
Feierlicher Einzug zum Gottesdienst im Rahmen der 63. Glatzer Wallfahrt in Telgte.
Erinnerung an den Kriegsausbruch vor 70 Jahren
Wallfahrt der Grafschaft Glatz nach Telgte
Telgte. 55 Millionen Tote und 15 Millionen Heimatvertriebene – das ist die schreckliche Bilanz des Zweiten Weltkriegs, der vor 70 Jahren mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen begann. Daran erinnerte Großdechant Franz Jung am Samstag (29.08.2009) bei einem Festgottesdienst anlässlich der 63. Glatzer Wallfahrt in Telgte.
Jung ist Visitator für die Katholiken der Grafschaft Glatz. "Viele, die den Krieg miterlebt haben, werden am Gedenktag von schmerzhaften Erinnerungen heimgesucht, Erinnerungen an Gewalt, Rechtlosigkeit und Ohnmacht, Erinnerungen an den Verlust von Angehörigen und Freunden oder den Verlust der Heimat", zitierte der Geistliche aus einer gemeinsamen Erklärung, die der Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Józef Michalik, und Erzbischof Robert Zollitsch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz aus diesem Anlass veröffentlicht haben.
Tief in unserem Gedächtnis
Manche Verletzung an Geist und Seele sei bis heute nicht geheilt, heißt es dort weiter. "Im Gegenteil: Die Erlebnisse haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt", so Jung. Zu rechtfertigen seien sie durch nichts.
Dennoch setzten sich die Glatzer für Versöhnung und Frieden ein, betonte der Geistliche und verwies in diesem Zusammenhang auf die vielen Kontakte, die Glatzer heute zu Polen unterhielten. Auch seien in der Vergangenheit zahlreiche Hilfslieferungen mit Lebensmitteln und Kleidung in die ehemalige Heimat gestartet.
Zeichen für Frieden und Völkerverständigung
Jung: "Damit setzen wir Zeichen für Frieden und Völkerverständigung." Versöhnung sei aber nur möglich, wenn historische Fakten anerkannt würden. Der Großdechant weiter: "Die Besiedlung der Grafschaft Glatz fand im 13. Jahrhundert durch den böhmischen König Ottokar II. mit Deutschen aus Franken, Thüringen und Meißen statt. Die Polen können also nicht davon sprechen, nach 1945 in ihr Land zurückgekehrt zu sein.
Nach dem Gottesdienst nutzten die Gläubigen die Gelegenheit zum geselligen Beisammensein auf dem Platz rund um die Telgter St. Clemens Kirche und die Gnadenkapelle mit dem Bildnis der Schmerzhaften Mutter. Sie trafen alte Bekannte wieder und stöberten auf dem Basar im Pfarrheim, den die Organisatoren der Wallfahrt auf die Beine gestellt hatten.
Heimathaus zeigte Fotos aus dem Glatzer Land
Das Museum Heimathaus Münsterland zeigte Fotos aus dem Glatzer Land. Händler boten schlesische Spezialitäten an. Diese Mischung aus Wallfahrt und Heimattreffen zieht jährlich rund 2.000 ehemalige Glatzer nach Telgte. Eine von ihnen ist Christine Hennecke. Sie kommt jedes Jahr zur Schmerzhaften Mutter nach Telgte, um persönliche Anliegen vorzubringen.
"Zugleich genieße ich die Atmosphäre und freue mich, Leute aus meiner Heimat zu treffen", so die Rentnerin, die heute in Balve wohnt. Genauso ergeht es Maria Heßling aus Billerbeck und Elfriede Stehn als Dülmen, während Schwester Bonitura von den Mauritzer Franziskanerinnen sich vor allem darauf freut, im Gottesdienst wieder einmal Lieder aus der Heimat singen zu können.
Was wird aus den Traditionen?
"Herr, wohin sollen wir gehen? Du allein hast Worte des ewigen Lebens (Joh 6,68)". So lautete das Motto der Wallfahrt in diesem Jahr. Eine Frage mit vielen Facetten: Immerhin leben von den rund 180.000 ehemaligen Bewohnern der Grafschaft Glatz nur noch circa 45.000.
Was wird aus den Erinnerungen, den Traditionen? Wie lange gibt es die Wallfahrt noch? Und vor allem: Wohin steuert eine Gesellschaft, in der der Glaube mehr und mehr zu verdunsten scheintt? Fragen, die auch Franz Jung beschäftigen. Er riet den Gläubigen zur Zuversicht. "Auch heute hält Jesus Christus die Zügel in der Hand, auch wenn andere zu regieren glauben", zitierte er Edith Stein.
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Text: Marita Galka | Foto: Marita Galka
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