
Referentin Ingrid Lueb und Propst Hans-Bernd Serries.
Vortrag über Clemens August von Galen in Billerbeck
Dem Kardinal "Ecken und Kanten" zugestehen
Bistum. 75 Jahre ist es her, dass der damalige Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, in Billerbeck eine erste große Ansprache hielt: Am Ludgerus-Brunnen hörten ihm am 15. April 1934 rund 18 000 Männer und männliche Jugendliche zu. Dass er dabei "Front gegen das Dritte Reich" gemacht habe, wie es eine dort eingelassene Bodenplatte deutet, sei allerdings falsch. Das stellte die münstersche Historikerin Ingrid Lueb in einem Vortrag am Mittwoch (15.04.2009) fest.
Die Pfarr- und Propsteigemeinde St. Johann / St. Ludger Billerbeck hatte den Gedenktag mit einer festlichen Abendmesse eingeläutet. In den Fürbitten wurden dabei markante Zitate des 1946 verstorbenen und 2005 seliggesprochenen Kardinals genutzt. "Bischof von Galen und seine kontinuierliche Stärkung der inneren Front" hatte Lueb den folgenden Vortrag überschrieben, zu dem im gut gefüllten Pfarrheim Propst Hans-Bernd Serries die Referentin begrüßte.
Nicht auf ein Podest heben
Den Kardinal auf ein Podest heben und Schönfärberei betreiben, das könne sie nicht, stellte die Historikerin klar. Vielmehr solle diesem herausragenden Mann ein Recht auf menschliche Schwächen zugestanden werden. "Er soll als Mensch mit Ecken und Kanten sichtbar sein", wünschte die Historikerin, die gerade an der Herausgabe der Tagebücher des Galen-Sekretärs Heinrich Portmann arbeitet. Diese fanden sich erst kürzlich im Nachlass der Angehörigen. Seit vielen Jahren forscht Lueb im Familienumfeld und in Archiven zur Person des Kardinals und arbeitet eng mit dem münsterschen Kirchenhistoriker Hubert Wolf zusammen.
Die Münsteranerin nutzte einen Großteil des Vortrags, um das "Koordinatensystem" aus Erziehung und Katholizismus, aus adeliger Herkunft und Vater-Vorbild zu verdeutlichen, aus dem heraus Clemens August gelebt habe. Der Zwiespalt zwischen dem ererbten Respekt vor politischer Obrigkeit – ein Christ schulde jeder staatlichen Autorität als von Gott verliehen Respekt – und dem Totalitätsanspruch der Nationalsozialisten, der schließlich sein Gewissen herausgefordert habe, müsse entsetzlich gewesen sein für den "Riesen mit dem Kinderherzen".
"Innere Front" gegen die Nationalsozialisten
Die "innere Front auf den Spuren des heiligen Liudger", die er in seinen Diözesanen habe aufbauen und stärken wollen, spiegele seinen Weg weit eher als die auf der Billerbecker Bodenplatte proklamierte "Front gegen das Dritte Reich". Sie habe bereits zwei Vorschläge eingereicht, wie man die Inschrift ändern könne, sagte Lueb.
"Vertrau auf Gott und gib Dir Müh'", das könne man heute von Kardinal von Galen lernen, sagte die Referentin. Er habe ein Leben lang an sich gearbeitet, sei der Stimme Gottes – seinem Gewissen – treu geblieben und habe die eigene Selbstachtung höher gestellt als die Anerkennung und Achtung durch andere. Dies drücke sein Wahlspruch "Nicht Menschenlob noch Menschenfurcht" klar aus. Lueb plädierte dafür, die Ecken und Kanten, die Stärken und Schwächen Galens differenziert zu sehen. Schwachstelle seines Lebens sei der Referentin zufolge gewesen, kein Gespür für den Zivilisationsbruch der Judenverfolgung gehabt zu haben – "die Juden waren ihm zu fremd".
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Text: Heike Hänscheid | Foto: Heike Hänscheid
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