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24.05.2012
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Gefängnis

Pastoralreferent Hermann Stukenbrock will im Gefängnis – hier ein Archivbild aus Recklinghausen – nicht auf adventliche Symbole verzichten.

Advent und Weihnachten im Frauengefängnis

"Trauer ist auch ein Gefühl"

Dinslaken. Die Kerzen hatte Hermann Stukenbrock vergessen. Zwar sind diese in der Justizvollzugsanstalt Dinslaken verboten. Es gibt aber zwei Ausnahmen: die Woche ab dem Ostersonntag und den Advent. "Die Frauen haben sofort nach den Kerzen gefragt", erzählt Stukenbrock. Ein wenig Advent sollte werden, auf wenigen Quadratmetern Zelle.

Keine großen Kerzen, die der Pastoralreferent am ersten Advent im Frauengefängnis am Niederrhein ausgegeben hat: im Durchmesser wie Teelichter, kaum zehn Zentimeter hoch, die Farbe irgendwo zwischen Rosa und Orange. Wichtiger ist die symbolische Bedeutung: ein wenig warmes Licht, ein wenig Stimmung wie "draußen", in Freiheit. Vielleicht auch ein wenig Hoffnung in der Unsicherheit der Frauen in Dinslaken.

"Frauen sind die besseren Menschen"

Die Anstalt ist vor allem Untersuchungsgefängnis, viele Frauen haben den Prozess noch vor sich. Von Kleve bis Düsseldorf und zum Flughafen erstreckt sich der Einzugsbereich der JVA sowie von Mönchengladbach bis Essen. Trotzdem genügen 74 Haftplätze. "Frauen sind die besseren Menschen", sagt Stukenbrock. "Zumindest werden sie seltener kriminell." Im selben Gebiet gibt es zehnmal so viele U-Haft-Plätze für Männer.

Seit 1985 arbeitet der Pastoralreferent mit halber Stelle als Gefängnisseelsorger, zudem ist er in St. Dionysius Duisburg-Walsum tätig. Bis 1998 noch waren Männer in Dinslaken inhaftiert. Dann wurde die JVA zur Zweiganstalt von Duisburg-Hamborn, der "Frauenzweig" in Mülheim an der Ruhr wurde aufgelöst, die Frauen kamen nach Dinslaken. Das änderte auch die Arbeit von Hermann Stukenbrock.

Der Dinslakener Gefängnisseelsorger Hermann Stukenbrock in seinem Büro.

Briefkasten mit Gesprächsbitten

"Die Männer haben oft schon an die Zeit 'draußen' gedacht", vergleicht der heute 59-Jährige. Sie fragten "Können Sie mal jemanden für mich anrufen?" oder "Haben Sie Tabak?" Sagte der Seelsorger Nein, war das Gespräch häufig beendet. Frauen dagegen würden sich intensiv mit der Haft beschäftigen. "Sie erfahren stärker, was ihnen fehlt: Familie, Kinder, Freunde."

Da hilft der Briefkasten, den sich Stukenbrock und der evangelische Pfarrer Joachim Locher teilen. "Ich bitte um ein Gespräch" steht auf Zetteln darin, ein Name, manchmal eine Zellennummer. "Wenn es geht, hole ich die Frauen zum Gespräch aus den Zellen in mein Büro", erzählt Stukenbrock. Das klappt aber nur, wenn der evangelische Kollege gerade nicht da ist, mit dem sich Stukenbrock einen Computer, zwei Schränke und zwei Bücherregale teilt. Zwei wuchtige Schreibtische beherrschen den Raum, ein kleiner quadratischer Tisch steht ein wenig im Weg. Dort sitzen sich Stukenbrock und die Gefangene im Gespräch gegenüber. "Ich bleibe nicht hinter meinem Schreibtisch. Da bin ich zu weit weg."

Beziehungen zerbrechen

Raus aus der Zelle – schon das hebt die Seelsorgegespräche aus dem Haftalltag heraus. Und ihre Offenheit. Der Vertrauensvorschuss sei groß, sagt Stukenbrock. Er verweist auf die Verschwiegenheit der Seelsorger. "Wenn eine Frau sagt 'Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Ich kann nicht mehr. Ich möchte nicht mehr', dann würden normalerweise Sicherungsmaßnahmen angeordnet." Den Gedanken, sich etwas anzutun, hört Stukenbrock von Zeit zu Zeit immer wieder. Dem Seelsorger gegenüber können die Frauen ihn äußern. In den allermeisten Fällen steckt Verzweiflung dahinter, keine feste Absicht.

"Vieles im Gespräch ist Krisenintervention", sagt Stukenbrock. Die Frauen sorgten sich um ihre Beziehung, um die Kinder. "Männer sind nicht so treu", sagt Stukenbrock. "Viele wenden sich schon in der Untersuchungshaft von der Partnerin im Gefängnis ab." Im umgekehrten Fall – die Frau in Freiheit – halte die Beziehung oft länger.

Das Frauengefängnis in Dinslaken.

"Wie konnte Gott das zulassen?"

Viele Frauen bitten Stukenbrock, beim Jugendamt zu fragen, wie es ihren Kindern geht. "Ich kann ohne meine Kinder nicht leben", hört er oft. Auch Sinnfragen stellten sich in der Haft: "Wie konnte Gott zulassen, dass es so weit mit mir gekommen ist?" "Im Gefängnis höre ich das Wort 'Gott' manchmal häufiger als in der Gemeinde."

"Es ist ein Geschenk, dass mir die Frauen so vertrauen", findet Stukenbrock. "Das liegt an der Rolle als Seelsorger." Im Gefängnis werde er mit extremen Erfahrungen konfrontiert. Da helfe der andere Teil seiner Arbeit, der in der Pfarrgemeinde: "Das ist viel mehr als nur ein Ausgleich."

Symbole auch im Advent

Der Bedarf an Gesprächen steige vor Weihnachten an, sagt der Pastoralreferent. "Es ist eben eine emotionale Zeit." An einem Adventskaffee soll jede Gefangene teilnehmen können. Zwei Termine gibt es, den einen organisiert die JVA. Dann sind auch Angehörige eingeladen. Wer keine Familie hat, der kann zur Feier kommen, die Hermann Stukenbrock vorbereitet. Caritas-Mitarbeiter der St.-Vincentius-Gemeinde Dinslaken kommen dann in die JVA, setzen sich zu den Inhaftierten. Die Gefangenen backen Plätzchen, manchmal führen sie ein Krippenspiel auf. Am Adventskranz brennen die Kerzen.

Auf Symbole mag Stukenbrock im Advent nicht verzichten. Auch in den Gottesdiensten nicht, die er das ganze Jahr lang alle zwei Wochen anbietet, im Wechsel mit dem evangelischen Pfarrer. An Heiligabend besuchen die Seelsorger alle Zellen. "Ich habe es in 25 Jahren nur drei, vier Mal erlebt, dass uns jemand herausgeworfen hat, der es nicht ertragen hat, im Gefängnis an Weihnachten erinnert zu werden." Heiligabend werden 95 Prozent der Frauen den Gottesdienst besuchen, schätzt Stukenbrock. Bei den Männern seinerzeit waren es immerhin zwei Drittel. Und wenn an Weihnachten Tränen fließen? "Trauer ist auch ein Gefühl", sagt Hermann Stukenbrock. In diesem Umfeld gehört es dazu.

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