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24.05.2012
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Diskussion

Angeregte Diskussion unter den Teilnehmern an der "Best-Practices"-Tagung.

Gute Beispiele auf einer Tagung vorgestellt

"Quo vadis, Pfarrgemeinde?"

Bistum. Es war der Tag der klaren Worte: "Was nicht weiterführt, führen wir nicht weiter", so hieß der Haupt-Vortrag beim zweiten "Best Practices"-Angebot, zu dem die Hauptabteilung Seelsorge Interessierte aus dem ganzen Bistum Münster eingeladen hatte. Quo vadis, Pfarrgemeinde – die Teilnehmer begaben sich am Samstag (12. Juni 2010) anhand von gelungenen Beispielen der Pastoral der Zukunft auf die Spur.

Derjenige, der mit eindeutigen Aussagen den Anfang machte, kam aus der Diaspora. Pastoralreferent Martin Wrasmann aus der Diözese Hildesheim hatte jenen Übergang aus der Volkskirche hin zur Kirche im Volk schon längst hautnah vor Augen. "Unser Fazit hieß schon vor einigen Jahren: Wir als Diözese sind pleite, wir haben kein Personal, nur noch ganz wenige Gläubige und auch die gesellschaftliche Bedeutung verloren" – so berichtete der stellvertretende Leiter der Hauptabteilung Pastoral von der schonungslosen Bestandsaufnahme. "Wann schreit endlich jemand Stopp statt mit zusammengebissenen Zähnen ein 'Weiter so!' zu stemmen?", so hätten sich viele Katholiken gefragt. Nach diesem Stopp sei dann die Zeit reif gewesen, die "Gestaltung des Übergangs" von der aussterbenden "Pfarrfamilie" hin zu einer "Communio der Verschiedenheit und Vielfalt2 mit Fantasie und Mut anzupacken.

Gelungene Beispiele dafür hatten auch die Teilnehmer aus dem Bistum Münster mitgebracht. Sie wurden dokumentiert und auch von der Abteilung Seelsorge veröffentlicht werden, um vielen als Anregungen zu dienen, so versprach ihr Leiter, Domvikar Stefan Sühling. Wohl nicht erstaunlich, dass diese Projekte viele der von Martin Wrasmann aufgezählten Ansätze zeigten. Der Blick auf die Menschen etwa muss sich ändern – "der größte Teil der Christen in Europa sind Katechumenen, also Erwachsene, die ihren Weg zu Christus suchen", so Wrasmann. "Wir brauchen Kirchen für Beginner!". Auch die wachsende Zahl von armen Menschen, von Suchenden, von Ausgegrenzten müsse die Kirche herausfordern, bei ihnen zu sein und nicht auf sie herabzuschauen. "Gemeinde muss es auch aushalten, Zwischenheimat für Mobilnomaden zu sein", fand Wrasmann.

"Kultur des lokalen Kirchen-Seins"

Sein Plädoyer für eine neue Kultur des lokalen Kirche-Seins: Raum für Vertrauen und Experimente geben, eine Kultur des Rufes und der Gabenorientierung leben, die plurale Einheit als Gewinn zu erleben – eine Pfarrei zum Netzwerk unterschiedlichster kirchlicher Orte "mit Charisma2 von Grundschule bis Altersheim und "Kleiner Kirche Kindergarten" auszubauen. Nicht "Kirche in Kirche", aber: Kirche in Reichweite und vor allem Kirche in den Lebensräumen und Erfahrungswelten der Menschen vor Ort. Dass dies immer auch Fragen nach Leitungs-Kompetenz, nach neuen Rollen von Laien und Priestern sowie auch dezentraler Netzwerke aufwirft, war dem Referenten klar. "Ich bin sicher: Wenn wir alle uns als Rufer und Berufene in einer Person verstehen, dann kommen die fetten Jahre erst noch", so machte der Mann mit den Diaspora-Erfahrungen Mut, die Zeichen der Zeit zu sehen, aber vor allem den Übergang aktiv zu gestalten.

Hilfreich gerade für solche Gestaltungsaufgaben war der Gemeinde St. Mariä-Himmelfahrt in Ahaus Alstätte eine Pastoralplan. Mittels eines Fragebogens an alle Gemeindemitglieder, aber auch mit intensiven Gesprächen in den Vereinen und Verbänden sowie in einer Zukunftswerkstatt wurden Visionen und Leitsätze erarbeitet, die helfen zu sehen, was man tun oder lassen müsste. Jedes Jahr wird einer der Leitsätze zum Jahresmotto – das schärfe den Blick aufs Wesentliche und auf die Ressourcen.

"Christus ein Gesicht geben", das wollten die Gemeinden St. Josef, Ruhrhalbinsel, und Herz-Jesu aus Burgaltendorf. So starteten sie einen Begrüßungsdienst, der die Gottesdienstbesucher an der Schwelle der Kirche freundlich in Empfang nimmt – mehr als 30 Frauen und Männer bilden inzwischen einen ehrenamtlichen Kreis dafür und schätzen das Geben ebenso wie das Beschenkt-Werden durch ihren Dienst.

Kein "Einheitsbrei"

Leben und Traditionen in ihren sieben Urspungs-Gemeinden wollten die Mitglieder der fusionierten St. Georg-Gemeinde in Vreden erhalten. Ortsausschüsse installierten sie deshalb und verfassten für deren Mitglieder eine neue Grundordnung als Rahmen ihrer Zuständigkeiten. So bleibt die Hauptzuständigkeit bei den von der ganzen Gemeinde gewählten Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand, doch konkrete Projekte bleiben vor Ort für Katechese, Jugendarbeit oder eben traditionelle Eigenheiten der alten Ortsgemeinden. Denn Gemeinde heißt in Vreden nicht "Zentralismus" oder "Einheitsbrei".

Gleich zwei Mal spielte die Caritas in den "best practices" eine Rolle: In Herten entstand nach dem Abriss der St. Barbara-Kirche das Projekt "Barbara-Zentrum": Eine neue, kleinere Kirche, die von katholischen wie evangelischen Christen genutzt wird, ein Café als Gemeinschaftsbereich, eine Pflegeeinrichtung für Demenzkranke. Kirche und Caritas vernetzten sich vor Ort eng – mit durchschlagendem Erfolg für gemeinsame Aktivitäten im Bereich der pastoralen und caritativen Arbeit.

Ebenfalls mit der Caritas entstand in St. Josef in Kamp-Lintfort der "cari-treff" am Rathausplatz als "Kirche unter den Menschen": Second Hand-Kleiderladen, Beratungsangebote, seelsorgliche Präsenz, eine Info-Börse und ein Café wuchsen im Zentrum der Stadt, ehrenamtliches Engagement entwickelte sich parallel, Stammtische, Sonntags-Café und Gruppentreffen folgten.

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Text: Heike Hänscheid | Foto: Hänscheid
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