
Mehrmals täglich kommt Lucinda Smith (l.) von der Caritas-Sozialstation vorbei, um Elisabeth Bruss bei der Pflege ihres Vaters zu unterstützen.
Bei Demenz braucht es fachliche Hilfe
Oft wird es einfacher, wenn es schlimmer wird
Steinfurt. Meist wird es erst einfacher, wenn die Krankheit schlimmer wird. Zu den vielen Besonderheiten der Demenz gehört auch dieser scheinbare Widerspruch. Aber so erlebt es Annegret Greive, die die Sozialstation der Caritas für das Dekanat Steinfurt in Borghorst leitet, immer wieder. In der Anfangsphase sind Demenzkranke häufig aggressiv, sie haben einen großen Bewegungsdrang, neigen dazu wegzulaufen, ohne zu wissen, wo es nach Hause geht. Oder sie benehmen sich in der Öffentlichkeit einfach "daneben". Elisabeth Bruss Vater neigte ganz typisch dazu. Einerseits versuchte er, seine beginnende Alzheimer-Erkrankung zu überspielen, wie sie erzählt. Gleichzeitig lief er aber immer wieder weg und riss in einem nahen Lebensmittelgeschäft die Packungen auf.
Jetzt kann der 84-Jährige seit gut sieben Jahren nicht mehr laufen und sein Radius ist auf Pflegebett und bequemen Sessel oder Rollstuhl begrenzt. "Aber er ist bestens zufrieden, lacht viel", sagt seine Tochter, die selbst für die Caritas als Altenpflegerin tätig ist. Das ehemalige "2. Wohnzimmer" ist für ihn umgestaltet worden. Gleich neben dem Pflegebett steht der Sessel ausgerichtet zum Fernseher, rechts daneben das gemütliche Sofa, auf dem ihm seine Frau einen großen Teil des Tages Gesellschaft leistet.
Anstrengend bleibt es trotzdem für die Angehörigen, lässt Annegret Greive keinen Zweifel. Deswegen brauchen sie die fachliche Hilfe, die mit den Jahren immer weiter ausgebaut worden ist. Die Zahl der Demenzkranken steigt und jüngere pflegende Angehörige sind eher bereit, sie anzunehmen. Und "immer mehr Angehörige verstehen, wie sie die Möglichkeiten der Hilfe verzahnen können", sagt Greive.
Systemänderung
Pflegeberaterin Martina Erwig-Kaul weiss, warum es manchen so schwer fällt. Nach jahrzehntelangem eingespieltem Eheleben beispielsweise den Partner in eine Betreuungsgruppe abzugeben, ändere "das System". Schwierig ist häufig auch die Rollenumkehr und damit die "Machtfrage", beobachtet Annegret Greive. Wenn bei einem sehr dominanten Mann die Frau die Rolle der Versorgerin übernehme, könne das sehr problematisch sein.
Für die Caritas-Mitarbeiter in der Sozialstation ist es wichtig zu erspüren, "was und wer passt in die Betreuung", erklärt Dietmar Brunstermann, der Greive in der Leitung vertritt. Behutsam muss die Hilfe angebahnt werden, denn Demenz ist noch mit vielen Tabus behaftet. Außerdem gibt es bei der betroffenen Generation besondere Empfindlichkeiten. In mageren Zeiten sehr sparsam aufgewachsen, fehle manchmal das Verständnis, dass ein caritativer Dienst Geld koste, erfährt Greive immer wieder mal.
Viele nehmen erst Hilfe an, wenn sie selbst am Ende sind, häufig über die Not, den Haushalt nicht mehr zu schaffen. Die Entlastung durch die 30 Mitarbeiter der Borghorster Sozialstation, die rund 50 Demenzkranke in der Stadt und umliegenden Orten betreuen, ist deswegen häufig mit Hauswirtschaft gekoppelt. Das gesamte Spektrum der Unterstützung ist breit. Es beginnt mit Demenzkursen für Angehörige. Die Krankheit zu verstehen ist ein wichtiger Schlüssel zum Umgang mit den Kranken. Den ganzen Tag gegen unsinniges Verhalten zu argumentieren, etwa sei müßig. Das Prinzip der "integrativen Validation" sei auch zuhause umsetzbar und sehr nützlich. Da reichten zum Beispiel für einen ehemaligen Buchhalter schon ein paar Ablagekörbchen. Dort konnte er seine Listen einsortieren, die er sorgfältig über die Einsätze der ambulanten Pflege führte. Pünktlich habe er auch seine Pausen eingelegt und sei mit dem Gefühl, ein paar Stunden am Tag gearbeitet zu haben, ausgeglichen und zufrieden gewesen.
Einfühlungsvermögen
Umgekehrt kann es schief gehen, wenn das Einfühlungsvermögen in die vergangene Welt der Demenzkranken fehle, wie Martina Erwig-Kaul an einem anderen Beispiel erläutert: Die alte Frau hat das Gefühl, dass ihr Kind gleich aus der Schule kommt und sie jetzt Essen kochen muss, damit es pünktlich auf dem Tisch steht. Wenn in diesem Moment die Schwester der Sozialstation sie gerade zum Waschen ausziehen will, "macht das Stress". Und löst Aggressionen aus, die im Extremfall auch bedrohlich werden können.
Langweilig wird es ohnehin nie, denn immer wieder passiert etwas Neues, ändert sich die Pflegesituation plötzlich. Oder es wird die Grenze erreicht und es muss sofort ein Platz in einem Altenheim gefunden werden. Bei 20 Minuten liegt Annette Greives Bestmarke dafür zur Zeit. Wobei es natürlich hilft, dass die Caritas Steinfurt selbst einige Altenheime betreibt und Greive die Leitungen dort persönlich kennt. Ohne funktionierendes Netzwerk wäre die Betreuung Demenzkranker kaum möglich.
Das gilt ebenso für die betroffenen Familien. Elisabeth Bruss und damit auch ihr Vater haben Glück. Da kann sogar ihre Mutter zweimal im Jahr für zwei Wochen eine Auszeit in Bad Rothenfelde nehmen. Dann kommen die Geschwister noch häufiger vorbei, die Schwägerin springt ein und auch die Nachbarn besuchen den 84-Jährigen. Mehrmals am Tag ist Lucinda Smith da, die für die Sozialstation die ambulante Pflege übernimmt.
Aber obwohl Elisabeth Bruss vom Fach ist und soviel Unterstützung hat, braucht sie den täglichen telefonischen Kontakt mit ihrem Bruder in Hamburg. Der ist Altenpfleger und kennt sich aus. "Es ist mir ganz wichtig, dass er zuhört und mir Tipps gibt", sagt Bruss. Denn auch wenn es einfacher wird, ist es bei weitem nicht einfach.
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Text: pd | Foto: pd
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