
Blick auf Jerusalem.
Christen verlassen oft das Heilige Land
Keine Zukunft in der Heimat Jesu?
Jerusalem. May Bathish ist Christin und stolz darauf: Die 28-jährige Palästinenserin stammt aus einer alten Jerusalemer Familie, ihr ganzes Leben kreist um die Kirche. Sie wohnt im christlichen Viertel der Altstadt, arbeitet in einem Pilgerhaus, und in ihrer Freizeit unterrichtet sie die Kinder der Sonntagsschule. "Um nichts in der Welt würde ich Jerusalem verlassen", sagt die junge Katholikin entschieden, "hier ist mein Zuhause."
Die christlichen Palästinenser hängen an ihrer Heimat, aber nicht viele denken so radikal wie May. Praktisch jede Familie hat bereits Verwandte im Ausland - und immer mehr ziehen nach. "Zwei Drittel unseres Kirchenvolkes wohnen bereits in Übersee", klagt der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal: "Auswanderer und ihre Nachfahren." Im Stammland der Christenheit selbst stellen die Christen mittlerweile nur noch rund zwei Prozent der Bevölkerung. Die meisten von ihnen sind orthodoxe oder katholische Araber.
Mehrere Auswanderungswellen
Der erste große Abwanderungsschub kam 1948 mit der massenhaften Flucht und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus dem neu gegründeten Israel. Die dank der Ordensschulen überdurchschnittlich gebildeten Christen hielt es nicht lange in den Flüchtlingslagern. Viele suchten eine bessere Zukunft in christlichen Ländern des Westens.
Auch die israelische Besetzung des Westjordanlandes 1967 zog eine Auswandererwelle nach sich, genauso wie die beiden Intifadas. Leben erst einmal Verwandte im Ausland, fällt deren Angehörigen der Nachzug umso leichter.
Am stärksten betroffen vom "Exodus der Christen" ist das Westjordanland: Das "Eingesperrtsein" innerhalb der israelischen Sperranlagen, die hohe Arbeitslosigkeit, der radikaler werdende Islam rundherum und das Scheitern sämtlicher Friedensprozesse - all das führt dazu, dass viele Familien aufgeben.
In Israel hingegen, wo der Nahost-Konflikt weniger den Alltag belastet, befinden sich die christlichen Gemeinden in ständigem Wachstum. Allerdings nehmen die jüdischen und muslimischen Bevölkerungsteile durch Einwanderung beziehungsweise eine höhere Geburtenrate noch schneller zu. Sogar im einst christlichen Nazaret haben so die Muslime mittlerweile die Oberhand gewonnen.
Täuschung in der Heiligen Stadt
In der Heiligen Stadt selbst täuscht die hohe Dichte an Kirchen eine starke christliche Präsenz vor: Orthodoxe, Katholiken, Protestanten - zahllose Gemeinschaften drängen sich in der geschichtsträchtigen Altstadt. Jerusalem dürfte mit einer Kirche pro 177 Gläubige das höchste "Kirche-Pro-Kopf-Aufkommen" weltweit haben. Die Zahl der christlichen Einwohner blieb in der beständig expandierenden Stadt in den vergangenen Jahren relativ stabil bei rund 13.000.
Allerdings fürchten die Kirchenverantwortlichen, dass auch hier in Zukunft die Geburtenrate die Abwanderung nicht mehr ausgleichen wird - immer weniger junge Leute wagen es mittlerweile, die Verantwortung von Ehe und Familie auf sich zu nehmen: Die Gehälter sind zu niedrig für die horrend hohen Mieten und ein Ausweichen in die billigeren Vororte ist seit dem Bau der Sperranlagen nicht mehr möglich. Das ist einer von vielen Gründen, hinter denen immer dasselbe Gespenst steht: der Konflikt.
Wenn auch die Statistiken in Jerusalem und Israel die traditionelle christliche Bevölkerung gut erfassen; ein Fragezeichen steht dennoch hinter der christlichen Präsenz: Völlig unklar ist nämlich, wie viele Christen im Zuge der russischen Einwanderungswelle in den vergangenen 20 Jahren nach Israel gekommen sind - als enge nichtjüdische Verwandte von Juden.
Mehr oder weniger in ihr jüdisches Umfeld integriert, überschwemmen viele von ihnen am Sabbat christlichen Heiligtümer, um dort ein Stück ihrer alten Heimat zu finden. Zählt man diese Neuzugezogenen mit, und dazu noch an die 20.000 Gastarbeiter vor allem aus den Philippinen, dann dürfte die Zahl der Christen im Heiligen Land in den vergangenen Jahren sogar gewachsen sein.
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