
Außenansicht des Caritas-Sozialkaufhauses "Brauchbar & Co".
Sozialkaufhaus des Caritasverbands in Rheine
Hilfen für Menschen mit kleinem Geldbeutel
Rheine. Ein Gang durch die Hallen des Caritas-Sozialkaufhauses in Rheine gleicht einer Zeitreise durch den Einrichtungsstil der letzten 50 Jahre: Gelsenkirchener Barock trifft auf 80er-Jahre-Chic. Vom Eierbecher bis zur Couchgarnitur ist allerlei Dekoratives, Kitschiges und Nützliches aufgereiht. Die Sachen stammen aus zweiter Hand, sind aber "in einem so guten Zustand, dass sie noch brauchbar sind", wie Leiter Josef Feismann betont. Das spiegelt sich auch im Namen der Einrichtung wider: "Brauchbar & Co" – so bezeichnet der katholische Wohlfahrtsverband sein Sozialkaufhaus an der Birkenallee in Rheine.
Alles unter einem Dach
Menschen mit kleinem Geldbeutel können sich dort mit fast allem eindecken, was man zum Leben braucht. Vor vier Jahren wurden das bereits bestehende Möbellager und die Caritas-Kleiderkammer mit der damals neu gegründeten Rheiner Tafel unter einem Dach vereint. Im Sozialkaufhaus finden Bedürftige also nicht nur Möbel, Hausrat und Kleidung: Zwei Mal in der Woche öffnet auch die Rheiner Tafel zur Lebensmittelausgabe ihre Türen.
Ein Blick in die Verkaufshalle gleicht einer Zeitreise durch den Einrichtungsstil vergangener Jahrzehnte. Der gute alte Röhrenfernseher, im Elektronik-Fachhandel schon nicht mehr zu finden, hat dort noch Hochkonjunktur. |
Tafel und Sozialkaufhaus erfreuen sich großer Beliebtheit. Eine Erfolgsgeschichte, über die sich niemand richtig freuen kann, zeigt sie doch, dass Armut auch im "wohlhabenden"Münsterland" anzutreffen ist: Etwa 900 Menschen kommen pro Woche in die Geschäftsräume, knapp 500 davon zur Rheiner Tafel, wo sie mit ihrer "Tafelkarte", für deren Erwerb Bedürftigkeit nachzuweisen ist, einkaufen können. "Wenn man bedenkt, dass sich hinter jeder Karte im Schnitt zwei bis drei Menschen verbergen, sprechen wir hier also von bis zu 1500 Menschen", rechnet Caritas-Sprecher Stefan Gude vor.
Sozialexperten sehen den Boom von Tafeln und Sozialkaufhäusern mit Sorge. Immer wieder wird Kritik laut: Solche Einrichtungen verfestigten Armutsstrukturen heißt es, sie erzögen die Menschen zur Unselbstständigkeit. Zudem werde der Staat aus der Verantwortung entlassen, wenn Wohlfahrtsverbände die Löcher im sozialen Netz stopfen. Feisman und Gude sind sich der Problematik bewusst. Natürlich seien die Tafeln keine Wunschlösung, betonen beide: "Sie können und sollen nur ergänzende Angebote sein." In Zeiten, in denen manche Familien selbst mit einem geregelten Einkommen finanziell kaum über die Runden kommen, seien sie aber eine Notwendigkeit.
Dabei ist man bei der Caritas bemüht, der Sache einen möglichst würdigen Rahmen zu geben: "Als der Tafel-Boom seinen Höhepunkt erreicht hat, gab es immer wieder diese Bilder von Menschen, die auf offener Straße vor den Ausgabestellen Schlange stehen", erinnert sich Josef Feismann. "Das ist entwürdigend, so etwas wollten wir hier nicht."
Würdiger Rahmen
So wurde die Lebensmittelausgabe im Inneren des Sozialkaufhauses eingerichtet, das zwar etwas außerhalb in einem Industriegebiet liegt, aber gut an das lokale Stadtbusnetz angeschlossen ist. Und auch die Preispolitik bei "Brauchbar & Co" hat etwas mit Menschenwürde zu tun: Alles kostet etwas, wenn auch nur wenig. So muss niemand das Gefühl haben, Almosen zu bekommen.
Caritas-Sprecher Stefan Gude (links) und Caritas-Ausbildungsstättenleiter Josef Feismann haben im Sozialkaufhaus Rheine Platz genommen. |
Ohne Ehrenamtliche ginge bei "Brauchbar & Co" nichts: Mehr als 80 Freiwillige, überwiegend Frauen, arbeiten stunden- oder tageweise im Sozialkaufhaus, knapp die Hälfte davon für die Tafel. Es gebe eine hohe Bereitschaft, sich in diesem Segment zu engagieren, erklärt Caritas-Sprecher Gude: "Ehrenamtliche schätzen es, dass man dort konkrete Hilfe in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen leisten kann." Unterstützung erhält der Caritasverband auch aus den Pfarrgemeinden, die zum Beispiel zwei Mal im Jahr die Aktion "Ein Pfund mehr" durchführen: Kirchgänger werden dabei aufgerufen, ein Pfund haltbare Lebensmittel mit zum Gottesdienst zu bringen. Die Lebensmittel werden dort gesammelt und an die Tafel weitergereicht.
Chance für Arbeitslose
Doch das Rheiner Sozialkaufhaus ist mehr als nur ein Schnäppchenmarkt für Hartz-IV-Bezieher: Es ist auch ein Ort, an dem Menschen, die auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance haben, arbeiten. "Langzeitarbeitslose finden dort eine Beschäftigung. Sie bekommen eine sinnvolle Aufgabe. Ihre Vermittlungschancen werden dadurch verbessert", sagt Josef Feismann, der auch die Caritas-Ausbildungsstätten in Rheine leitet. "So konnten wir bereits vier Vollzeitkräfte aus der Langzeitarbeitslosigkeit heraus einstellen, deren Stelle über das Förderprogramm 'Jobperspektive' bezuschusst wird", sagt Feismann.
Umso mehr ärgert es den Caritas-Mann, dass die Bundesregierung die Mittel für solche Beschäftigungsmaßnahmen praktisch gegen Null zurückgefahren hat: "Ein gutes Integrationsprojekt für Langzeitarbeitslose wird so kaputt gemacht", empört sich Feismann.
Text: Kay Müller | Fotos: Kay Müller in
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