
Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ist auch Thema auf dem ÖKT.
Diskussionen auf dem ÖKT:
"Sexueller Missbrauch passiert täglich, stündlich"
München. Die Beauftragte der Bundesregierung für Missbrauchsfälle, Christine Bergmann, hat sexuellen Missbrauch als aktuelles und massives Problem in der Gesellschaft bewertet. "Das ist kein Thema der Vergangenheit, es passiert täglich, stündlich", sagte sie am Donnerstag (13.05.2010) beim Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) in München. Fachleute aus der Therapie- und Beratungsarbeit beklagten bei der ersten ÖKT-Veranstaltung zum Thema Missbrauch massive finanzielle Unterversorgung.
Bergmann erklärte, in der Konsequenz der jetzigen Debatte müsse es um nachhaltige Veränderungen auch bei der Beratungsarbeit gehen. Es könne nicht sein, dass Aufarbeitung und Therapie an fehlendem Geld scheiterten. Sie verwies auch auf eine Vielzahl von Fällen in Familien. Notwendig sei eine starke Sensibilisierung für dieses Thema. Es müsse wirklich "eine Gesellschaft bis ins Mark treffen und trifft sie auch".
"Direkt mit Opfern sexuellen Missbrauchs reden"
Die Leiterin und Mitbegründerin der Kölner Missbrauchs-Beratungsstelle Zartbitter, Ursula Enders, sprach von einer "Flut von aktuellen Fällen. Und darüber spricht keiner." Allein in der vergangenen Woche sei ihre Einrichtung über fünf Fälle von aktuellem Missbrauch "mit zig Kindern in Institutionen" informiert worden. "Die Gesellschaft versagt grundlegend, auch heute noch." Enders forderte Politiker und Bischöfe auf, direkt mit Opfern sexuellen Missbrauchs zu reden und diese Aufgabe nicht "nach unten zu delegieren".
Mit Blick auf die katholische Kirche sagte sie, ihre Vertreter hätten "eine Welle von Entschuldigungen ausgesprochen". Wichtiger sei aber, Verantwortung auch finanzieller Art für die Opferarbeit zu übernehmen und bei der Präventionsarbeit zu helfen. Viele Beratungsstellen bräuchten finanzielle Hilfe. Zugleich bemängelte sie, dass katholische Bischöfe eine generelle Anzeigepflicht forderten. Damit behinderten sie unter Umständen die therapeutische Arbeit mit Kindern. Zugleich lobte Enders auch kirchliches Engagement. So gebe es im Erzbistum Freiburg einiges an guter und angemessener Beratungsarbeit.
Kritik an Medien
Deutliche Kritik äußerte sie an Teilen der Medien. Die Presse stürze sich bei vielen Fällen darauf, wie die Institutionen reagierten. Von den Opfern sei aber kaum die Rede. Gut sei, wenn die Medien auf ruhige Berichte setzten, die den Blick der Opfer berücksichtigten. Ähnlich äußerte sich der Psychologe Christoph Fleck von der Beratungsstelle Phoenix. Er bemängelte reißerische und unprofessionelle Berichterstattung. Diese wecke auch jene auf, die Opfer gewesen seien "und eigentlich gedacht haben, sie hätten es geschafft".
Am Rande der Veranstaltung riet Bergmann der katholischen Kirche zu strikter Aufklärung und Offenheit bei allen Missbrauchsfällen. "Alles muss auf den Tisch", sagte sie vor Journalisten. Zudem seien alle Überlegungen zum Ausbau von Beratungsarbeit und Prävention sinnvoll. Die kurzfristig ins ÖKT-Programm aufgenommene Veranstaltung verlief in einer ruhigen und ernsten Atmosphäre. Sie fand nicht, wie zunächst geplant, in einem Saal des Kongresszentrums, sondern in einer Messehalle statt, die gut zur Hälfte besetzt war.
Anselm Grün: Missbrauchskrise eine Chance für die Kirche
Benediktinerpater Anselm Grün sieht in der Missbrauchskrise eine Chance für die Kirche. Sie zeige, "dass verdrängte Sexualität immer nach einem Ausweg sucht", sagte Grün ebenfalls am Donnerstag beim ÖKT. Der Ordensmann warnte zugleich davor, jetzt die einzelnen Täter zu ächten. Vielmehr sollte sie jeder als Spiegel zur Selbsterkenntnis nutzen. Die Kirche insgesamt müsse demütiger werden.
Der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller sagte, Gemeindemitglieder würden manchmal ihren Pfarrern nicht zugestehen, dass diese Menschen mit Fehlern seien. Auch täten sich die Priester selbst mit dieser Einsicht schwer. Die gegenwärtige Krise habe zu einer Ernüchterung auf beiden Seiten geführt, "und das ist gut so". Jede Enttäuschung bringe die Menschen der Wahrheit näher. Müller leitet das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach, eine Einrichtung mehrerer deutscher Bistümer, die Seelsorger in persönlichen Krisen auffängt.
"Ideologie des bedürfnislosen Helfers"
Müllers evangelischer Kollege Hans-Friedrich Stängle vom Haus Respiratio auf dem unterfränkischen Schwanberg sagte, die "Ideologie des bedürfnislosen Helfers" sei "für manches Unheil in der Kirche verantwortlich". In den vergangenen Monaten hätten die Kirchen "das Gift zu spüren bekommen", das aus der Leugnung eigener Bedürftigkeit hervorgehe. Die Folgen seien "emotionale Selbstverstümmelung" und destruktive Beziehungen. Die Arbeit an der eigenen Person sei eine Grundvoraussetzung, um professionell Seelsorge betreiben zu können. Leitbild dafür sei "der gute Hirte, nicht der hungrige Wolf, schon gar nicht der im Schafspelz".
Mehr zum Thema im Internet:
Text: göc,
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: Michael Bönte
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