
Mit dem Hochfest Peter und Paul endet das Paulus-Jahr.
Interview mit dem Bibelwissenschaftler Söding:
Eine kritische Bilanz des Paulus-Jahres
Bistum. Mit dem Hochfest Peter und Paul am 29. Juni endet offiziell das Paulus-Jahr. Der münstersche Bibelwissenschaftler Thomas Söding, Neutestamentler an der Uni Bochum und Vorsitzender des Bibelwerkes im Bistum Münster, zieht im Interview mit kirchensite.de eine Bilanz des Gedenkjahres an den 2000. Geburtstages des Völkerapostels.
kirchensite.de: Wie fällt Ihre Bilanz des Paulus-Jahres aus?
Professor Thomas Söding: Ich bin überrascht, wie groß das Echo war, speziell in Deutschland. In den Akademien, in den Fakultäten und in vielen Gemeinden gab es zahlreiche Veranstaltungen, die gut besucht waren. Das hätte ich vorher so nicht erwartet. Allerdings: Ökumenisch ist vergleichsweise wenig gelaufen. Die evangelische Seite blieb reserviert. Das kann aber den positiven Gesamteindruck nicht trüben.
kirchensite.de: Paulus war ein wichtiger Theologe und ist für die Theologen wichtig. Ist Paulus aber auch nach Ihrer Einschätzung genug bei den "normalen" Gläubigen angekommen?
Söding: Der Theologe Paulus ist und bleibt schwer. Das ist auch gut so, weil er Ansprüche stellt und immer neu zu entdecken ist. Aber Paulus ist auch ein Mensch mit einer dramatischen Biographie; er hat der religiösen Gewalt abgeschworen; er hat die Hoffnung auf die Rettung Israels nicht aufgegeben; er hat mit unglaublichem Weitblick seine Friedensmission vorangetrieben und Gemeinden gegründet, die wachsen konnten. Dieser Paulus ist durch das Paulus-Jahr populärer als vorher geworden.
kirchensite.de: Gibt es neue Erkenntnisse aufgrund des Paulus-Jahres?
Söding: Die Paulusforschung ist nicht an Jubiläen gebunden. Aufgrund des Paulus-Jahres ist aber deutlich geworden, wie gut Paulus ankommt und dass jenseits aller Vorurteile eine echte Faszination von ihm ausgeht: Paulus aus dem jüdischen Horizont heraus zu verstehen; das Menschen- und das Kirchenbild des Apostels zu betrachten; seine Verkündigung der Auferstehung Jesu nachzuzeichnen– das waren große Themen. Und in den aktuellen Debatten über die "Judenmission" und die Piusbrüder, also die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils, ist keine Gestalt der Bibel wichtiger als Paulus – ausgenommen allerdings Jesus.
kirchensite.de: Was war für Sie persönlich der Höhepunkt des Jahres?
Söding: Der Ordenstag in Münster, bei dem ich über Paulus gesprochen habe, und die Geistlichen Abende in der Fastenzeit, unter anderem mit dem Bischof von Tarsus, Luigi Padovese.
kirchensite.de: Gibt es eine neue Veröffentlichung zu Paulus, die aus Anlass dieses Jahres erschienen ist und die Sie besonders hervorheben möchten?
Söding: Es gibt viele kleine Schriften und ein neues Paulusbuch "Klaus Haacker, Paulus, der Apostel. Wie er wurde, was er war" erschienen im Katholischen Bibelwerk 2008. Und für Jüngere: "Alois Prinz, Der erste Christ. Die Lebensgeschichte des Apostels Paulus, Weinheim" (Beltz & Geldberg) 2007.
kirchensite.de: Was bleibt vom Paulus-Jahr?
Söding: Es bleibt der Eindruck einer ungebrochenen Aktualität des Apostels. Ohne dass Papst Benedikt XVI. das Paulus-Jahr ausgerufen hätte, wäre gar nicht so deutlich geworden, wie viel der Apostel den Menschen heute sagt. Deshalb macht das Paulus-Jahr allen Mut, die für eine lebendige Bibelarbeit eintreten.
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