
Bischof Felix Genn folgt mit dem emiritierten Diözesanbischof Reinhard Lettmann (r.) und Weihbischof Dieter Geerlings der Großen Prozession, die gerade den Erbdrostenhof in Münster passiert.
"Pervertierung des Liebesgebots"
PID: Bischof Genn kritisiert Bundesregierung scharf
Bistum. "Entsetzt und erschüttert" hat sich Bischof Felix Genn über Äußerungen aus Regierungskreisen zur Präimplantationsdiagnostik (PID) im Vorfeld der Schluss-Abstimmung über das PID-Gesetz im Bundestag in der kommenden Woche gezeigt. Namentlich griff er Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) scharf an: Sie habe "die Stirn, die Erbguttests an Ungeborenen unter ausdrücklicher Berufung auf die Heilige Schrift und das Christentum wörtlich zu einer Frage der Nächstenliebe zu deklarieren – ich halte das für eine ungeheure Pervertierung des Liebesgebots." Das sagte Genn am Sonntag (03.07.2011) in seiner Predigt im Pontifikalamt im St.-Paulus-Dom zum Ende der "Großen Prozession" in Münster.
Auch andere Äußerungen von Politikern offenbarten "eine Logik des Todes", unterstrich Genn, der in diesem Zusammenhang an die Predigten des seligen Kardinals Clemens August Graf von Galen erinnerte, in denen er sich vor 70 Jahren gegen die Tötung behinderter Menschen durch die Nationalsozialisten aufgelehnt hatte. Auch heute gehe es bei der PID um "die Tötung menschlichen Lebens". "Darüber haben wir nicht zu entscheiden", appellierte der Bischof an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, gegen die Zulassung der PID zu stimmen.
Genn forderte zudem alle Christen auf, die Stimme gegen eine Zulassung zu erheben. "Es geht ums Ganze, es geht um das Leben." Ein Zustimmung zur PID verstoße gegen die Menschenwürde. "Wer daran glaubt, dass Gott sich im Antlitz eines jeden Menschen widerspiegelt, der unternimmt alles und unterlässt nichts, dass jeder Mensch nicht nur auf dieser Erde willkommen geheißen, sondern auch bis zuletzt mit aller ihm gebührenden Aufmerksamkeit und Ehrfurcht begleitet wird." Der Bischof wünschte den Christen den Mut, dies zu bekennen und so einen "Dammbruch" zu vermeiden, bei dem die Unantastbarkeit des Lebens verloren gehen würde.
Keine "Sondermoral"
Dabei ginge es nicht darum, den Menschen eine "christliche Sondermoral" aufzuzwingen, sagte Genn, der nach seiner Predigt spontanen Applaus der Gottesdienstbesucher erhielt. "Sondern es ist ein Wort, das den Menschen befreit, ihm Hoffnung und Lebensrecht gibt, wie auch immer er aussieht." Der Glaube beflügele dabei die Phantasie, kreativ über Formen der Hilfe nachzudenken, die nicht "den Preis des Todes anderer" kosteten.
Ein solcher Einsatz sei die "eigentliche Aufgabe als Christen" in der heutigen Zeit, unterstrich Bischof Felix. Debatten etwa über Strukturreformen träten hinter dem Auftrag zurück, "dem zu folgen, was Jesus mit seinem Geist in die Welt gebracht hat". Genn bat die Gläubigen darum, nicht dauernd auf den Binnenraum der Kirche zu schauen, sondern sich über Pfarrgrenzen hinweg in den gesellschaftlichen Diskurs einzumischen, um Meinungen abzuwehren, die "dem Leben schaden".
Zum Pontifikalamt im voll besetzten Dom waren Prozessionen aus den münsterschen Stadtkirchen gekommen, wo zuvor Stationsgottesdienste gehalten worden waren. Die Tradition der "Großen Prozession" geht zurück bis ins 14. Jahrhundert, als die Einwohner der Domstadt nach Pest- und Feuerkatastrophen eine alljährliche Buß- und Bittprozession einrichteten.
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- Dokumentiert: Die Predigt von Bischof Felix Genn (03.07.2011)
- Dossier: Gentechnik und Bioethik
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- Bistumshandbuch: Große Prozession
Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte
03.07.2011
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