
Im Mittelgang des Trierer Domes wurde der Heilige Rock, die Tunika Christi, während der Wallfahrt 1996 gezeigt. Viele tausend Menschen zogen an der Reliquie vorbei, die hier von Bischof Hermann Josef Spital (Mitte) und Felix Genn, dem damaligen Wallfahrtsleiter (links) feierlich verehrt wurde.
Felix Genn leitete 1996 die Trierer Wallfahrt
Die Heilig-Rock-Wallfahrt war ein großes Geschenk
Bistum / Trier. Als Bischof Hermann Josef Spital zu einer Heilig-Rock-Wallfahrt für 1996 einlud, bestellte er den Spiritual des Trierer Priesterseminars, Felix Genn, zum Wallfahrtsleiter.
1196 war der Heilige Rock, das Untergewand Christi, als Reliquie in den Altar im Ostchor des Trierer Domes eingemauert worden. 800 Jahre später sollte, wie bereits mehrfach zuvor, wieder eine Heilig-Rock-Wallfahrt stattfinden.
"Das Jahr 2000 nahte heran. Für Bischof Spital war das der Grund, sich mit den Christen im Bistum auf einen geistigen Weg in das neue Jahrtausend zu begeben", erinnert sich Georg Bätzing, Regens des Priesterseminars in Trier. Zur Vorbereitung dieser Wallfahrt wählte der Bischof Felix Genn als Wallfahrtsleiter aus, mit dem Georg Bätzing schon damals befreundet war. Die Wallfahrt wurde zu einem vierwöchigen Fest des Glaubens, das rund 700.000 Christen aus dem Bistum und aus ganz Deutschland anzog. Genn hatte mit dieser Wallfahrt einen geistlichen Höhepunkt gesetzt.
"Felix Genn ist ein spiritueller Mensch. Das ist ein großes Pfund, mit dem er wuchern kann", sagt Bätzing. Er muss nicht lange nach Antworten suchen auf die Frage, warum Bischof Spital gerade Genn als Leiter der Wallfahrt aussuchte. Georg Bätzing fasst zusammen: Genn genieße bis heute großes Vertrauen im Bistum. Dieses habe er sich in seiner Zeit als Subregens ab 1978 und als Spiritual ab 1985 bei den Priestern und Hauptamtlichen in der Seelsorge erworben. Und: Genn sei bereits damals offen auf die Menschen zugegangen, mit denen er das Gespräch suchte. Darüber hinaus habe er schon in Trier eine große Freundlichkeit ausgestrahlt: "Eigenschaften, die schnell Vertrauen und Gemeinsamkeiten erzeugen."
Bätzing charakterisiert Genn als einen Mann, der sich eine hohe theologische Kompetenz erworben hat, die ihm bei der Planung der Wallfahrt sehr zugute kam. "Er war kein Mann der Verwaltung, sondern stand immer außen vor und musste durch seine Persönlichkeit und Kompetenzen überzeugen."
Und eine weitere Eigenschaft habe Genn zum idealen Wallfahrtsleiter gemacht: "Er hob spirituell nicht ab. Seine theologischen Auslegungen waren stets realitätsbezogen. Seine Deutungen der Ereignisse, die wir im Alltag erlebten, waren stets fundiert." Erlernt habe er diese Fähigkeiten unter anderem bei den Jesuiten.
Seine Charakterisierung belegt Bätzing mit einer Vorbereitungsform der Wallfahrt: den Exerzitien im Alltag. Diese Form ist heute in der Seelsorge – vor allem in der Advents- und Fastenzeit – sehr geläufig. "Sie war damals zwar bereits entwickelt, gehörte aber noch nicht zu den verbreiteten Formen." Dieses Modell hatte Genn im Rahmen seiner Arbeit als Spiritual erfahren und erprobt. Nach seiner Einschätzung war es gerade für die Menschen eine ideale Alternative, die es sich nicht leisten konnten, für einen gewissen Zeitraum in ein Kloster oder Bildungshaus zu gehen.
Vor Dechanten und Seelsorgern der Pfarrverbände warb Genn immer wieder für diese Form der Exerzitien: "Unter Exerzitien versteht man normalerweise eine Zeit von mehreren Tagen, in denen sich jemand aus seinem Alltag zurückzieht, vielleicht in ein Kloster oder in ein Bildungshaus. Dort bekommt er durch einen Vortrag oder durch ein Einzelgespräch ›Stoff‹ zur Betrachtung und zum Gebet ... Exerzitien im Alltag meinen nun, dass sich jemand nicht aus dem Alltag zurückzieht, sondern im Alltag bleibt, und der ›Stoff‹, der ihn zum Betrachten und Beten führen soll, der Alltag ist."
Genn wollte die Besinnung eben nicht aus dem alltäglichen Leben der Menschen herausholen, sondern den Alltag und das Beten stärker miteinander verflechten. Detailliert beschrieb der Wallfahrtsleiter konkrete Formen, wie die Exerzitien im Alltag gelebt werden konnten: täglich eine Viertelstunde Gebet, in der auf den Tag zurückgeschaut wird, täglich eine halbe Stunde Betrachtung eines geistlichen Textes, und alle 14 Tage ein Glaubensgespräch von etwa 90 Minuten in einer Gruppe. Besonders die Gruppe war Genn in diesem Zusammenhang wichtig. Eine Glaubensgruppe, deren Mitglieder um die gemeinsamen Exerzitien wissen und die sich austauschen. "Es geht darum, ein Gespür zu entwickeln, dass Glaube und Leben zusammengehören – übrigens ein Ziel, das ständig in Katechese und Predigt betont wird", beschrieb Genn seine Zielsetzung.
Genn wusste auch, dass dieses Projekt den Katholiken im Bistum Trier nicht einfach übergestülpt werden konnte. Er plante das Projekt Exerzitien im Alltag in zwei Schritten: Zunächst lud er alle Hauptamtlichen wie beispielsweise eine Pastoralkonferenz oder die Mitglieder eines Pfarrverbandsrates ein, solche Exerzitien zu machen. Für diese Gruppe hatte der Wallfahrtsleiter ein Begleitheft erstellt und eine Gruppe von Begleitern ausgesucht. Im zweiten Schritt warb er Gemeinden und Gruppen in den Pfarreien für diese Exerzitien. Die Fastenzeit 1996 bot sich nach Ansicht von Genn für die Exerzitien und damit für die Vorbereitung der Wallfahrt an.
Regens Bätzing erinnert sich gut an diese Phase. "Genn reiste damals durch das ganze Bistum, sprach mit vielen Menschen, suchte Begleiter aus und warb für diese Idee der Exerzitien. In dieser Phase ist eine echte Bewegung für die Heilig-Rock-Wallfahrt im Bistum entstanden", erzählt Georg Bätzing.
Für Genn waren diese Exerzitien kein Selbstzweck. Genns großes Thema war die Verbindung zu Christus. "Mit Christus auf dem Weg sein" war Kern der Heilig-Rock-Wallfahrt. "Wir möchten also nicht von einer Heilig-Rock-Ausstellung sprechen, da dieser Begriff viel zu sehr an eine Vernissage erinnert, und auch nicht von einer Wallfahrt zum Heiligen Rock, weil in der Tat dieses Gewand nicht das Ziel der Wallfahrt darstellen sollte. Am liebsten möchten wir von einer Christuswallfahrt der Trierer Ortskirche oder von einer Bistumswallfahrt sprechen", sagte Genn damals den Seelsorgern. Für ihn war Christus das entscheidende Moment der Wallfahrt.
Konzentration auf Christus
Um diese Verbindung zum Leuchten zu bringen, entwickelte er Formen und Instrumente, die nach Bätzings Einschätzung einerseits zu einem "Aha-Erlebnis" in der konkreten Zeit führten, aber andererseits lange nachwirkten. "Bis heute treffen sich Gruppen in den Gemeinden in der Advents- oder Fastenzeit oder zum Jahreswechsel zu intensiven Gebetszeiten und zur eucharistischen Anbetung", weiß Bätzing. "Mit Menschen über ihren Glauben zu sprechen – und das in einer Atmosphäre, die nicht künstlich wirkt, sondern in der Gebet, Glaube und Erfahrung eine Einheit bilden –, das war das große Verdienst von Genn über die Wallfahrt hinaus."
Erst diese christologische Hinwendung der Wallfahrt machte es den evangelischen Christen möglich, sich dieser Wallfahrt anzuschließen. Die offizielle Einladung von Bischof Spital, zu der ihn Genn sicher ermutigt hatte, wurde gern aufgegriffen. So warb der Präses der Rheinischen Landeskirche, Peter Beier, intensiv für die Teilnahme von rheinischen Gemeinden, auch indem er sogar ein eigenes Wallfahrtslied zur Heilig-Rock-Wallfahrt schrieb. Diesen christologischen Gedanken von Felix Genn nahm Präses Beier theologisch auf: "Der ungeteilte Heilige Rock kann ein greifbares Zeichen sein für die Einheit, die Christen verschiedener Konfessionen suchen."
"Man kann diese Verbundenheit der evangelischen Christen nicht hoch genug einschätzen", resümiert Bätzing. "Ein riesiges ökumenisches Geschenk."
Klug Akzente gesetzt sowie zeitgemäße Formen ausgewählt und unterstützt zu haben, sind für Bätzing weitere Verdienste von Felix Genn, die diese Wallfahrt zu einem großen spirituellen Ereignis werden ließen.
"Schon die Frage, wo wir die Reliquie zeigen – am Hochaltar oder im Mittelgang –, war entscheidend", erinnert sich Bätzing. Genn entschied sich für den Mittelgang und symbolisierte damit die enge Verbundenheit Christi mit allen Menschen. "Ein Symbol, das verstanden wurde", sagt Bätzing.
Oder das Abendlob. Geplant war, einen offenen Abschluss für jeden Tag anzubieten. "Wir rechneten zunächst mit 150 Menschen. Aber gleich am ersten Abend war der Dom brechend voll. Diese Form war der Renner während der Wallfahrt", sagt Bätzing. Genn habe sicher anfangs auch mit den Formen improvisiert und sie stilsicher entwickelt. "Es stimmte eben alles."
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Text: Jürgen Kappel | Foto: Archiv in
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