
Freundschaftsikone: Christus (rechts) und Menas.
Interview mit Professor Söding zu den neuen Bibelarbeiten
Freundschaft um der Freundschaft willen
Bistum. Freundschaft in der Bibel – darum geht es in der neuen Reihe der Bibelarbeiten in kirchensite.de. Weil alle Facetten des menschlichen Lebens in der Bibel vorkommen und es ein wichtiges Thema für nahezu jeden ist, hat der Neutestamentler Professor Thomas Söding (Bochum/Münster) gemeinsam mit seinem Mitarbeiter, dem Dülmener Pfarrer und Exegeten Robert Vorholt, dieses Thema gewählt. Im Interview mit kirchensite.de erläutert Söding, was die Bibel über Freundschaft sagt und was für sie wichtig ist.
kirchensite.de: Was verstehen Sie unter Freundschaft?
Thomas Söding: Echte Freunde halten zusammen. Aber das kann für andere auch fürchterlich sein. Wahre Freundschaft setzt immer die gemeinsame Leidenschaft für etwas Gutes, etwas Wichtiges voraus. Nur dann macht es Sinn, durch dick und dünn zu gehen.
kirchensite.de: Warum ist Freundschaft ein biblisches Thema?
Söding: Weil alle Facetten des menschlichen Lebens in der Bibel vorkommen: Treue und Verrat, Zusammenhalt und Starrheit, große Gefühle und kleine Geheimnisse. Die Bibel bringt das alles mit Gott zusammen. Und gewinnt so ein Kriterium, wahre von falschen Freunden zu unterscheiden.
kirchensite.de: Gegenwärtig wird viel über Individualisierung und Beziehungsunfähigkeit von Menschen in dieser Gesellschaft geklagt. Die Bibel hat ein anderes Bild vom Menschen, oder?
Söding: Jeder Mensch wird geboren: Allein das zeigt mir ihn nicht als vereinzeltes Wesen. Mit allen Fasern seines Lebens hängt ein jeder Mensch mit anderen zusammen. Aber die Bibel durchbricht das Prinzip der natürlichen Bedingungen und familiären Abhängigkeiten. Jeder Mensch ist aber auch frei: Freunde zu wählen, ist niemand gezwungen - Freundschaften zu pflegen, gehört zur Freiheit des Menschen.
Neutestamentler Professor Thomas Söding. |
kirchensite.de: Was macht echte Freundschaft aus?
Söding: Echte Freunde erkennt man erst in der Stunde der Not. Wenn es schwierig wird, gehen auch schnell Freundschaften in die Brüche, die nur aufgrund gemeinsamer Hobbys oder ähnlicher Gewohnheiten geschlossen werden. Am Ende halten nur solche Freundschaften, die um der Freundschaft willen geschlossen werden.
kirchensite.de: Welche Impulse gibt die Bibel zum Thema "Freundschaft"?
Söding: Die Bibel rät, sich die richtigen Freunde und Freundinnen zu suchen. Und was die Richtigen sind? Das entscheidet sich nicht nur nach der momentanen Stimmungslage. Das hat sehr viel mit der Suche nach einem stimmigen Lebensentwurf zu tun - und der Unterstützung, die jeder Mensch dafür braucht. Der biblische Lackmustext für jede Freundschaft: ob sie Platz für Gott lässt. Oder besser: ob die Gottesliebe Platz für Freundschaft lässt.
kirchensite.de: Stehen Freunde manchmal näher als Familienangehörige?
Söding: Ja klar, das kann so sein. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: dass Familienangehörige sich als die wahren Freundinnen und Freunde erweisen. Ruth und Noemi sind so ein Fall in der Bibel.
kirchensite.de: Was ist aus der Sicht der Bibel wichtig für eine Freundschaft? Freundschaft ist nicht immer nur Harmonie - was ist mit Kritik und Spannungen?
Söding: Es kann ein Freundschaftsdienst sein, dem anderen die Meinung zu sagen. Echte Freundschaft hält Kritik aus. Und fordert sie sogar. Allerdings, seien wir ehrlich: Man muss schon sehr gut miteinander befreundet sein, bis man einander die Wahrheit sagen kann, so dass es nicht verletzt, sondern hilft. Paulus sagt, das soll in der Gemeinde der Christen so sein: ein hoher Anspruch!
kirchensite.de: Es gibt aber auch schlechte Freunde. – Was meint die Bibel dazu?
Söding: Ja, es gibt falsche Freunde, bis hin zu Judas. Woran kann man sie erkennen? Dass sie die Freundin oder den Freund nach dem eigenen Bild gestalten wollen. Und nicht so lieben, wie Gott sie im Sinn hat. Von schlechten Freunden muss man sich trennen, sagt schon die Weisheit Israels. Aber man darf - und soll - für sie beten. Also vor Gott mit ihnen verbunden bleiben.
kirchensite.de: Kann es Freundschaft zwischen Gott und Mensch überhaupt geben?
Söding: Ja, das ist eine Riesenfrage in der gesamten Bibel. Freundschaft hat es immer irgendwie mit Wechselseitigkeit und Herzensnähe zu tun. Kann das gehen, wenn Gott der Eine ist, der Lebendige, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Das Alte Testament ist ganz zurückhaltend. Das Judentum traut sich, Abraham einen Freund Gottes zu nennen, weil er sich so eng mit Gott verbunden hat und weil Gott sich sehr um ihn kümmert. Im Neuen Testament ist die Freundschaft mit Gott durch die Freundschaft mit Jesus vermittelt.
kirchensite.de: Jesus nennt seine Jünger in den Abschiedsreden bei Johannes "Freunde". - Was ist das besondere dieser Freundschaft?
Söding: Die Jünger sind eigentlich die Diener, die Schüler, die Boten Jesu. Aber er, ihr Herr und Meister, wäscht ihnen die Füße, um ihnen ganz und gar an seinem ureigenen Leben, dem Leben aus der Liebe Gottes, Anteil zu geben. Deshalb nennt er diejenigen, die seine Knechte sind, seine Freunde: denn er liebt sie mit der Liebe Gottes und teilt ihr Leben, damit sie an seiner Gottesliebe Anteil nehmen. Das ist ein großes Wort, eine große Verheißung, eine große Aufgabe.
kirchensite.de: Zugleich sagt Jesus: "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage (Joh 15,14)." Eine Freundschaft unter Bedingungen - geht das?
Söding: Nein, Jesus macht seine Liebe nicht von Bedingungen abhängig. Aber er zwingt auch niemanden zu seinem Glück. Freundschaft ist immer eine Form von Miteinander. Deshalb muss die Antwort der Jünger gegeben werden. Wie sollte man sonst von Freundschaft sprechen?
Echte Freunde erkennt man erst in der Stunde der Not. |
kirchensite.de: Wie sollte diese besondere Freundschaft gepflegt werden?
Söding: Das Johannesevangelium nennt zwei Formen: die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Konkret: Zur Freundschaft mit Jesus gehört als erstes, mit Jesus zu beten, wie Jesus zu beten. Aber daraus folgt, Jesus zum Vorbild der Nächstenliebe zu nehmen: einander die Füße zu waschen, wie Jesus es getan hat.
kirchensite.de: Im Johannesevangelium sagt Jesus auch "Lass alle eins sein, wie wir eins sind". Ist dies die Steigerung von Freundschaft oder etwas ganz anderes?
Söding: Die Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn ist die Ursache und das Ziel allen Lebens. Wer Freundschaft mit Gott durch Freundschaft mit Jesus pflegt und so lebt, ist auf dem besten Weg, diesen Sinn des Lebens zu erfahren.
kirchensite.de: Was bedeutet Ihnen persönlich das Thema Freundschaft?
Söding: Sehr viel. Deshalb habe ich nicht tausend Freunde, sondern ein paar wenige. Aber ich hatte das Glück, immer auch neue Freunde finden zu können.
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