
Einzug zum großen Festgottesdienst beim Treffen der Glatzer.
Glatzer Fest: 200 Jahre Großdechant
"Unersättlich" in der Begegnung
Münster-Hiltrup. Glatzer bleiben sie allemal. Und jeder Anlass, ein Fest der Begegnung mit den Landsleuten zu feiern, ist ihnen recht. Am Samstag (01.05.2010) sind etwa 500 Glatzer zu einem besonderen Fest in Münster-Hiltrup zusammengekommen. Denn ihr geistlicher Leiter, der "Visitator für die Priester und Gläubigen aus der Grafschaft Glatz", trägt auch den Titel Großdechant, der in der katholischen Kirche einmalig ist. Dieses Amt, seinerzeit von den Preußen verliehen, wird in diesem Jahr 200 Jahre alt. Derjenige, der seit 27 Jahren der einzige Großdechant der Kirche ist, heißt Franz Jung und ist Glatzer.
Sein Auftreten ist einfach, bescheiden und versöhnend. Dazu passt, dass die 500 Gäste, die zum Fest der Begegnung gekommen waren, nicht nur "200 Jahre Großdechant" feiern durften, sondern auch "60 Jahre Glatzer Bote", die Zeitschrift der Glatzer Landsleute, dazu auch das 25-jährige Dienstjubiläum des Herausgebers des "Glatzer Boten", Peter Großpietsch, und das 20-jährige Dienstjubiläum der Verwaltungs-Geschäftsführerin Brigitte Lambiel.
Auch bei dem feierlichen Gottesdienst in der Hiltruper St.-Clemens-Kirche trat der Großdechant Franz Jung in die zweite Reihe, denn die liturgische Leitung der Feier hatte der emeritierte Erzbischof von Oppeln (in Oberschlesien im Südwesten Polens), Prof. Dr. Alfons Nossol. Er sprach in seiner Predigt auch über Heimat, über die Heimat Glatz, von wo die Volksgruppen am Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben worden war, und über die Heimat Europa. Und beschwor dabei die Sorge für eine friedliche Welt in Gerechtigkeit und Vergebung: "Es gilt, den Weltfrieden zu festigen und eine neue Zivilisation der Liebe zu gründen."
Dialog als "Muttersprache"
Der Dialog sei "die Muttersprache der Menschheit" und "Vergebung eine innere Haltung des Menschen", so der Erzbischof. Niemand dürfe den Schaden verharmlosen, den die Vertreibung hervorgerufen hat. Auch dürfe der Anspruch auf Gerechtigkeit nicht aufgegeben werden. Denn ohne Gerechtigkeit, so zitierte er Papst Johannes Paul II., gebe es keinen Frieden und keine Vergebung. Wer aber vergeben könne, sei geheilt, auch vom Hass, "der die größte Massenvernichtungswaffe der Welt" ist. Nossol rief in Erinnerung, dass mit den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ein polnischer und ein deutscher Papst direkt aufeinander gefolgt seien. Dies sei ein wunderbares Zeichen für die deutsch-polnische Versöhnung.
Wenn man im Anschluss an die Messe den zum Begegnungsfest versammelten Glatzern bei ihren Gesprächen zuhörte, wurde deutlich, wie sehr sie diesen Aufruf des Erzbischofs schon verinnerlicht hatten. Viele erzählten sich von ihren Reisen in die alte Heimat, von Freundschaften mit den jetzt dort lebenden Polen, von Hilfen und gegenseitigen Besuchen, von dem Gefühl des Aufgehobenseins bei denen, die nun in ihrer alten Heimat leben. Man tauschte sich aus über die Herkunftsorte, über gemeinsame Verwandte und Bekannte, über Erlebnisse bei Reisen in die Grafschaft Glatz. Die Erinnerungen an das Leid der Vertreibung wurden nicht verdrängt.
Raum für Erinnerungen
Jüngeren ist gar nicht mehr bewusst, dass es gab keine Fotos gab, keine Erinnerungsstücke, die einem die Heimat in Erinnerung rufen konnten. Die Kinder erfuhren von ihrem alten Zuhause nur durch Geschichten. Sogar das Fest der Erstkommunion wurde unter schwierigsten Bedingungen während der Flucht unter Lebensgefahr gefeiert, erzählte eine Glatzerin.
Letztlich waren jedoch die Erfahrungen des Leids machtlos gegen die Fröhlichkeit der Menschen, die teils von weit her zusammengekommen waren. Es stimmte schon, was Großdechant Jung bei seiner Begrüßung in der Messe angesichts der 500 Glatzer zwanglos feststellte: "Da sind wir wieder. Wir sind einfach unersättlich." Das nächste Fest wird die Seligsprechung des in Dachau umgekommenen Glatzer Priesters Gerhard Hirschfelder im September sein. Ein Termin steht noch nicht fest.
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Text: Claudia Maria Korsmeier | Foto: Korsmeier
02.05.2010
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