die Menschen in der Kirche heute aber mehr danach aus, als sei Jesus gerade gekreuzigt worden und nicht auferstanden. Ihr gehe es nicht darum, die Welt durch ständiges Gelächter besser zu machen. In der Kirche schon gar nicht: "Wir müssen uns nicht nur auf die Schenkel klopfen – auch das Schmerzliche und Traurige muss seinen Platz haben." Aber die Möglichkeit, auch im Gottesdienst nicht beim Seelenschmerz stehen zu bleiben, sondern aus Liebe zu Gott fröhlich in den Alltag zurückzukehren, solle nicht verschenkt werden.

Wenn Gabriele Ikinger lacht – und das tut sie immer wieder –, glaubt man ihr alles, was sie sagt. Aber fühlt sie sich manchmal nicht ein wenig verrückt, wenn sie trotz aller Widrigkeiten des Lebens lacht? "Natürlich", sagt sie ehrlich. "Und oft genug gehe ich zum Lachen auch in den Keller, also in einen geschützten Raum, damit es keiner sieht." Aber missen möchte sie die Fertigkeit, sich Fröhlichkeit, Ruhe und Gelassenheit herbeizulachen, nicht mehr. "Ich hätte sonst viele schwierige Situationen meines Lebens nicht meistern können."

Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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