
Wie ein Puzzle haben Vertreter der fusionierenden Gemeinden den Fisch als frühchristliches Symbol zusammengesetzt (v.l.): Christian Hennecke, Andreas Goedereis (Pfarrgemeinderat Hl. Edith Stein), Barbara Stinnesbeck-Schmidt (Pfarrgemeinderat St. Mauritz), Pfarrer Jörg Hagemann (St. Benedikt) und Pfarrer Martin Sinnhuber (Herz Jesu und St. Elisabeth).
Hildesheimer Regens spricht in künftiger St.-Mauritz-Gemeinde
"Seht, ich schaffe etwas Neues, merkt ihr es nicht?"
Münster. Mit Großfusionen kennt Christian Hennecke sich aus. Im Bistum Hildesheim, wo er Regens des Priesterseminars ist, zwingt die Diaspora zu Pfarreien, die halben münsterländischen Kreisdekanaten ähneln. Und doch bleibt Hennecke Optimist. Ihn begleitet ein Wort aus dem Buch Jesaja: "Denkt nicht mehr an das, was früher war. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?" (Jes 43, 18-19)
Fast dreistellig ist die Zahl derer, die sich am Freitag (29.10.2010) im Pfarrer-Eltrop-Heim an der Herz-Jesu-Kirche treffen. Und doch sind es Pfarrgemeinderäte, Kirchenvorstände und Seelsorger aus – künftig – einer Gemeinde: 2012 / 13 entsteht in Münsters Osten "Neu St. Mauritz" aus den vier heutigen Pfarreien St. Mauritz, Herz Jesu / St. Elisabeth, St. Benedikt und Hl. Edith Stein.
Das Treffen ist das erste seiner Art. Es soll helfen, dass die Fusion "Gesicht und Gesichter bekommt", sagt Martin Sinnhuber. Der Pfarrer von Herz Jesu und St. Elisabeth ist mit der Leitung des Fusionsprozesses beauftragt. Dass es dabei knirschen kann, sagt Christian Hennecke bildhaft: "Freunde kann man sich aussuchen. Wir Christen aber sind Schwestern und Brüder. Das ist sperrig."
"Viele suchen"
"Denkt nicht mehr an das, was früher war": Die münsterschen Fusionspartner – insgesamt mehr als 20.000 Katholiken – gehörten einmal zu sieben selbstständigen Pfarreien. Bei aller vorhandenen Enttäuschung – als Trauerarbeiter ist Hennecke nicht gekommen. "Der Wandel ist nicht harmlos." Das immerhin. Aber: "Er ereignet sich ständig. Er besteht nicht darin, dass wir fusionieren." Pfarreistrukturen und Gemeindegrößen früherer Zeit seien "wertvoll". In Stein gemeißelt sieht Hennecke sie nicht: "Das wäre Erstarrung."
Der Wandel sei in der Kirche spürbar, aber er komme aus der Gesellschaft. Es sei nicht mehr selbstverständlich, dass Menschen katholisch seien, den Glauben von Geburt an erfahren und leben. Trotzdem betont Hennecke: "Viele suchen." Er verweist auf den Trend des Pilgerns, der Suche nach sich selbst und einem Mehr, oder auf die Weltjugendtage.
"Die Jugend sucht Tiefe", ist der Regens überzeugt. Beispiele dafür seien die Vigilien der Weltjugendtage, nächtliche Gebetswachen Hunderttausender unter freiem Himmel. Auch vor als konservativ Geltenden schreckten die jungen Menschen nicht zurück. Hennecke berichtet, viele Pilger seien begeistert von einer Weltjugendtags-Katechese des Kölner Kardinals Joachim Meisner gewesen. "Die Jugendlichen wollen verstehen." Und sei es mit deutlichen Worten.
Blick in den Saal. |
"Pilger und Konvertiten"
Auch bei traditionellen Katholiken gebe es einen "Hunger nach Mehr". Eine ältere Dame, erzählt Hennecke, sei fasziniert von evangelikalen Sendungen im Fernsehen. "Da dauert eine Predigt gern mal 25 Minuten. Aber die Frau konnte sie wiedergeben." Ihre Frage war dann: "Warum macht ihr das nicht?"
"Merken wir eigentlich, was Gott Neues schafft?", fragt Hennecke die Zuhörer. Zwei neue Typen von Glaubenden beschreibt er: "Pilger und Konvertiten". Pilger seien Suchende, Konvertiten "haben Jesus gefunden". Das könne am Ende eines langen Weges sein, dem Jugendalter längst entwachsen. Für beide Gruppen gelte es, Angebote zu machen. Auch Glaubende seien nicht unbedingt gleich für eine Pfarrei gewonnen: "Die schauen sich vielleicht eine Gemeinde an und stellen fest: Das hier ist nicht, was ich gesucht habe."
Fünf Folgerungen
Auch wenn dieser Wandel nicht ursächlich mit Gemeindefusion zu tun hat – was bedeutet er für Großpfarreien? Hennecke nennt fünf Punkte. Erstens müssten die Gemeinden "mit allen gemeinsam in die Zukunft gehen". Es sei wichtig, sich klarzumachen, was funktioniere, und das nicht aufzugeben. Die zentrale Struktur der Pfarrei sei dazu da, vor Ort "Unterstützung zu geben".
Zweitens brauche es eine "größere geistliche Tiefe". Die Gemeinden hätten das Wort als gemeinsame Quelle, die es zu teilen gelte, etwa in kleinen christlichen Gemeinschaften. Drittens rief Hennecke dazu auf, auf die Begabungen der Einzelnen zu achten: "Jeder hat eine Gabe. Wir müssen ihn und uns fragen: Wie äußert sich die?" Wie lasse sich zum Beispiel jemand einbinden, der nichts lieber tut, als an Autos herumzuschrauben?
Viertens gehe es um Katechese: "Wege zum Glauben werden länger dauern und müssen begleitet werden." Hennecke erwähnt Glaubenskurse für Erwachsene, Angebote wie "Kirche für Anfänger" und nennt die Sakramente als Punkte, an denen Suchende mit Glaube und Kirche in Kontakt kommen.
Glauben vor Ort
Schließlich gelte es, vor Ort Gemeinde zu sein. "Ich glaube nicht, dass man in der Gemeinde alles zentralisieren kann", sagt Hennecke deutlich. "Je zentraler sie organisiert ist, desto lokaler will Kirche leben." Die Menschen wollten und müssten "gemeinsam mit denen glauben, die wir kennen, die um uns herum leben". Das könne in Nachbarschaften, Sozialstationen, Schulen oder Gemeindezentren geschehen: "Wir sind Alltagskirche mitten im Leben der Menschen." Als ein Beispiel nennt Hennecke den Trauerfall. Hier werden seiner Ansicht nach Laien künftig immer mehr Dienste übernehmen. Schließlich könne niemand Trauernde "besser begleiten als die, die neben ihnen wohnen".
Dieses Plädoyer für lokale Verschiedenheit erhält beim Gespräch über Henneckes Vortrag den stärksten Zuspruch. Dennoch endet der Abend mit Gemeinsamkeiten: mit einem Segenslied und dem Vaterunser. Zudem hat die Steuerungsgruppe bereits heute eine gemeinsame Internetseite erstellt, die die Fusion begleitet. Die Adresse lautet www.sankt-mauritz.com.
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Text: Jens Joest | Fotos: Jens Joest
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