
Im heimischen Wohnzimmer hat Angelica Rems viele afrikanische Kunstwerke versammelt, die ihr im Lauf der vergangenen Jahre im Kongo geschenkt wurden. Auf Weihnachtsmärkten will sie für die Projekte Sterne verkaufen.
Angelica Rems engagiert sich seit fast 30 Jahren
Einsatz in der Demokratischen Republik Kongo
Bocholt. Es gibt Bilder, die Angelica Rems nach ihren Kongo-Aufenthalten nicht loslassen: Da ist jenes kleine Mädchen, das durch eine Mine beide Füße verloren hat und keine Prothesen bekommt. Da ist jener kleine Junge, der mit großen Augen in die Welt blickt, aber durch seine fortgeschrittene Aids-Erkrankung zum Tod verurteilt ist. Da ist jene junge Frau mit dem Wasserkopf, die trotzdem glücklich in die Welt lächelt. Da sind die behinderten Waisenkinder, denen Stofffetzen am Leib hängen, weil sie keine Kleidung haben. "Manchmal glaube ich, dass mich diese Bilder ewig verfolgen", sagt die 72-jährige pensionierte Lehrerin in ihrer Bocholter Wohnung. "Gleichzeitig bedeuten mir diese Begegnungen so viel, dass ich hoffe, wieder nach Afrika zurückkehren zu können."
Seit zwei Jahrzehnten besucht sie die Demokratische Republik Kongo und damit eines der ärmsten Länder der Welt, in dem seit Jahrzehnten ein Bürgerkrieg um die vorhandenen Bodenschätze herrscht. "Die Menschen werden zwischen den Konfliktparteien zerrieben, und die Zustände für sie sind unvorstellbar", sagt Rems. Die engagierte Katholikin hat schon seit 1980 Kontakt zu Menschen im Kongo. Damals waren im Hamminkelner Klausenhof, einer kirchlichen Bildungsstätte, junge Männer aus aller Welt untergebracht, die im Rahmen ihres Studiums die deutsche Sprache und deutsche Gebräuche kennen lernen sollten. Mit dabei auch Ignatio Matensi, der bald nach seinem Studium in Rom zum Priester geweiht werden sollte.
Angelica Rems erfuhr davon, dass man im Klausenhof Kontakpersonen zur Betreuung der Schwarzafrikaner suchte. Sogleich meldete sich die alleinstehende Frau und erklärte sich bereit, zwei Studierende aus dem Kongo und Italien in deren Freizeit zu betreuen. "So lernte ich die afrikanische Küche kennen und konnte den Studenten das Münsterland näherbringen", erinnert sich Rems fast drei Jahrzehnte später. In den Wochen des regelmäßigen Austauschs über "die deutsche Sprache, die Weltkirche und deutschen Philosophen" entwickelte sich eine enge Beziehung.
Schon ein Jahr später flog die damals 42-Jährige mit ihrem zehnjährigen Adoptivsohn zur Priesterweihe von Ignatio Matensi nach Schwarzafrika. "Das war fast eine Weltreise, da wir wegen des preiswertesten Flugs eine Route von Frankfurt über Moskau, von dort zurück nach Wien, nach Tripolis und Lagos bis nach Kinshasa nehmen mussten." Nach dem vierwöchigen Aufenthalt war für Angelica Rems klar, dass sie gern "alles in ihrer Kraft Stehende" tun wollte, um den Menschen in Afrika zu helfen. Schon damals lernte sie auch den heutigen Bischof der Diözese Kisantu, Fidele Nsielele zi Mputu, kennen, der ein enger Freund der Familie wurde. Ist der agile Bischof in Rom oder anderswo in Europa, macht er immer in Bocholt Station – einmal um bestehende Hilfsprojekte zu besprechen, aber auch um Angelica Rems für ihr persönliches Engagement zu danken.
Das Projekt "Kimbondo"
"Mich beeindruckt bis heute die einfache Art des Bischofs und seine Bereitschaft, sogar im Haushalt zu helfen", lobt Rems den einheimischen Priester, der der Münsterländerin das Projekt "Kimbondo", in dem sie auch selbst Hand anlegen kann, nähergebracht hat. So war sie in den vergangenen Jahren fünf Mal zu privaten Hilfseinsätzen im Kongo. Zuletzt arbeitete die 72-Jährige im vergangenen Jahr für vier Wochen im Kimbondo-Hospital am Stadtrand von Kinshasa. Dort unterhalten italienische Christen ein Hospital für Waisenkinder. Mehr als 700 Mädchen und Jungen mit Behinderungen, darunter 200 aidskranke Kinder und viele traumatisierte Kindersoldaten, werden betreut. Geleitet wird das Hospital von Pater Hugo Rios Diaz, der auch Arzt ist.
"Es gibt dort nur selten fließendes Wasser und Strom", erzählt Angelica Rems. Bewusst habe sie sich entschieden, 20 Kinder im "Handicap-Haus" der behinderten Mädchen und Jungen zu betreuen. Am ersten Tag drückte man ihr einen Waschlappen, einen Eimer Wasser, ein Handtuch und ein Stück Seife in die Hände. Utensilien, mit denen die Kinder gepflegt und sauber gehalten werden sollten. "Ziemlich erschöpft habe ich am ersten Abend fast kapituliert", sagt Rems, weil es auch keine weiteren Pflegeutensilien mehr gegeben habe und der Geruch nach Urin wegen des Windelnmangels sehr stark gewesen sei. "Mein Glaube hat mich durch diese Nacht und später auch durch die ganzen Wochen getragen."
Ein Glaube, der ihr Anreiz ist, immer wieder von der Not der Menschen zu erzählen und andere in ihrem Umfeld zu ermuntern, durch Finanzspenden die Arbeit der Priester, Ärzte und Nonnen mitzutragen. Die aktive Frau ist "Bekannten, Freunden, Verwandten und allen Spendern sehr dankbar", dass sie ihr afrikanisches Projekt unterstützen. "Im Kimbondo-Hospital fehlt es an tatkräftiger Hilfe, Medikamenten, Verpflegung und Windeln."
Auf das Projekt der Hilfe für Mädchen und Jungen ist man beim Kindermissionswerk "Die Sternsinger" schon vor einigen Jahren durch Angelica Rems aufmerksam geworden. "Wir unterstützen die Region und auch die Diözese Kisantu schon seit Jahren", sagt Beate Jantzen, Länderreferentin für das westliche Afrika. Obwohl die Bildung im Mittelpunkt der Arbeit des Kindermissionswerks bei eigenen Projekten in der Demokratischen Republik Kongo steht, sieht man gerade in der Einrichtung von Pater Hugo Rios Dias eine förderungswürdige Aktion. "Dies ist inhaltlich ein sehr gutes Projekt", sagt Jantzen, die sich persönlich ein Bild vor Ort machen konnte.
Bei den betroffenen Kindern handele es sich um "Hexenkinder", die aus ihren Familien verstoßen würden, weil sie "unbrauchbar" seien. Jantzen ist zuletzt auf einen neunjährigen Jungen gestoßen, den seine Ursprungsfamilie nach dem Aidstod der Mutter einfach auf die Straße geschickt hatte. "Solche Kinder finden in Kimbondo Aufnahme", erläutert Jantzen, die mit ihren Kolleginnen seit Längerem überlegt, die Abteilung des Hospitals, in der Kinder mit Behinderungen betreut werden, zu einem Projekt des eigenen Hilfswerks zu machen.
"Uns geht es dabei um langfristige Kooperationen, die über einzelnes Spendenengagement hinausgehen." Solche Einrichtungen müssten eine Perspektive bekommen, die für Jahrzehnte tragfähig sei. "Dazu kann ich natürlich immer nur einen sehr kleinen Beitrag leisten", sagt Angelika Rems bescheiden und freut sich weiter über die "unendliche Dankbarkeit", die sie erfährt.
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Text: Norbert Ortmanns | Fotos: Norbert Ortmann, privat in
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