
Das Gnadenkreuz, das um 1200 datiert wird, hat seinen Platz im Altarraum der Heeker Pfarrkirche St. Ludgerus.
Christi Kreuz – der Christen Kraft
Verehrung des Heeker Gnadenkreuzes
Heek. Bis das Gnadenkreuz am Fest Christi Himmelfahrt in Ahle angekommen ist, ist es ein Kraftakt. Das gilt vor allem für die Kreuzträger, die anpacken, das Kreuz schultern und den sechs Kilometer langen Weg von der Heeker Pfarrkirche St. Ludgerus zur Kapelle Heilig Kreuz in Ahle meistern.
Seit dem frühen Mittelalter ist die Kreuztracht am Fest Christi Himmelfahrt alljährlicher Höhepunkt der Kreuzverehrung des Orts. Früh am Morgen bricht die Prozession in Heek auf. Sechs Männer tragen abwechselnd das schwere Heeker Gnadenkreuz in Richtung Bauerschaft Ahle. Bis zur Grenze des ehemaligen Heeker Pfarrbezirks ist dieses Tragen ein Privileg der Männer aus Heek. Ahler Männer rechnen es sich als Ehre an, das Gnadenkreuz an der alten Pfarrgrenze zwischen Heek und Ahle zu übernehmen und es zur Ahler Kapelle zu tragen. Sie werden begleitet von vielen hundert Heeker, Ahler und Nienborger Wallfahrern und der Heeker Musikkapelle, die die Gesänge begleitet.
Ist die Ahler Kapelle erreicht, wird dort das Kreuz auf einem Podest abgestellt, und das Festhochamt beginnt. Danach wird das Gnadenkreuz wieder zurück zur Pfarrkirche St. Ludgerus getragen, wo der Schlusssegen erteilt wird. "Eine seit Jahren feststehende Ordnung regelt die Gebete und Gesänge für unterwegs und während des Festhochamts", sagt Agnes Wigger. Die 70-Jährige ist seit 25 Jahren Küsterin an der Ahler Kapelle und hat an diesem Festtag alle Hände voll zu tun. "Es ist schön, diesen Tag mitzuerleben."
Für die gebürtige Nienborgerin, die seit der Heirat 1962 in Ahle lebt, ist es immer wieder ein ergreifender Moment, wenn das Gnadenkreuz zur Kapelle getragen wird. "Alles ist auf den Beinen, alle kommen zusammen", sagt Agnes Wigger. Sogar eine kleine Kirmes werde für den Festtag aufgebaut. Bei allen Vorarbeiten könne sie sich auf die Mithilfe vieler zupackender Hände verlassen.
Küsterin Agnes Wigger in der Sakristei der Kapelle in Ahle. |
Freude auf Kreuztracht
Auf die Kreuztracht freut sich auch die 89-jährige Paula Thies, die nur wenige hundert Meter von der Kapelle entfernt wohnt. An ihrem Anwesen befindet sich die Ludgerus-Station, der wohl älteste Bildstock in Ahle. "Wenn die Prozession die Station erreicht, wird das Heeker Ludgerus-Lied gesungen. Das ist wunderbar", sagt Paula Thies.
Respekt zollt Pfarrer Josef Leyer den Kreuzträgern. Er sagt über die "Kreuzeslast": "Kreuzträger, die zur Kreuztracht freiwillig die Last des Kreuzes auf sich genommen haben, treten in Solidarität zu denen, denen ein schweres Kreuz aufgebürdet ist, die von der Last des Lebenskreuzes niedergedrückt sind und beschwert vorangehen. Die Gedanken und Gebete sind dann vielleicht bei denen, die einen Simon von Zyrene brauchen, der Jesus geholfen hat, sein Kreuz zu tragen."
Die Kreuzträger haben ihren Platz bei der Kreuztracht in der Mitte. Der eine Teil der Prozessionsteilnehmer geht dem Kreuz voraus, der andere folgt dem Kreuz. "Das Kreuz ist in der Mitte. Es überragt alle, da es senkrecht stehend getragen wird. Das Kreuz im wahrsten Sinn des Worts hochhalten heißt: es in Ehren halten und es als Glaubende wertschätzen", sagt Pfarrer Leyer.
Das Gnadenkreuz, das um 1200 datiert wird und vermutlich das Triumphkreuz der romanischen Kirche in Heek war, hat seinen Platz im Altarraum der Pfarrkirche St. Ludgerus.
Die Inschrift über dem Portal der Heilig-Kreuz-Kapelle in Ahle lautet: "O crux ave spes unica" ("O Kreuz, sei gegrüßt, du einzige Hoffnung"). |
Die Urkunden, Andachtsbücher und die Literatur nennen verschiedene Bezeichnungen dieses Kruzifixes: "wundertätiges Kreuz", "dat hilghe curc van Heek", "Reliquienkreuz" oder "crux celebris" (vielverehrtes Kreuz). Dass sich als ortsübliche Bezeichnung "Gnadenkreuz" durchgesetzt hat, ist für Pfarrer Leyer von großer Bedeutung: "Damit wird der Ort, wo man diesem Kreuz begegnen kann, zum Gnadenort. Das Kreuz wird sozusagen zum Vermittler der Gnade. Der Beter und Wallfahrer kann vom Kreuz her Gnade empfangen."
Zur Herkunft des Kreuzes sagt die Legende: "In Heek herrschte große Hungersnot. Monatelanger Regen ließ die Früchte auf den Feldern verfaulen. Da geschah es, dass bei strömendem Regen vor der Kirche ein mit zwei Ochsen bespanntes Fuhrwerk hielt, auf dem sich ein großes Kreuz befand. Sobald man es über die Schwelle der Kirchentür trug, zerteilte ein Sonnenstrahl die Wolken und es gab gutes Wetter und Rettung aus der Hungersnot."
Erstmals urkundlich erwähnt ist die Kreuzverehrung im 14. Jahrhundert. Pfarrer Heinrich Ramesberghe stiftete eine Lampe, die auf ewige Zeiten Tag und Nacht vor dem Kreuz brennen soll. Datiert ist die Urkunde vom 15. März 1333.
Die wohl eindruckvollste Wallfahrt erlebte Heek am 3. Juli 1934, als mehr als 4.000 Jungmänner und Männer aus Heek, Ahaus, Gronau, Epe, Metelen, Nienborg und Ochtrup vor dem auf dem Kirchplatz aufgestellten Gnadenkreuz ihren Glauben bekundeten und damit auch ein Zeichen gegen die Nazi-Diktatur setzen wollten.
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