
Die Schmerzensmutter zieht seit Jahrhunderten Menschen zur Gnadenkapelle in Bethen an.
Eine überraschend junge Gottesmutter
Wallfahrtsort Bethen bei Cloppenburg
Bethen. Der Trend zur Wallfahrt steigt unaufhörlich. Während die Schar der Gläubigen in den Pfarrgemeinden schrumpft, nimmt die Zahl der Pilger zu. Das betrifft nicht nur die großen Wallfahrtsstätten wie Kevelaer, Lourdes oder Fatima. Auch in die kleinen, stillen Wallfahrtsorte kommen immer mehr Pilger, die sich in kleinen Gruppen zum Beispiel vor der "Schmerzhaften Mutter" in Bethen zum Gebet versammeln.
Kindliches Erstaunen
Stefan Lunte stammt aus Bethen; seit 1996 arbeitet er in Brüssel für die Kommission der Bischofskonferenzen am Sitz der Europäischen Gemeinschaft. Für Kirche+Leben berichtet er, wie Bethen und die Wallfahrt ihn prägen:
In den vergangenen Jahren bin ich in fast allen europäischen Ländern gewesen und habe das Glück gehabt, die Kirche in Europa mit ihren vielen Facetten kennen lernen zu dürfen. Besonders verbunden fühle ich mich der Kirche in Frankreich, wo ich mit meiner Familie zu Hause bin. Wie es zu diesem etwas ungewöhnlichen Lebensweg gekommen ist, kann ich selbst nicht erklären, aber eines weiß ich genau: Ohne Bethen und die Bether Wallfahrt lässt sich das sicher nicht begreifen.
Die Wallfahrt großer und von weit her kommenden Gruppen hat in Bethen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs eine große Tradition. Sie hat noch meine eigene Kindheit geprägt. Das Vorbeiziehen großer Pilgergruppen am Elternhaus gehörte im Sommer zum Sonntag wie die fein gekochte Hühnersuppe.
Viele Menschen wären zu nennen: Berühmte und ganz einfache Menschen, die allein kamen. Schließlich auch jener kleine Messdiener, der seine ersten liturgischen Dienste vor dem Bild der Gottesmutter verrichten durfte.
Damals zogen die kleinen Messdienerlehrlinge wochentags morgens um 7.15 Uhr zu zweit vor Prälat Bernhard Beering in die nicht ganz volle, aber auch nie ganz leere Gnadenkapelle ein.
Stefan Lunte aus Bethen arbeitet in Brüssel für die Europäischen Bischofskonferenzen. |
Wer nun von den Messdienern rechts ging, hatte Glück. Er durfte bei der Gabenbereitung Brot und Wein reichen und bei der Händewaschung assistieren. Der Dienst des Zweiten jedoch beschränkte sich wegen der Enge vor dem Altar auf die ordentlich ausgeführte Kniebeuge und das Klingeln zur Wandlung, auf Aufstehen und Hinknien, auf Mitsingen und Mitbeten, auf stilles Gebet und Betrachtung. Das war viel und wenig zugleich für einen, der sich voller Begeisterung auf den Dienst in der großen Kirche vorbereitete.
Als nun wieder einmal mein Partner die aktivere Rolle inne hatte und mir Zeit für anderes blieb, da haftete zum ersten Mal mein Blick für längere Zeit an dem Gnadenbild. Was mir in diesem unvergessenen Moment auffiel und was mein kindliches Erstaunen wachrief, war das Gesicht der Gottesmutter.
Es ist das Gesicht einer jungen Frau, und irgendwie wollte das nicht zu dem Gesamtbild passen. Hält doch Maria den Leib ihres gekreuzigten und gestorbenen Sohns auf den Knien, und der war, das wusste ich aus dem Religionsunterricht, 33 Jahre alt geworden.
Wie war das möglich? Eine so junge Mutter? 50 hätte sie mindestens sein müssen, doch das Gesicht, das ich mir so andächtig anschaute, war deutlich das einer wesentlich jüngeren Frau, das einer ganz jungen Mutter. Von diesem Widerspruch bin ich nicht mehr losgekommen. Ich behalf mich schließlich als Kind mit dem Argument, dass diejenige, die Gott zum Sohn hat, wohl nicht mehr altern würde.
Erwachsen geworden ist das staunende Betrachten geblieben, und dankendes Gebet ist dazugekommen. Wann immer ich jetzt in Bethen bin, kehre ich in die Gnadenkapelle ein und nehme mir und gebe dem lieben Gott etwas Zeit. Auf das Bild von Gottesmutter und Leib des Sohns schauend, danke ich immer auch seinem unbekannten Schöpfer. Er lebte und arbeitete in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, so viel wissen wir.
Es war keine leichte Zeit. Der 100-jährige Krieg zwischen Frankreich und England lastete auf Europa, die Pest verbreitete Angst bei allen sozialen Schichten. Geprägt vom unendlichen Leid jener Zeit wandten sich die Menschen verstärkt zum erlösenden Leiden Christi hin und zum Mitleiden seiner Mutter. Die Schmerzensmutter, die im Evangelium ja gar nicht beschrieben ist, wurde eine der erfolgreichsten Bildfindungen.
Im Unterschied zu vielen anderen Darstellungen dieses Bilds ist die Maria in Bethen eine junge Frau. Das Bild wäre natürlicher, hätte sie ältere Gesichtszüge, oder es säße ein kleines Kind auf ihrem Schoss. Darin sind wir wohl alle mit dem kleinen Messdiener einig. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich für mich aber auf: Der Künstler hat in dem Bether Gnadenbild die beiden zentralen Aspekte unseres Glaubensgeheimnisses von Jesus Christus zusammengefasst: Gott ist Mensch geworden. Und: Gott hat seinen leidenden Sohn erlöst und von der Toten auferweckt.
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