
Bei der Podiumsdiskussion der Fachtagung (v.l.): Pater Manfred Kollig, Pfarrer Stefan Rau, Moderator Hans-Josef Joest, Ulrich Grimpe und Walter Hirt.
Fachtagung zum zehnjährigen Jubiläum der "edition Kirche+Leben"
Wenn gute Kirchenmusik der Freude Flügel verleiht
Bistum. Die Anforderungen und Möglichkeiten für Kirchenmusik im Bistum sind so unterschiedlich wie die Klangfarben einer guten Orgel: Nicht wenige fusionierte Pfarreien müssen die Verträge von Kirchenmusikern kürzen, weil sie Gotteshäuser schließen und Gottesdienste straffen. Ganz anders zum Beispiel in St. Johannes Baptist Altenberge: Dort hat die Pfarrei den Beschäftigungsumfang des Kirchenmusikers gerade aufgestockt, weil er auch die musikalische Früherziehung in den Kindergärten übernehmen soll.
Mit der Zukunft der Kirchenmusik, voran ihrem "pastoralen Stellenwert", beschäftigte sich eine Fachtagung für Organisten und Chorleiter aus dem ganzen Bistum, zu der die "edition Kirche+Leben" am Samstag (21.01.2012) in die Akademie Franz-Hitze-Haus nach Münster eingeladen hatte. Das Spannungsfeld der Vorträge und Arbeitsgruppen bezeichnete zum einen die hohe Wertschätzung der Kirchenmusik seitens der Bistumsleitung, zum anderen finanzielle Nöte mancher Pfarreien, familienunfreundliche Arbeitszeiten der Musiker und weniger Zuspruch für nebenamtliches Orgelspiel.
Kleyboldt: Stellenwert der Kirchenmusik wird wachsen
Generalvikar Norbert Kleyboldt gab Rückenstärkung, indem er die Chancen der Musik herausstellte. Nach seiner priesterlichen Erfahrung lasse sich "Gott am besten durch Mitwirken der Musik loben". Kleyboldt betonte: "Musik lässt uns Leid, Klage und Trauer ebenso aufrichtend und tröstend ausdrücken wie sie unserer Freude geradezu Flügel verleiht." Für ihn steht fest: "Der pastorale Stellenwert der Kirchenmusik wird wachsen." Bevor die positive Prognose wie eine festliche Fanfare verklang, füllte Kleyboldt sie konkret aus:
- "Schon heute besuchen junge Familien häufiger Gottesdienste, weil ihre Kinder im Kinderchor mitsingen."
- "Schon heute erfahren Kinder beim Einüben geistlicher Lieder im Kinderchor ergänzend zum Religionsunterricht vom Glauben."
- "Schon heute führen Chordarbietungen zum häufigeren Kirchenbesuch mancher Kirchenchor-Mitglieder und mancher Gemeinde-Mitglieder."
- "Und nicht zuletzt bildet ein guter Kirchenchor eine christliche Gemeinde, eine Gemeinschaft Glaubender – einen Kreis, in dem der Gesang nicht allein künstlerische Darbietung, sondern auch öffentlicher Ausdruck einer persönlichen Glaubenshaltung ist."
Walter Hirt bei seinem Vortrag. |
Hirt: Musik kann
missionarisch wirken
Walter Hirt, Diözesanmusikdirektor im Bistum Rottenburg-Stuttgart, entfaltete diese segensreichen Chancen: "Wenn es wahr ist, dass Musik die Leiter zwischen Erde und Himmel ist, die die Engel vergessen haben, dann ist diese Leiter die Verbindung – gerade für die kirchlich Distanzierten, die Suchenden und die Zweifelnden." Hirt gab sich überzeugt: "Gute und gut ausgeführte Musik hat die Chance, missionarisch wirken zu können."
Pater Manfred Kollig, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bischöflichen Generalvikariat Münster (BGV), stellte grundsätzlich den "Dienst am Menschen" der Kirchenmusik heraus. Sie helfe uns als Menschen "auszudrücken, dass wir glauben, was wir glauben, wem wir glauben – etwa wenn wir uns im Antwortgesang an Gott wenden, worin wir glauben – in einer Gemeinschaft, in der Kirche, wie wir glauben – zögerlich, begeistert, mal in Dur, mal in Moll".
Kollig: Musik bringt das Leben zum Ausdruck
Zudem verwies Kollig darauf, dass sich der derzeit diskutierte Pastoralplan des Bistums dafür ausspreche, "Liturgie und Leben stärker zu verbinden". Daraus erwachse "eine große Aufgabe für die Kirchenmusik: das Leben – also das Leiden und die Freude der Menschen – zum Ausdruck zu bringen".
Für den münsterschen Pfarrer Dr. Stefan Rau gehören Kirchenmusiker "selbstverständlich zum Pastoralteam, weil sie hohen Einfluss auf das Gelingen der Gottesdienste haben. Mit dem Zelebranten dienen sie der gleichen heiligen Sache."
Ungeachtet mancher Alltagsprobleme – Ulrich Grimpe, Referatsleiter Kirchenmusik im BGV, führte seinen Kollegen die neben dem pastoralen Stellenwert auch persönlich bereichernde Seite ihres Berufs vor Augen: kreativ und mit großer Freiheit bei der Literaturauswahl arbeiten zu können. "Kürzlich hat mir ein Trompeter vom münsterschen Stadttheater verraten", verglich Grimpe, "dass er in seinem ganzen Berufsleben noch keinen Ton gespielt hat, der nicht von einem anderen bestimmt oder überwacht war."
Lieder von morgen handeln von Suchen und Zweifeln
Die Kirchenmusik von morgen steht vor einer missionarischen Herausforderung. Ihr stellte sich Walter Hirt, Diözesanmusikdirektor im Bistum Rottenburg-Stuttgart, in seinem Impulsreferat. Die größte Unterscheidung zwischen einem Kirchenmusiker von früher und morgen sei nicht "früher Orchestermesse, heute Band, damals Gregorianischer Choral, heute Neues Geistliches Lied". Der künftige Kirchenmusiker müsse sich "viel intensiver dem Menschen zuneigen", ihm helfen, "die wesentlichen Fragen nach Gott zu stellen". Daraus folgt für Hirt: "Lieder des Suchens, des Zweifelns, der Sehnsucht, der Bitte an Gott, sich zu zeigen, der Hoffnung – das werden die Lieder von morgen sein."
Walter Hirt empfahl, nach dem Vorbild der Freikirchen "Gästegottesdienste" zu entwickeln, die eine Grundkatechese anböten, in denen "Gebet, Auslegung und das Singen (als Gebet) im Mittelpunkt" stünden. "Eine missionarische Herausforderung für Kirchenmusiker wäre es", zeigte Walter Hirt sich sicher, "an der Konzeption dieser Gästegottesdienste mitzuarbeiten und diese musikalisch und ästhetisch herausragend zu gestalten."
Zehn Jahre "edition Kirche+Leben"
Diese Initiative macht von sich hören: Seit nunmehr zehn Jahren fördert die Bistumszeitung herausragende Kirchenmusik im Bistum Münster durch die Herausgabe von Musikaufnahmen in der CD-Reihe "edition Kirche+Leben". Der Dialogverlag, der "Kirche+ Leben" redaktionell erstellt, gewährt Zuschüsse zu den Aufwändungen für Komponisten, Textdichter und Interpreten, sodass die CDs zum günstigen Preis von 9,90 Euro angeboten werden können. Welche Musikdarbietungen in die Förderung aufgenommen werden, entscheidet eine Jury aus Kirchenmusikern unter Leitung von Generalvikar Norbert Kleyboldt.
Bislang sind 15 CDs erschienen. Sie bieten ein großes Klangspektrum von Kirchenliedern aus dem Bistum Münster, marianischen Gesängen, Orgeldarbietungen, Psalmvertonungen, Oratorien, Singspielen, Chorwerken und liturgischen Stücken mit wechselnden Instrumentalbesetzungen.
Für Dr. Wolfgang Bretschneider, Präsident des Allgemeinen Cäcilienverbands für Deutschland, präsentiert die "edition" ein "farbenfrohes kirchenmusikalisches Feuerwerk", "herrlich in den Farben, beeindruckend in seiner bunten Vielfalt und immer den Duft des westfälischen Humus verströmend". Vor allem das "Niveau der Laienchöre" demonstriere, "welche Früchte eine qualifizierte Arbeit von hauptamtlichen Kirchenmusikern in den letzten Jahrzehnten gebracht" habe. Im Urteil des Hamburger Erzbischofs Werner Thissen belegt die "edition" auf "sehr gediegene Weise, wie reich die kirchenmusikalische Praxis im Bistum Münster ist".
Drei Sonntags-Konzerte im Bistum prägen das zehnjährige Jubiläum, das erste fand bereits am 18. Dezember in der münsterschen Heilig-Kreuz-Kirche statt. Das zweite wird am 25. März ab 18 Uhr in St. Mariä Himmelfahrt in Wesel angeboten, das dritte am 5. Mai in der Forumskirche St. Peter in Oldenburg.
Zum Herunterladen:
Allgemeine Informationen zum Projekt "Liedergarten" im Bistum Osnabrück von Maria Hartelt.
Workshop "Liedergarten": Wie man Eltern in die Arbeit mit Kindern einbezieht. - mit Maria Hartelt.
Wider die Langeweile an "grünen Sonntagen". Wie man blassen Wiederholungen vorbeugen kann.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Bistumshandbuch: Kirche+Leben
Bistumshandbuch: Kirchenmusik
Dokumentiert: Begrüßung von Generalvikar Kleyboldt
Text: Hans-Josef Joest | Fotos: Annette Saal
22.01.2012
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