
Das St.-Anna-Gnadenbild bekommt am St.-Anna-Tag einen Platz vor der Kapelle.
Mit Kanistern zur heiligen Anna
Wallfahrtsort St.-Anna-Klus in Südlohne
Südlohne. "Nein, ich mache das eigentlich nicht aus religiösen Gründen", erklärt die blonde Frau. Um sich im nächsten Satz dann selbst zu widersprechen. "Was von der Gottesmutter kommt, das kann ja nichts Schlechtes sein", fährt sie achselzuckend fort und hält dabei ihre Flasche in den Wasserstrahl des gemauerten Brunnens bei der St.-Anna-Klus.
Ihr Auto hat die Frau oben auf dem Parkplatz kurz abgestellt. "Wenn ich bei der St.-Anna-Klus vorbeikomme, dann bringe ich immer mal wieder etwas von dem Wasser mit. Zu Hause trinken wir es tropfenweise mit Leitungswasser", erklärt sie.
Sie ist schon die Dritte innenerhalb einer halben Stunde, die ihr Gefäß auffüllt. Das Ehepaar vor ihr hatte mehrere Camping-Kanister dabei.
Dechant Rudolf Büscher kennt solche Szenen: von Menschen, die mit einem Kofferraum leerer Plastikflaschen auf dem Kiesplatz vor der kleinen Kapelle an der Kreisstraße zwischen Lohne und Steinfeld vorfahren und für sich Wasser abzapfen.
Bezeugte Heilkraft
Menschen, die sich damit in eine alte Tradition des kleinen Wallfahrtsorts im Süden des Oldenburger Landes stellen. Denn bis ins 19. Jahrhundert galt das Wasser der Klusquelle im Volksglauben als wirksame Hilfe bei Knochen- und Augenleiden.
Augenzeugen aus jener Zeit berichten von zahlreichen Brillen und Gehhilfen an der Wand der später zerstörten zweiten Klus, wie die Kapelle genannt wird. Geheilte Beter hatten sie als Dankesgaben zurückgelassen. Und auch heute vergeht kein Tag, an dem nicht Autos auf dem Klusgelände anhalten.
An der Klusquelle füllen sich immer wieder Menschen Wasser ab. Im Volksglauben wird dem Wasser Heilkraft zugeschrieben |
Ort des Gebets
Es ist die Erfahrung von Dank, Heilung und Hilfe, die den Beginn der Klus-Tradition prägte. Die des Kreuzritters, der sich nach der Heimkehr bei der Quelle niedergelassen und die allererste Kapelle errichtet haben soll.
Aber da ist nicht nur die Quelle. Die St.-Anna-Klus zieht immer wieder auch stille Beter an. So wie die beiden Frauen, die gerade ihre Räder an der Seitenwand abstellen und in die Kapelle gehen. Auf mehrere tausend Menschen, die ausdrücklich als Pilger kommen, schätzt Dechant Büscher die Zahl. Der Schein der brennenden Kerzen zeugt vom Zuspruch.
Das Gnadenbild ist auch Anlaufstelle für mütterliches Verstehen. "Mit der heiligen Anna ist in der Tradition der Kirche die Schutzhilfe für Mütter und Kinder verbunden", erklärt Dechant Büscher.
Junge Paare stecken sich deshalb bewusst hier ihre Verlobungsringe an. Damit die Kapelle auch für Hochzeiten Platz bietet, wurde sie 1971 vergrößert.
Auch für Trauernde in und um Lohne ist es ein wichtiger Ort geblieben. Das liegt auch an dem Kreuzweg, der sich beginnend bei der Kluskapelle eine leichte Anhöhe hinauf zur Kreuzanlage auf den nahen so genannten Kalvarienberg zieht.
Das erste Kreuz hatten Lohner 1953 in Erinnerung an den erfolgreichen Kampf der Oldenburger gegen die Nationalsozialisten um den Verbleib der Kreuze in den Klassenzimmern errichtet, den so genannten Kreuzkampf.
Heute hat das Beieinander von Wallfahrtsort und Kreuzweg eine besondere Tradition entstehen lassen. Statt des andernorts üblichen Sechs-Wochen-Amts ist es in Lohne Brauch, dass die Nachbarn dann zum Kreuzweg einladen.
Dabei zeigte sich die Geschichte der Klus über die Jahrhunderte äußerst wechselhaft. Von begeistertem Aufschwung ist in den Überlieferungen ebenso zu lesen wie von Phasen des Vergessens und Verfalls des immer wieder neu errichteten Kirchleins.
Zuletzt waren Erinnerung und Bedeutung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts weggebrochen. So sehr, dass gar der Pflug über die Ruine hinwegging. Vielleicht wäre alles auf ewig vergessen geblieben – wenn nicht jener 11. Februar 1949 sie neu ins Bewusstsein gerückt hätte.
Als Zeichen gedeutet
Zum einen, weil sich genau an diesem Tag das verschollen geglaubte Gnadenbild wiederfand. Und: Weil am selben Tag nahezu gleichzeitig in Südlohne ein Pächter mit seinem Pflug an einen Feldstein stieß, der sich später als Fundament der alten Klus herausstellte.
Die Menschen im Süden der Stadt Lohne nahmen das als Zeichen dafür, dem alten Wallfahrtsort wieder zu neuem Leben zu verhelfen. In Windeseile hatten sie das nötige Geld beisammen. In kürzester Zeit entstand am alten Ort eine neue Kapelle. Nur wenige Monate später war zudem die alte Heilquelle bei der Klus wieder ausgegraben, die seither in den 1950 geweihten St.-Anna-Brunnen mündet.
Früher sogar ein Feiertag
Der große Festtag für Lohne und die umliegenden Gemeinden ist der 26. Juli (Gedenktag des heiligen Joachim und der heiligen Anna). Früher war dieser Tag in der Stadt sogar ein Feiertag, an dem nicht gearbeitet wurde.
Inzwischen wird am darauffolgenden Samstag der St. Anna-Tag mit Prozession zur Südlohner St.-Anna-Klus gehalten. Die Wallfahrt durch die Stadt beginnt mit dem Pilgersegen in der Pfarrkirche St. Gertrud und geht zur Klus in den Ortsteil Südlohne. Dort wird der Festgottesdienst gefeiert.
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Text: Michael Rottmann | Fotos: Martina Rönnau, Michael Rottmann in
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