
Das Grab der seligen Anna Katharina Emmerick in der Heilig-Kreuz-Kirche mit dem Grabstein von Clemens Brentano.
Arm gelebt – reich belohnt
Wallfahrtsort Dülmen: Selige Anna Katharina Emmerick
Dülmen. In der Dülmener Heilig-Kreuz-Kirche befindet sich das Grab von Anna Katharina Emmerick. Die "Mystikerin des Münsterlands" wurde am 8. September 1774 in Coesfeld-Flamschen geboren, verstarb am 9. Februar 1824 in Dülmen und wurde am 3. Oktober 2004 in Rom selig gesprochen. Schon zu Lebzeiten Anna Katharina Emmericks war Dülmen Ziel zahlreicher Menschen, die Gespräche mit der Ordensfrau suchten.
Die unbedingte Liebe Gottes erfahren
Die Wundergeschichten, die sich von Anna Katharina Emmerick erzählt wurden, waren es nicht, die Günter Scholz interessierten. Im Gegenteil, sie schreckten ihn eher ab. 34 Jahre arbeitete er als Lehrer in Dülmen. Der Germanist und Historiker interessierte sich mehr für die Menschen und Religionsformen in Afrika als für die eigene Kirchengemeinde. "Als das Thema Seligsprechung von Anna Katharina Emmerick aufkam, bin ich erst angefangen, mich mit ihr zu beschäftigen. Daraus ist mein Buch entstanden, das in fünfter Auflage erschienen ist", erzählt der 77-Jährige.
Durch die intensive Beschäftigung mit der am 3. Oktober 2004 in Rom selig gesprochenen Anna Katharina Emmerick habe sich auch sein Leben verändert. "Ich habe interessante Menschen kennen gelernt, viele haben mir geschrieben wie zum Beispiel der Künstler Bert Gerresheim, der die Kreuzigungsgruppe an der Nordseite des St.-Paulus-Doms in Münster geschaffen hat und ein inniger Verehrer der Emmerick ist", berichtet Scholz. Es sei eine große Gnade und ein Geschenk, in seinem Alter diese Menschen noch kennen zu lernen.
Was ihn am Leben und an der Person von Anna Katharina Emmerick fasziniert: "Es sind berühmte Menschen zu ihr gekommen – wie Clemens Brentano, ein Mann, der mehr Menschen erreichte als Goethe oder Schiller. Warum kommt er nach Dülmen und setzt sich in einem armseligen Zimmerchen zu Anna Katharina ans Bett? Die Frau muss eine enorme Ausstrahlung gehabt haben." Durch die Begegnung mit ihr habe sich Brentano mit den armen Menschen identifiziert. Er habe alles verkauft und den Weg für die Neugründung von Orden bereitet.
Ihre Ausstrahlung habe auf dem Vertrauen in Gott beruht. Diese Einstellung habe die Selige geprägt. "Wenn ich spüre, ich bin von Gott geliebt, dann kann ich auch zu anderen ›Ja‹ sagen." In ihrer Fähigkeit, Texte in Bildern zu erleben, sei sie Gott begegnet, habe sie seine Nähe und Liebe erfahren. "Gott war für sie keine abstrakte Idee, sondern durch ihre außergewöhnliche Bildvorstellung war ihr Gott in Christus als Person so gegenwärtig, dass sie ihn sehen, ihn erleben, mit ihm sprechen und vor allem ihn lieben konnte. Diese Liebe hat sie weitergegeben in einer Zeit, die vom strafenden Gott gekennzeichnet war", erzählt Scholz. Die Bedrohung durch Tod und Krankheit sei immer mit dem Gedanken an eine Strafe Gottes verbunden gewesen. "Gebetet wurde aus Angst. Doch Anna Katharina Emmerick hat Gott erfahren und war überzeugt, dass er kein unbarmherziger Gott ist. Das hat sie an andere weitergegeben. Brentano hatte sich gewünscht, so glauben und lieben zu können wie sie." Für Scholz steht Emmerick dafür, "dass Gottesliebe kein Selbstzweck ist, sondern sie an andere ohne Rücksicht auf das eigene Leben weitergegeben wird. Das kann man Wallfahrts-Gruppen mit auf den Weg geben.
Günter Scholz. |
Viele ältere Menschen kämen in die Kreuzkirche nach Dülmen. "Für sie ist es ein großer Trost, dass wir nach dem Tod durch unseren Glauben aufgenommen werden in die Herrlichkeit Gottes. Das wird in dieser Kirche deutlich. Hinter dem Kreuz ist es hell, man schaut in das Licht. Und in diesem lichtdurchfluteten und schlichten Raum befindet sich das Grab der Anna Katharina Emmerick", erklärt Scholz.
Er hat sich intensiv mit der nach der Seligsprechung umgebauten Kirche beschäftigt. Sie gehört bei Führungen zum Programm wie die Gedenkstätte, bei der er maßgeblich an der Konzeption beteiligt war – alles natürlich ehrenamtlich. "Mir war es wichtig, dass es ein sprechendes Museum ist. Das heißt, dass man es ohne Führung erleben kann", berichtet er.
Viel war er unterwegs, hat sich andere Gedenkstätten angeschaut, bevor er sich mit den Architekten und einem Designer an die Konzeption gewagt hat. "Es gibt wenig Gegenstände oder Bilder aus ihrem Leben. Aber wir haben das Zimmer. Es gibt einen guten Eindruck, in welcher Bescheidenheit Anna Katharina Emmerick gelebt hat. Umso erstaunlicher ist es immer wieder, wie viele Menschen zu ihr gekommen sind", beeindruckt ihn das Leben der "Mystikerin des Münsterlands". Zwar kämen Menschen aus nah und fern nach Dülmen, doch seien es vornehmlich ältere. "Ich würde gern Jüngere durch die Kirche und die Gedenkstätte führen, um zu sehen, wie es bei ihnen ankommt", sagt der Pädagoge.
Immer wieder wundert er sich über sich. "Ich bin ein rationaler Mensch. Ich habe Soziologie unterrichtet. Das Thema Anna Katharina Emmerick passt eigentlich nicht in diesen Zusammenhang", erzählt er und lacht. Ihm gibt die Begegnung mit anderen Menschen – wie Bert Gerresheim – Ermutigung, dass sie ebenso an die Botschaft von Anna Katharina Emmerick glauben und nicht darüber lächeln.
Emmerick-Gedenken
Die Seligsprechung: Am 3. Oktober 2004 wurde unter großer Beteiligung von Pilgern aus dem Bistum Münster Anna Katharina Emmerick von Papst Johannes Paul II. in Rom selig gesprochen. Mehr als 1500 Menschen – vornehmlich aus Coesfeld und Dülmen – hatten sich auf den Weg gemacht, um die Seligsprechung zu erleben.
Der Pilgerweg: Seit dem 27. August 2004 gibt es einen für Wanderer und Radfahrer konzipierten Pilgerweg. Er führt vom Geburtshaus in Flamschen bei Coesfeld in einer Länge von 21 Kilometern über Lette in Richtung Merfeld durch den Wildpark bis zur Grabstätte in der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen. Auf dem Weg lassen sich einzelne Lebensstationen der "Mystikerin des Münsterlands" erwandern, und es sind Zitate der Seligen zu lesen.
Die Bitten: Immer wieder liegen auf dem Grab von Anna Katharina Emmerick kleine Zettel. Darauf schreiben Menschen ihre Anliegen und übergeben sie so an die Selige. Diese Idee der Fürbitten hat Peter Nienhaus aus einer Kirche in Rom mitgebracht. Die Gemeinde sammelt die Zettel und trägt Bitten anonym im Gottesdienst vor Gott. Im Osterfeuer werden die Zettel verbrannt. Schon zu Lebzeiten haben sich Menschen mit ihren Anliegen an Anna Katharina Emmerick gewandt.
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Text: Michaela Kiepe | Fotos: Michaela Kiepe in
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