
Pfarrer Alejandro Serrano Palacios (l.) mit einer Musikgruppe aus der spanischsprachigen Gemeinde in Münster.
Pfarrer Alejandro Serrano Palacios beschreibt Land und Leute
"Der Spanier improvisiert"
Bistum. Madrids Politiker rütteln am Euro-Rettungsschirm, 100.000 unzufriedene Bürger protestierten auf den Straßen, vier von zehn junge Spanier sind arbeitslos: Auch vor diesem Hintergrund findet in Madrid der Weltjugendtag statt – der allerdings die Staatskasse nicht belasten soll: Die Kosten von etwa 50 Millionen Euro werden zu 70 Prozent von den Teilnehmern getragen; für den Rest kommen 100 Sponsoren auf.
Alejandro Serrano Palacios, Pfarrer der spanischen Muttersprachler im Bistum Münster, sieht die Situation gelassen und meint mit einem Augenzwinkern: "Wenn die Spanier nicht improvisieren können, sind sie verloren. Sie machen immer alles auf die letzte Minute, aber dann in höchster Qualität!"
Dass der Pfarrer "sie" sagt statt "wir", könnte daran liegen, dass er seit 1989 in Deutschland lebt, seine Heimat nur noch gelegentlich besucht. Denn im Bistum Münster hat er viel zu tun: Seine Gemeinde mit etwa 3.000 Mitgliedern erstreckt sich zwischen Recklinghausen, Emsdetten und Harsewinkel. "Wir haben viele Lateinamerikaner", sagt er. Das Verhältnis habe sich verändert. Besuchten früher vor allem Gastarbeiter aus Spanien die Messe, so engagieren sich heute Brasilianer. Auch Deutsche, die im spanischsprachigen Ausland gelebt haben, kommen sonntagmorgens in die Antoniuskirche nach Münster.
"Von uns fährt niemand zum Weltjugendtag", sagt der 53-Jährige. Manchen Studenten fehle das Geld. "Und die Spanier, die fahren würden, wissen, wie heiß es dort um diese Jahreszeit ist." Mit 35 bis 40 Grad müssten die Pilger rechnen, deshalb rät der Pfarrer: "Viel trinken und unbedingt eine Mütze mitnehmen gegen die Sonne." In Sachen Kopfbedeckung haben die deutschen Organisatoren immerhin vorgesorgt – es gibt Strohhüte mit dem Weltjugendtags-Logo.
Spanien sei nicht gleich Spanien, betont Alejandro, seit 13 Jahren Pfarrer der spanischsprachigen Gemeinde in Münster. Im Norden – die Bistums-Pilger reisen zu den "Tagen der Begegnung" in die Region Pamplona – sei die Mentalität anders als im Süden des Landes: "Dort sind die Menschen extrovertierter. Musik und Tanz wie der Flamenco spielen eine große Rolle." Der Umgang im Norden sei etwas förmlicher: "Vom Temperament her ist man eher zurückhaltend." Gut aufgehoben werden die Pilger aber überall sein: "Spanier sind sehr gastfreundlich!"
Nach wie vor gebe es eine starke Frömmigkeit, die sich vor allem bei den großen Prozessionen in der Karwoche zeige. Eine große Rolle in Spaniens Kirche spiele die Bewegung des Neokatechumenalen Wegs, in der viele junge Leute aktiv seien. Der Gründer, der Kunstmaler Kiko Arguello, habe "jeweils vor und nach den Weltjugendtagen intensive Treffen abgehalten". Da habe es passieren können, dass auf die Frage "Möchtest du Priester werden?" 200 Männer aufzeigten.
Auch wenn dann nicht alle diesen Plan umsetzten, sei eine Langzeitwirkung der Treffen spürbar. Der Pfarrer zeigt ein Internetvideo, in dem 200 junge Ordenschwestern singen – eine neu gegründete Kongregation in Lerma im Erzbistum Burgos. Spanische Medien sprächen schon von einem Berufungsboom. "Die Frauen sind Akademikerinnen, Lehrerinnen, Ärzte", ist Pfarrer Alejandro begeistert. Er hofft, dass auch der Weltjugendtag in der Hauptstadt seines Heimatlandes etwas auslöst für Spaniens Kirche.
Wissenswert
In Spanien leben 47 Millionen Menschen, neun von zehn sind katholisch. In Deutschland ist bei 81,7 Millionen Einwohnern etwa jeder Dritte Katholik. Spanien ist in 71 Bistümer aufgeteilt, Deutschland kommt nur auf 27. Die Spanier regiert seit 1975 König Juan Carlos. Zehn Millionen Deutsche besuchen Spanien jedes Jahr. Sie müssen unter anderem ihren Tagesablauf umstellen: Die mittägliche "Siesta" ist in der Hitze keine schlechte Idee, Abendveranstaltungen beginnen selten vor 21 Uhr.
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Text: Marie-Theres Himstedt | Foto: Marie-Theres Himstedt in
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