
Die Studie zeigt: Im Oldenburger Land lebt keine bettelarme Gesellschaft von Bauern, sondern eine moderne Industriegesellschaft mit einer lückenlosen Wertschöpfungskette rund um die Landwirtschaft.
Studie zum Oldenburger Münsterland
"Land mit Aussicht"
Vechta. Der achtzigste Geburtstag der Chefin wird in der ausgeräumten Werkshalle gefeiert. Auf jedem Stuhl liegt ein Briefumschlag: 1.000 Euro für jeden Mitarbeiter. "Ich kann das Geld ja nicht mit ins Grab nehmen", sagte die kürzlich verstorbene Unternehmerin Gertrud Pöppelmann damals. Aus dem Oldenburger Münsterland gibt es viele solcher Geschichten: Von Unternehmern, die sich vom Melker zum Global Player hochgearbeitet haben; die Bier statt Champagner trinken und nie woanders leben möchten als hier.
In der Studie "Land mit Aussicht" hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung den verblüffenden Aufschwung der Landkreise Cloppenburg und Vechta im westlichen Niedersachsen unter die Lupe genommen: Das Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahrzehnt dreimal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Der Landkreis Cloppenburg führt die Geburtenstatistik an: 2007 waren es 1,74 Kinder pro Frau, in Vechta 1,57 gegenüber 1,37 im Bundesdurchschnitt.
Lückenlose Wertschöpfungskette
"Zuerst dachten wir darüber, die Region sei einfach rückständig", gesteht Reiner Klingholz, der Leiter der Studie. Doch von einer unmodernen Gesellschaft könne keine Rede sein. Eine bettelarme Gesellschaft von Bauern, die ihr Land dem Moor abgerungen hatten und als Katholiken im protestantischen Umfeld kulturell isoliert waren, hat sich in wenigen Jahrzehnten zu einer Industriegesellschaft gemausert, die ihren relativen Wohlstand auf einer lückenlosen Wertschöpfungskette rund um die Landwirtschaft gründet: Von Futter- und Düngemittelproduktion über Landmaschinenbau bis zur Fleischverarbeitung.
Dabei haben "alte Werte wie Familie, Heimat und Ehrenamt, Vereinsleben und Religion hier länger überlebt als anderswo", bescheinigt das Berlin-Institut - Werte, die angesichts des demografischen Wandels und des Rückzugs des Staates wieder hochaktuell seien. Für die Wissenschaftler ist die intakte Solidargemeinschaft Ursache für beides: für den wirtschaftlichen Erfolg, der auf der Kooperation der Familienbetriebe beruht, und für das Vertrauen in eine Zukunft mit Kindern. Fast ein Fünftel der Menschen lebt mit drei oder mehr Generationen in einem Haushalt, im Rest der Bundesrepublik trifft das gerade mal auf ein Prozent zu. Also, folgert Klingholz, ist der Kinderreichtum viel mehr diesem Zusammenhalt zu danken als den familienpolitischen Maßnahmen, die in der Region kaum greifen: Es gibt wenig Betreuungsplätze, und das Elterngeld lohnt sich angesichts des niedrigen Lohnniveaus hier kaum.
Je religiöse, desto mehr Kinder
Je religiöser sich die Befragten einschätzen, desto mehr Kinder haben sie. "Die Kirche gehört zum Milieu dazu", sagt Hermann von Laer, Politikwissenschaftler an der Uni Vechta. Doch auch im Oldenburger Münsterland geht die Religiosität zurück. Hier, meint Alfons Gierse vom Referat Ehe und Familie im Offizialat Oldenburg, müsse die Kirche mit Erwachsenenseelsorge ansetzen. Die Resonanz auf seine Kommunikationstrainings für Paare ist eher verhalten; solche Probleme gibt man vor anderen ungern zu - zu verbreitet ist das Leitbild vom Aufsteiger, der sein Leben im Griff hat. "In Zukunft müssen wir die sozialen Netzwerke noch auf eine tiefere Ebene gründen", sagt Gierse. "Probleme braucht man in einer christlichen Gemeinschaft nicht nur im Stillen vor dem Gnadenbild von Bethen loswerden."
Als Modell taugt das Oldenburger Münsterland wenig - zu speziell ist die Geschichte, und zu schnell scheinen demografische, arbeitsmarktpolitische und ökologische Probleme die Region einzuholen. Doch für Klingolz lässt sich aus der Studie ableiten, dass ländliche Räume, deren Bewohner keine Eigeninitiative im wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Bereich an den Tag legen, keine Zukunft haben. Deren Schicksal, meint er, wird ein "demografischer Sozialdarwinismus" besiegeln.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Bistumshandbuch: Oldenburger Land (Region des Bistums)
Bistumshandbuch: Offizialatsbezirk Oldenburg
Übersicht: Umfragen und Studien
Text:
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: Michael Bönte
07.08.2009
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