
Zeiten des Jubels und Zeiten der Stille
Gruppe aus Garrel feierte in Erfurt die Papstmesse mit
Erfurt/Garrel. Helfen ist Ehrensache für Fernfahrer Eugen Beck. "Ich dachte", erklärt der 59-jährige Frührentner, "Mensch, die brauchen Hilfe, und ich hab’ Zeit." Also hat er für die Abwicklung der Gottesdienste in Erfurt und Etzelsbach lange Stunden in der Fahrerkabine eines Brummis verbracht – ein freiwilliger Dienst wie der von weiteren 1500 freiwilligen Helferinnen und Helfer.
"Ich bin konfessionslos", sagt Eugen Beck frei heraus, "mit Kirche und Papst hab’ ich eigentlich nicht viel am Hut." Das Gefühl, gebraucht zu werden, sei für ihn entscheidend gewesen. Wer den zupackenden Mann beobachtet, der versteht weit besser, was der Erfurter Bischof Joachim Wanke meint, wenn er die "gelebte Alltagssolidarität" in Ostdeutschland lobt und viele kirchenferne Mitbürgerinnen und Mitbürger für ihn "christlicher sind, als sie selbst denken".
"Um Zeichen zu setzen"
Die Helfergruppe darf sich am Ziel sehen, als am Samstagmorgen um vier Uhr der Zustrom zum Erfurter Domplatz einsetzt, für 27.900 Gläubige gibt es Einlasskarten – bereits wenige Tage nach Anmeldebeginn waren sie ausgegeben. Hoch über den 70 Stufen der mächtigen Treppe thronen Mariendom und St. Severi im Morgengrauen.
Benedikt XVI. hat im Priesterseminar übernachtet, nur einen Steinwurf entfernt vom Dom. Als er im "Papamobil" erscheint, brandet Beifall auf. An der Messe auf dem Domplatz nehmen mehrere Gruppen aus dem Bistum Münster teil. Aus der Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist im Oldenburgischen Garrel hat sich Pastoralreferentin Dagmar Haake mit 26 Pilgern nach Erfurt aufgemacht – "bewusst um Zeichen zu setzen". Und zwar gleich mehrere: "Weil die Einheit der Kirche uns wichtig ist. Weil ich hinter dem Papst stehe. Weil hier Diaspora ist" – klare oldenburgische Standpunkte.
"Ein ermutigendes Zeichen"
Eben erhellt die Sonne die blassblau gehaltene Altarinsel, als Ortsbischof Joachim Wanke lebhaften Beifall für den Hinweis erhält, besonders willkommen seien die "vielen evangelischen Mitfeiernden". Beide Konfessionen leben in der Diaspora, eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Erfurter gehört keiner Religion an. Für Joachim Wanke, den dienstältesten ostdeutschen Bischof, ist es "ein ermutigendes Zeichen, wenn wir unseren Glauben öffentlich in der Stadt bekunden".
Denn inzwischen sei das Christentum vielen Ostdeutschen "so fremd geworden, dass es teilweise schon wieder Interesse weckt". Das beobachtet auch Dagmar Haake. Neben ihr stehen zwei Jungen, die wohl nur sehr wenig vom Ablauf der Messe wissen, und immer wieder "die weißen Männer da vorn mit der Mütze" – gemeint sind die Bischöfe – sehen wollen, sich aber vor allem erkennbar von der Freude in Block "2A" mitreißen lassen.
"Braune und rote Diktatur"
In seiner Predigt erkennt Papst Benedikt XVI. nachdrücklich den Bekennermut derjenigen an, die eine "braune und eine rote Diktatur ertragen haben, die für den Glauben wie saurer Regen wirkten". Benedikt XVI. findet lobende Worte für die Leistung der Wende. Der Aufstand gegen die SED-Bonzen sei "entscheidend motiviert" gewesen "durch die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit". Nun komme es darauf an, die "gewonnene Freiheit verantwortlich zu gestalten".
Schwungvoll abwechslungsreich ist die Musik – vom Orgelklang aus dem Dom bis zu einem Cello-Quartett, vor allem aber von 400 Sängerinnen und Sänger allen Alters. So begeistert die Mitfeiernden Benedikt zujubeln, ebenso diszipliniert folgen sie den Einladungen zur Stille nach der Predigt und der Kommunion.
"War gut"
Anschließend bringt Josef Ameskamp aus der Garrel-Gruppe seinen Eindruck auf den Punkt: "War gut." Da fehlt nichts an einem positiven Urteil. Sabine Hüttmann hat vor allem beim Singen die "große Gemeinschaft im Glauben" genossen. "Schön, wenn sich noch so viele für Gott mobilisieren lassen."
Peter Siewe steht noch ganz unter dem Eindruck des Schlussakkords der Messfeier: In das Geläut der 11,5 Tonnen schweren "Gloriosa", der größten freischwingenden mittelalterlichen Glocke der Welt, fallen Meditationsklänge der Domorgel ein.
Großes Glaubensfest
Maria Fleming aus Nikolausdorf ist froh über ihren Entschluss, nach Erfurt gekommen zu sein: "Dieses große Glaubensfest hat mich sehr beeindruckt. Vor allem der Chor ‚Tu es Petrus’ zum Messbeginn." Er habe von der Gewissheit gekündet, dass "die Kirche nicht untergehen wird in diesem Land, auch nicht in dieser Stadt".
Ermutigend fand Eva-Maria Ameskamp die unterschiedliche Altersstruktur der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ursula Kock hat immer wieder mit dem Weltjugendtag in Madrid verglichen, den sie ebenfalls besucht hat: "Beide Ereignisse waren komplett anders." Bei den Jugendlichen in Madrid sei die Stimmung ausgelassener gewesen. In Spanien hätten die Menschen Abkühlung gebraucht, im Morgengrauen von Erfurt sei es lausig kalt gewesen. Erfurt habe sich wiederum durch eine perfekte Organisation ausgezeichnet. Doch bei allen Vergleichen ist sich Ursula Kock sicher: "Erfurt war ein intensives Erlebnis – vor allem auch die Zeiten der Stille."
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Text: Hans-Josef Joest | Foto: Hans-Josef Joest
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