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12.03.2010
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Bischof Franz-Josef Overbeck

"Wir sind keine Volkskirche, aber eine Kirche im Volk mit volkskirchlichen Elementen": Der ernannte neue Bischof von Essen.

Interview mit dem ernannten Essener Bischof Franz-Josef Overbeck

"Das Ruhrgebiet ist meine Heimat"

Bistum. Rückblick und Ausblick: Welche Erfahrungen als Regionalbischof für Münster/Warendorf und zeitweiliger Diözesan-Administrator begleiten Franz-Josef Overbeck in die Reviermetropole? Was verbindet ihn schon heute mit dem Ruhrgebiet? Welche Herausforderungen erwarten ihn in dem vom wirtschaftlichen Strukturwandel gebeutelten Bistum Essen? Bilanz und Erwartungen in Gelassenheit.

Kirche+Leben: Übergänge charakterisieren Ihr bisheriges bischöfliches Wirken: neue Strukturen in Pfarreien, die Vakanz des Bischofsstuhls, der Wechsel nach Essen. Bezeichnen "Übergänge" auch die Herausforderungen des Glaubens?

Franz-Josef Overbeck: Tatsächlich ist die Form unseres Lebens im Glauben in einem Übergang begriffen – der Glaubensinhalt ist dagegen seit 2000 Jahren durch das Evangelium vorgegeben. Wie der Glaube in der Moderne gelebt wird, werde ich im Bistum Essen in einem radikaleren Zuschnitt vorfinden als im Bistum Münster. Das bedeutet, sich den Herausforderungen zu stellen und wirklich eine neue Form zu finden, um das Identische des Christseins zu leben: vor allem im Ruhrgebiet mit wirtschaftlichen Problemen, neuer Armut, aber auch viel Entwicklungspotenzial. Schon lange herrscht im Sauerland eine Diaspora-Situation vor mit vielen evangelischen Christen, aber auch dort müssen die Katholiken immer wieder neu zusammenfinden.

Kirche+Leben: Sie haben das Bistum Münster geleitet, bis Bischof Felix Genn aus Essen kam. Nun werden Sie an seiner Stelle Bischof von Essen. Was bedeuten diese personellen Umstände für Sie selbst?

Overbeck: Als wir uns nach meiner Wahl zum ersten Mal trafen, habe ich ihm gesagt, dass ich jetzt den Weg nach Essen gehe, den er von Essen nach Münster gegangen ist. Es gibt eine enge Verbindung zwischen beiden Bistümern aus der Geschichte heraus, jetzt ergibt sie sich auch durch Personen und persönliche Prägungen. Diese neue Verbindung hat sich aus der Kirchenpolitik ergeben und aus dem Beistand des Heiligen Geistes ...

Kirche+Leben: ... und nicht als Wirken der Beteiligten?

Overbeck: (lacht) Nein, wir beide haben uns nicht eingemischt. Aber wir sollten das weiter ausgestalten, was schon heute gut ist.

Kirche+Leben: Ihr Weg innerhalb der kirchlichen Hierarchie vollzieht sich rasch. Wie verkraften Sie die wachsende Verantwortung?

Overbeck: Mit der Bischofsweihe habe ich in einem Maße Verantwortung übernehmen müssen, wie ich es nicht erwartet hatte. Gleichzeitig weiß ich, dass ich dem auch standhalten kann und Herausforderungen gern annehme, weil ich gestalten will. Darum gehe ich diesen Weg getrost weiter und vertraue auf den Beistand des Heiligen Geistes.

Kirche+Leben: Von Ihrer Heimatstadt Marl ist es nur halb so weit nach Essen wie nach Münster. Was hat Sie schon bisher mit Essen und dem Bistum Essen verbunden?

Overbeck: Das Ruhrgebiet ist meine Heimat, denn Marl südlich der Lippe gehört nicht mehr zum klassischen Münsterland. Aufgrund der Umstrukturierung im Kohlebergbau und der Chemieindustrie hat Marl Anteil am Geschick vieler benachbarter Städte. Andererseits ist Marl auch landwirtschaftlich geprägt, ich selbst komme von einem Bauernhof. Ich kenne also die Lebensumstände im künftigen Bistum.

Zudem wird es mir den Zugang zu den Menschen im Bistum Essen erleichtern, dass ich mit diesen Menschen groß geworden bin. Und in der Tat – die Stadtgrenze von Marl bildet im Stadtteil Polsum zugleich die Grenze zum Bistum Essen. Schließlich gibt es noch eine familiäre Bindung: Der Priester des Bistums Münster, Prälat Franz Sellhorst, der ins Bistum Essen gegangen ist, war über meine Großmutter mit mir verwandt.

Kirche+Leben: Wie verkraften Sie Enttäuschungen, was hilft Ihnen, Ihren Weg zu gehen?

Overbeck: Die größte geistliche Herausforderung für jeden Christen besteht darin, die Wirklichkeit zu lieben und zugleich mehr zu erwarten als menschenmöglich ist, weil Gott wirkt. Außerdem bin ich zum einen nüchterner Westfale und stehe zum anderen in einer Familientradition unternehmerischer Verantwortung. Wer Ausdauer besitzt und das Ziel im Blick hat, der erreicht es auch über Kurven und Hindernisse hinweg.

Kirche+Leben: Wir begehen das 1200. Todesjahr unseres Gründerbischofs Liudger. Welche Ausprägungen seines bischöflichen Handelns sind für Sie noch heute aktuell?

Overbeck: Liudger hat es mit den seinerzeitigen Missionsstrategien verstanden, Christen an klösterlichen Orten zu sammeln und auf diese Weise zu verdeutlichen: Ohne Gebet und Kult gibt es keine Prägung von Kirche und Christsein. Das wird insbesondere nötig sein in einem relativ städtisch geprägten Bistum. Ein Zweites – Liudger hat die Anfänge einer städtischen Kultur begleitet; wir leben heute als Christen in einer städtisch geprägten Kultur, die sich oft sehr profan, gottfern darstellt.

Franz-Josef Overbeck bei der Eröffnung des Paulus-Jahres.

Kirche+Leben: Damit empfiehlt sich der münsterische Bistumspatron Paulus mit seiner Predigt in Athen als weiteres Vorbild ...

Overbeck: ... tatsächlich, denn Paulus hat auf dem Areopag den "unbekannten Gott" gepredigt, von dem allerdings viele Menschen, nicht einmal aus bösem Willen, erst später hören wollten. Diese Herausforderung, in einer städtischen Kultur unter heutigen Bedingungen Christus zu verkündigen, schlägt gleichermaßen einen Bogen zu Paulus wie zu Liudger.

Kirche+Leben: Liudger hatte eine starke mönchische Ausprägung. Auch Ihnen ist eine Verbindung zu einem Kloster wichtig.

Overbeck: Seit meinen römischen Studienjahren bin ich stark jesuitisch geprägt. Die Exerzitien des heiligen Ignatius sind mir für den Alltag sehr wichtig. Und seit mehr als zwanzig Jahren fahre ich jeden Monat für einen Tag der Einkehr ins Kloster Gerleve.

Kirche+Leben: Was bedeutet es für Sie, dass Liudger die Bistümer Essen und Münster verbindet?

Overbeck: Das ist auch ein Teil meiner Biographie geworden: Als Weihbischof war ich in dem Bistum tätig, das der heilige Liudger gegründet hat; und jetzt werde ich als Bischof von Essen Hüter seines Grabes. Liudger hat zu seiner Zeit die städtische Kultur mönchisch beeinflusst und zeitgemäße Formen gefunden – das müssen auch wir, mit bloßer Tradition ist es nicht getan. Das Verbindende ist zugleich das Herausfordernde: Die Formen für heute noch nicht gefunden zu haben, das sitzt wie ein Stachel im Fleisch.

Kirche+Leben: Wie haben Sie als Regionalbischof für Münster/Warendorf die Aktiven in den Pfarreien gestärkt, deren Engagement kaum zahlenmäßige Früchte trägt?

Overbeck: Was meinen Sie mit den "Aktiven"? Die Priester, die Pastoralreferentinnen und Diakone, die vielen Katecheten und die vielen in den Gremien Tätigen? Auch die regelmäßig zum Gottesdienst Gehenden? Die vielen, die mit großer Aufmerksamkeit das kirchliche Leben wahrnehmen und nur hin und wieder für uns sichtbar daran teilnehmen? Für mich spannt sich der Rahmen weit größer als viele meinen. Bei Firmungen und Gottesdiensten bin ich auf viele Menschen mit größter Aufmerksamkeit getroffen, die das Christentum nicht unbedingt zu ihrer alltäglichen Lebensform machen, aber trotzdem ehrlich Suchende sind.

Ein Besuch in Telgte.

Kirche+Leben: Was konnten Sie ungeachtet der kurzen Zeit in der Region auf den Weg bringen?

Overbeck: Hinsichtlich der Neustrukturierung der Pfarreien habe ich das weiter begleitet, was für die Zukunftsfähigkeit der Kirche unbedingt nötig ist, wenn es auch nicht wenige Menschen gibt, die sich schwer tun, diesen Weg mitzugehen. Sowohl in Münster wie im Kreisdekanat Warendorf werde ich die begonnenen Gespräche so zu Ende führen, dass mein Nachfolger die nächsten Schritte gehen kann.

Dabei habe ich eine Erfahrung mit der westfälischen Mentalität gemacht: Die Stärke, in Ruhe erst einmal bei dem zu bleiben, was ist, kann sich auch ins Negative verkehren, wenn sie nicht rechtzeitig feststellt, wo sie sich weiterentwickeln muss. Die Zeichen des Neuen, nicht des Kommenden, sondern des Schon-Da-Seienden sind so klar, dass neue Schritte zwingend sind. Ich erlebe viele einsichtige Menschen. Leider erfahren Bedenkenträger größere Aufmerksamkeit.

Kirche+Leben: Ein Jahr lang haben Sie in der Zeit der Vakanz des Bischofsstuhls als Diözesan-Administrator das Bistum Münster geleitet. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit schätzen Sie für Ihr neues Amt?

Overbeck: Der Bischof ist ja entsprechend der griechischen Wortwurzel derjenige, der den Überblick hat und ihn bewahren muss. Darum habe ich mich als Administrator bemüht, mit der Hilfe anderer. Es war gut, diese Erfahrung in einer großen Diözese gemacht zu haben. Zugleich habe ich deutlich gespürt, welche Einheits-Funktion dem Bischof zukommt, die Menschen im katholisch-weiten Sinn beisammen zu halten – und zwar alle.

Kirche+Leben: Von daheim her kennen Sie Wirtschaft aus der Unternehmer-Perspektive, Essen gilt als Arbeiter-Bistum. Welche sozialpolitische Verantwortung empfinden Sie?

Overbeck: Zunächst verstehe ich den Begriff des Unternehmers so, dass dieser immer auch das Wohl der Mitarbeitenden im Blick hat. Viele Menschen – höre ich häufiger – würden gern mehr und anders arbeiten, würden sie mehr wahrgenommen und wertgeschätzt. Oft fühlen sie sich nicht als Person angenommen. Ich habe mir vorgenommen, unter dieser Perspektive im Bistum Essen zu wirken.

Zudem werde ich als Ruhr-Bischof sehr deutlich das Wort erheben für die Armen. Wir brauchen nicht nur einen "Aufbau Ost", wir brauchen einen "Aufbau Ruhrgebiet". Es heißt die Gerechtigkeits-Perspektive in den Blick zu nehmen, damit Familien ja zu Kindern sagen können, damit ein friedliches Miteinander mit den vielen Migranten, Andersgläubigen und Nichtgläubigen gelingt. Und zum anderen hat die Gerechtigkeits-Perspektive mit der Schaffung von Arbeitsplätzen zu tun. Als Ruhr-Bischof wird es meine Aufgabe sein, am Herstellen eines öffentlichen Bewusstseins mitzuwirken, dass Menschen Arbeit benötigen, weil dies ihrer Würde entspricht, weil sie das in ihrer Freiheit und Verantwortungs-Fähigkeit stärkt und gleichzeitig ein gedeihliches Gemeinwohl fördert.

Kirche+Leben: Welche Chance liegt darin, dass die Kirchen am Programm der "Kulturhauptstadt Europas 2010 Essen" mitwirken?

Overbeck: Zum einen ist es völlig selbstverständlich, dass bei einem solchen Ereignis die Kirchen als große gesellschaftliche Akteure präsent sind – das erwarten die Menschen von uns. Zum anderen kommt das Wort Kultur von "cultura", es hat mit Kult zu tun und damit, Gott zu ehren und zu achten. In dieser Hinsicht werde ich mich als Bischof bemühen, in der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, was Kultur ist. Auf jeden Fall ist Kultur weit mehr, als postmoderne Beliebigkeiten uns in aller Vielfalt anbieten.

Franz-Josef Overbeck bei einem Segnungsgottesdienst für Jubiläumspaare.

Kirche+Leben: Sie rücken als jüngster Diözesanbischof in den Führungskreis der Deutschen Bischofskonferenz auf. Werden Sie sich dort für neue Initiativen stark machen, auf suchende Menschen zuzugehen?

Overbeck: Alle Menschen sind fähig, mit Angeboten unseres Glaubens und mit Gott in Berührung zu kommen. Ob wir kurzlebige Dinge tun oder lassen – sie fördern nicht die innere Verbindung mit der Kirche, wenn nicht eine Bereitschaft zum Hören auf Gott und das Evangelium, wenn nicht Glaube hinzukommt und das, was wir theologisch Gnade nennen. So gesehen leben wir in Zeiten großer Gottesnot.

Am Sonntag hatte ich eine "Hubertusmesse" in meiner Heimat, weil mein Vater Jäger ist. Die Kirche war voller als Weihnachten. Von vielen Besuchern wusste ich, dass sie nicht regelmäßig zur Kirche gehen. Es waren aber auch alle da, die sehr regelmäßig kommen. Mit genau dieser Mischung haben wir als Kirche heute zu leben. Ich würde mir mehr Menschen wünschen, die beständig am kirchlichen Leben teilnehmen. Aber ich habe mir ein Wort zu eigen gemacht, das auf meinem Schreibtisch liegt: "Es ist, wie es ist." Das ist Liebe zur Wirklichkeit.

Die Liturgie auf merkwürdige Weise zu verheutigen, davon halte ich nichts, denn das dünnt nur ihren Inhalt aus. Das Wesentliche wird heute durch Beziehungen vermittelt. Suchende Menschen brauchen Christen, die sie religiös mittragen. Wir müssen Kirche heute verstehen als Angebot der Heimat für viele Menschen aus unterschiedlicher Rücksicht. In diesem Sinne sind wir keine Volkskirche, aber eine Kirche im Volk mit volkskirch­lichen Elementen.

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